Gesellschaft

In Slowenien ist der Problembär König

Artikel veröffentlicht am 19. Juli 2011
Artikel veröffentlicht am 19. Juli 2011
Zwei Millionen Einwohner und an die 700 Braunbären teilen sich das am dichtesten bewaldete EU-Land nach Finnland und Schweden. Der "Ursus arctos" gehört zu den berühmtesten Einwohnern Sloweniens - und zu den am besten geschützten: Zahlreiche staatliche wie europäische Gesetze sorgen sich um das Wohlergehen des Tieres. Und: Slowenische Bären sind ein Exportschlager.
Mit ihrer Hilfe soll eine neue Braunbärenpopulation in den französischen Pyrenäen und den italienischen Alpen angesiedelt werden. Einer der Bären hat es gar in die US-Depeschen geschafft, die im November vergangenen Jahres von Wikileaks veröffentlicht wurden. Cafebabel.com hat sich für euch in die Wildnis gewagt.

 Obwohl er als Aas- und Allesfresser nicht wählerisch ist, was in seinem Magen landet, gilt der südslowenische Braunbär als vorsichtige Kreatur. Menschen meidet er für gewöhnlich. Doch im April tapste angeblich ein fünf Monate altes Bärenjunges auf das Grundstück der Famile Logar in Podvrh im Poljanska-Dolina-Tal (nordwestliches Slowenien). Die Logars fanden nach eigenen Aussagen schnell Gefallen an dem jungen Tier, das sie Srečko ("Glück", "Freude") tauften und widersetzten sich einem amtlichen Beschluss, den durch EU-Gesetz geschützten Bären in seine natürliche Umgebung zurückzubringen. "In den ersten Wochen haben wir ihn mit Kuhmilch von unserem Bauernhof gefüttert. Mit den anderen Tieren hat er fröhlich gespielt und sich zum Schlafen zu ihnen gelegt", schrieb Matevž Logar in einer Petition für die Rückkehr Srečkos. Sogar auf ihren Kirschbaum sei Srečko geklettert, um von dort Kirschen zu ergattern.

Love is in the Bär: Kanonenfutter für die Regenbogenpresse

Wo steckt der Problembär?Zwischen 500 und 700 Bären leben in dem südosteuropäischen Land, das zu zwei Dritteln von Wald bedeckt ist. Slowenier lieben die Natur und sind weit entfernt von der Hysterie wildlebenden Bären gegenüber, wie sie von finnischen Medien angefacht wird."Bären in Slowenien sind einfach eine Tatsache", unterstreicht Ökologieprofessor Luka Omladovic. "Als Raubtiere stehen sie an der Spitze der Nahrungskette. Ein Wald ohne Bären - das ist wie ein Wald ohne Kiefern." Und Ljubljana läuft sicher nicht Gefahr, sich in nächster Zeit in ein Biotop zu verwandeln. Ein einzelner Streuner, der 2009 seinen Weg in Sloweniens Hauptstadt fand, begegnete seinem Meister schnell. Auch die Geschichte von Srečko und seinen Grizzly Adams-mäßigen Beschützern ruft bei den Bewohnern Ljubljanas nur ein Achselzucken hervor. Er schaue kein Fernsehen. "Ein Bär ist kein Chihuahua, auch er kann sterben", knurrt Luka. Die Geschichte von Familie Logar und ihrem domestizierten Babybären hat einen Medienhype ausgelöst. Braunbären werden gewöhnlich zum Jahresanfang geboren und wiegen um die fünf Kilo, wenn sie im April aus dem Winterschlaf erwachen. Dann beginnt das große Fressen: Innerhalb des Jahres müssen sie 40 Kilo zunehmen, um zu überleben. Und Srečko wuchs bei seiner Ziehfamilie schnell in die Breite.

