Gesellschaft

Irland: Jungfrau Maria gibt ihr Youtube-Debüt

Artikel veröffentlicht am 4. Dezember 2009
Artikel veröffentlicht am 4. Dezember 2009
Am 11. Oktober tauchten 5.000 Leute in der kleinen Stadt Knock in Westirland auf, um Zeuge einer angeblichen Erscheinung der Jungfrau Maria zu werden (und diese auf Video aufzuzeichnen). Zwei Wochen später hatten sich die Massen auf etwa 10.000 verdoppelt. Nun, da die Erscheinung zu einem Internetphänomen geworden ist, sehen die Ortsansässigen der nächsten Erscheinung am 5. Dezember entgegen.

Dr. Michael Neary nimmt kein Blatt vor den Mund, wenn es um die aktuellen Erscheinungen in Knock geht. “Das ist nicht gut”, erklärte der Erzbischof von Tuam der irischen Tageszeitung The Independent. “Es macht Gott keine Ehre. Es ist sicherlich kein guter Glaubensbeweis, nach außergewöhnlichen Phänomenen zu suchen.” Die Katholische Kirche steht den Aussagen von Joe Coleman skeptisch gegenüber. Der aus Dublin stammende spirituelle Heiler ist ein selbsternanntes “Sprachrohr für Gott” und erklärt, er rede nun schon seit einiger Zeit mit der Mutter Gottes - seit 1986 um genau zu sein. Aber er hat erst vor kurzem beschlossen damit an die Öffentlichkeit zu gehen. Maria, sagt er, habe eine Botschaft. “Unsere Maria sagt uns, dass wir zurück in die Kirche kommen sollen,” erklärte er der irischen Times. “Sie wird die Fundamente der Kirche erschüttern, wenn die Leute nicht zuhören, von Rom bis zurück zu uns hier in Knock.”

“Unsere Jungfrau Maria, Königin von Irland”

1979 machte die Stadt Schlagzeilen, als Dutzende von Leuten Zeugen einer göttlichen Erscheinung der “Heiligen Familie” wurden.

Solche bedeutungsschweren Erscheinungen sind für dieses abgeschiedene Dorf in einer von Irlands entvölkerten und verarmten Regionen nichts Neues. Im Jahr 1979 machte die Stadt weltweit Schlagzeilen, als Dutzende von Leuten unabhängig voneinander Zeugen einer göttlichen Erscheinung der “Heiligen Familie” (die Jungfrau Maria, Joseph und Jesus Christus) draußen vor der örtlichen Pfarrkirche wurden.

Der “Heiligenschrein von Knock” wurde schnell zu einer Wallfahrtsstätte und das neue Eisenbahnnetz brachte Anhänger von weit und breit, um an der Grotte zu beten. Die Sichtungen nahmen außerdem bald eine ungestüme, politische Dimension an. Die Leute der Region waren in einen radikalen Grundstückskrieg gegen ihre britischen Grundbesitzer verwickelt und schickten dem damaligen königlichen Oberhaupt, Königin Viktoria, eine feindselige Botschaft zu, indem sie der Erscheinung in Knock den Titel “Unsere Jungfrau Maria, Königin von Irland” gaben.

Während des wirtschaftlichen Aufschwungs in Irland, litt Knock zusammen mit dem Rest von Irlands religiösen Institutionen an einem dramatischen und beispiellosen Untergang, da die katholische Kirche in Irland gleichbedeutend mit Betrug, Unterdrückung und Missbrauch wurde. Dies führte dazu, dass besorgte Priester im ganzen Land vor leeren Kirchenbänken predigten. Nun, da die Wirtschaft in eine Notlage geraten ist, fallen die Erscheinungen in Knock zeitlich mit einer signifikanten Rückkehr zu Irlands verlassenem Glauben zusammen. Aber diesmal, zum offensichtlichen Leidwesen der Kirchenobrigkeiten, werden die Geistlichen außer Acht gelassen. “Die Kirchenobrigkeiten wollen Hingabe innerhalb der Tradition und Rechtgläubigkeit fördern. Erscheinungen führen etwas daran vorbei”, merkt Professor Eugene Hynes an, Autor des Buches Knock, The Virgin’s Apparition in Nineteenth-century Ireland ('Knock, die Erscheinungen der Jungfrau im Irland des 19. Jahrhunderts'; Cork University Press, 2008). “Dieser Mann in Dublin impliziert, dass er etwas weiß. Und das ist für die Kirche sehr bedrohlich. Er impliziert, er sei ein Sprachrohr für etwas Außergewöhnliches.”

"Diesmal hat jeder eine Handykamera"

Übernatürliche Erscheinungen der gesegneten Jungfrau sind sicherlich nicht nur auf Irland beschränkt. Ähnliche Erscheinungen gibt es in ganz Europa. So zum Beispiel im portugiesischen Fatima, in Medjugorje in Bosnien-Herzegovina und in der vielleicht am bekannteste Stätte, Lourdes in Südfrankreich. Dennoch ist dies wahrscheinlich das erste Mal, dass solche Erscheinungen in zeitgenössischer Prominentenkultur eine Rolle gespielt haben. Der Spiritualist Joe Coleman taucht aus dem Nichts auf, zu einer Zeit, in der selbsternannte Medien wie die Briten Derek Acorah, Sally Morgan und der Amerikaner John Edwards noch nie so viel Popularität genossen haben. Darüber hinaus kommen göttliche Erscheinungen im 21. Jahrhundert mit einem großen Novum - diesmal hat jeder unter den Zuschauern eine Handykamera in der Tasche. Youtube-Videos der Knock-Visionen machen die Runde (und reizen nicht wenige amerikanische Evangelisten, welche die Erscheinung als dämonisch verurteilen). “Wir sahen alle, wie die Sonne sich herumdrehte”, erklärt eine Frau im Video. “Alle Wolken verschwanden. Ich habe es schon zuvor in Medjugorje gesehen.” Laut einer von Colemans Vorhersagen könnte das winzige Dorf Knock bis zum 5. Dezember, Datum der nächsten vorhergesagten Erscheinung, mit bis zu 50.000 Pilgern überschwemmt werden. Vorerst müssen Skeptiker und Gläubige jedoch ausharren, um zu sehen, was die Königin Irlands geplant hat.