"Dieses Land ist manchmal so primitiv", kommentiert Nina, eine 27-jährige junge Frau aus der bärenreichen Region Koceveje, 65 Kilometer südlich von Ljubljana, die Entscheidung der Behörden. "Die Polizei hat den Mann aufgrund eines alten Verkehrsvergehens festgenommen und den Bären in ein Tierheim nach Muta gesperrt. Dumm." Das vorläufige Ende der Geschichte: Sloweniens Medienliebling 2011 wurde nach Rumänien ausgewildert. "Ich fühle mich sehr traurig, wenn Menschen einfach einen Bären aus seiner natürlichen Umgebung reißen und mitnehmen", sagt Miran Bartol, als Sektionsleiter der slowenischen Forstbehörde und Verbindungsmann zwischen Jägern und der Umweltbehörde für Großwild. Bartol ist skeptisch, dass der kleine Bär tatsächlich wie von der Familie Logar beschrieben nach Podvrh gekommen ist. Schließlich entstamme der Großteil der Bären aus seinem Gebiet, zu dem die Städte Ribnica, Kočevje, Postojna, Lož and Črnomelj gehören. "Einen Bären zu füttern ist der Anfang vom Ende, weil das Tier abhängig wird." Miran nennt die Kampagne der Familie Logar, mit der PremierministerBorut Pahor und Umweltminister Roku Žarnić dazu gebracht werden sollen, den "Teddybären" zurückzuholen, schlechtes Marketing für Bären. "Die Tiere werden zu Spielzeugen gemacht"

Die einzigen Bären, die wir in Slowenien sahen, waren in Käfigen zwischen einem Restaurant und einer Tankstelle in Lozine

Damals in Jugoslawien

Als Miran zum ersten Mal einem Bärenjungen im Wald begegnete, befand es sich gerade im gefährlichsten nur denkbaren Umfeld: Das Junge hockte zusammen mit seiner Mutter - genauso weit entfernt, wie Miran und ich uns in der Tabu Bar in Zapotok zum Interview gegenüber sitzen. "Ich fühlte Angst, aber es war nicht aggressiv. Aber als ich rückwärts zurücklaufen wollte, bin ich gestolpert und hingefallen", erinnert sich Miran, während er mit seinen Schlüsseln in der Hand wild gestikulierend hinter seiner Sonnenbrille hervor lugt. Legt ein Bär Tatze an einen Menschen an oder wird als Störenfried gemeldet, findet er sein Ende durch Mirans Hand - und in Einklang mit den Gesetzen. Allerdings, hebt Luka Omladavic ironisch hervor, kämen jährlich ebenso viele Menschen durch eine Bärenattacke ums Leben wie durch eine Pilzvergiftung.

Laut Bartol werden die Futterplätze heute noch 3 mal pro Jahr gezählt.

Trotzdem rühmt sich Slowenien eines offiziellen Bäreninstituts und nutzt elektronische Halssensoren für drei Bestandszählungen im Jahr. Geschützter als heutzutage lebte die Spezies vor 1991, als Slowenien noch ein Teil Jugoslawiens war. Um 2004 in die EU aufgenommen zu werden, musste das Land allerdings sicherstellen, ausreichende Maßnahmen zum Schutz des natürlichen Habitats und des Wildlebens zu treffen. Seit der Implementierung dieser EU-Richtlinien ist die Bärenpopulation wieder um 100 Prozent gewachsen. Miran Bartol spürt einen tiefen Respekt gegenüber den Tieren. Aus dem studentischen Aktivisten von damals ist ein Jagdlehrer geworden. Er schätzt, dass von den 20.000 registrierten Jägern in seiner Region 80 Prozent Professionelle sind und um die 10 Prozent Frauen. Die Anzahl der Jäger fluktuiere leicht über die Jahre, trotzdem seien sie "ähnlich routiniert", da sie zur selben Zeit ausgebildet werden. "Sloweniens Jagdregeln sind halbzentralisiert", erklärt Luka Omladovic in Ljubljana. "Örtliche Jagdgemeinschaften brauchen eine höhere Bärenabschussquote, um Geld zu bekommen." Daher schlägt er eine komplette Zentralisierung des Systems für Staatsbeamte vor, die nur töten, um die Quote zu erfüllen.

Bären-Tourismus vs. Bärbecue

Könnte eine Art "Bären-Safari" für Touristen Sloweniens Wirtschaft ankurbeln? In dem Niedriglohnland (rund 1000 Euro netto im Monat) liegt der Schwerpunkt beim Binnentourismus. Miran, der im Herzen des "Bärenmekkas" zuhause ist, spricht sich vehement dagegen aus: "Wir sind stolz auf unsere Bären, aber wir wollen keinen Massentourismus." Anders bei der Familie Kobola aus Koveceje. Das Vater-Sohn-Gespann Matija und Emil hat sich von der Jägertradition der Familie verabschiedet und unterstützt nun lokale Bildungsinitiativen. Zudem führt Emil Kobala die Geschäfte seines Vater Matija fort und fertigt Holzschnitzereien von Bären und anderen Figuren an. Das Familienunternehmen ist so alt wie Slowenien selbst. Nebenbei führt Emil Schulkinder durch die Wälder, um ihnen die Welt der Bären nahezubringen. "Wir haben keine Probleme mit ihnen", sagt er. "Wenn der Wind in ihre oder unsere Richtung weht, kann man sich gegenseitig riechen, bevor man sich von Angesicht zu Angesicht gegenüber steht. Und Bären riechen normalerweise wie verfaultes Fleisch!"

Ein kleiner Bär wird in 4 Minuten geschnitzt und kostet 4 Euro. Er landet dann im Export oder den Souvenirläden des Landes.

Auch in den benachbarten italienischen Alpen roch es kürzlich nach verfaultem Fleisch. Potentielle Rechtswähler sollten dazu ermuntert werden, Sloweniens Bären zu grillen anstatt zu lernen, mit der bedrohten Spezies in Einklang zu leben. Was war passiert? Am 5. Juli wollte die Lega Nord, Koalitionspartei von PremierministerSilvio Berlusconi, in Trentino ein Bankett der besonderen Art abhalten - mit Bärenfleisch. Der Grund: Die Partei wollte gegen die Wiedereinführung des Braunbären in den italienischen Alpen protestieren, wie es das EU Life Ursus Programm für Österreich, Italien und Slowenien vorsieht. Und das ausgerechnet an jenem Ort, von dem aus der deutsche "Problembär" Bruno als erstes Exemplar seiner Art in 170 Jahren seinen Weg nach Bayern fand - und zum unfreiwilligen Protagonisten in den von Wikileaks veröffentlichten US-Depeschen wurde. Das war selbst der Regierung Berlusconi zu viel: Die Polizei blockierte den Protestschmaus und konfiszierte 50 Kilo Bärenfleisch. Die Partei hatte beim Import gegen einige Einfuhrregeln verstoßen.

"Die Länder der EU haben ihre großen Raubtiere ausgerottet und dadurch den Kontakt und das Mitgefühl für solche Tiere verloren", sagt Miran zum Ende unseres Gesprächs, kurz bevor er sich aufmacht, Honig von einem Bienenstock zu holen und im Kirchenchor auf einer Hochzeit zu singen. "Wir haben diesen Kontakt nie verloren. Die Bären wurden erst dann zum Problem, als sie anfingen, unsere Landesgrenzen zu überschreiten." Es stimmt wohl doch, was die US-Diplomaten in ihre Heimat kabelten: Moderne Europäer brauchen noch Zeit, um (wieder) eine Beziehung zur ungezähmten Natur aufzubauen.

Dieser Artikel ist Teil des cafebabel.com Reportageprojekts Green Europe on the ground 2010/ 2011.

Vielen Dank an Mojca Finc, Miha Mohoric und Dominik Osvald. Mehr Infos aus Slowenien auf dem cafebabel.com Ljubljana Cityblog.

Fotos: Homepage (cc)Camera on autopilot/ flickr/ ekke.si/; Im Text ©Nabeelah Shabbir