Gesellschaft

In nur 5 EU-Staaten dürfen schwule Männer hürdenlos Blut spenden

Artikel veröffentlicht am 20. Mai 2015
Artikel veröffentlicht am 20. Mai 2015

EU = Freiheit, Vielfalt und Gleichberechtigung. Niemand darf aufgrund seiner sexuellen Orientierung diskriminiert werden. Doch diese Gleichung missachten einige Mitgliedsstaaten durch diskriminierende Gesetze. Wenn homosexuelle Männer Blut spenden wollen, sind sie in 23 Ländern nicht mit anderen Spendern gleichgestellt. In 18 Ländern werden Schwule sogar komplett von der Blutspende ausgeschlossen.

Homosexuelle Männer könne in vielen europäischen Staaten kein Blut spenden. Der Grund für die ungleiche Behandlung sind alte Klischees über das Sexualverhalten von Männern, die Sex mit Männern haben - kurz genannt MSM (men who have sex with men): Schwule hätten ständig wechselnde Sexpartner und benutzten kein Kondom. Homosexuelle Männer hätten damit ein erhöhtes Risiko, sich mit HIV anzustecken.

In Frankreich führten diese Vorurteile im Jahr 1983 zum kompletten Ausschluss homosexueller Männer von der Blutspende. Bis heute hält sich dieses Verbot und wird mit Statistiken bekräftigt. Das Institut de veille sanitaire präsentierte im Jahr 2013 Zahlen, die eine erhöhte HIV-Ansteckung bei MSM zeigt: 20 Mal höher als bei französischen Heterosexuellen und 9 Mal höher als der Durchschnitt bei Schwulen in allen anderen Ländern der Welt sei die Ansteckungsgefahr. Frankreich birgt nach dieser Statistik das höchste HIV-Risiko für MSM in Europa und Zentralasien.

Bürger und Politik gegen Blutspende-Verbot

Im April 2009 klagte ein Franzose am Verwaltungsgericht Straßburg gegen die französische Regelung. Das Etablissement français du sang, das den Rahmen für die Blutspende in Frankreich vorgibt, hatte Monsieur Léger als potenziellen Blutspender abgelehnt. Das elsässische Gericht leitete die Klage an den Gerichtshof der EU (EuGH) weiter. Auf den Tag genau sechs Jahre später entschied das EuGH vor wenigen Wochen, dass homosexuelle Männer weiter von der Blutspende ausgeschlossen werden dürfen. Das Gericht stellt aber ebenfalls fest, „dass der […] Ausschluss […] möglicherweise gegen den Grundsatz der Verhältnismäßigkeit verstößt.“ Falls eine HIV-Infektion nicht sicher ausgeschlossen werden kann, müssen weniger belastende Mittel gefunden werden, als das Spenden zu verbieten. Möglich sei eine Anpassung des Fragebogens, den jeder Spender ausfüllen muss, um Gesundheit und Sexualverhalten zu beurteilen. In so gut wie allen EU-Ländern gehört eine solche Befragung zur gängigen Praxis der Blutspende.

Trotz des Urteils, wagte die französische Nationalversammlung vor einem Monat einen Vorstoß zu einer neuen Regelung. „Niemand kann aufgrund seiner sexuellen Orientierung von der Blutspende ausgeschlossen werden“, heißt es in einem Antrag des Abgeordneten Arnaud Richard, dem die Versammlung zustimmte. Frankreichs Gesundheitsministerin Marisol Touraine unterstützt die Gleichberechtigung von MSM: „Die Diskriminierung der Spender auf Basis ihrer sexuellen Orientierung ist inakzeptabel.“ Touraine möchte den Fragebogen modifizieren und nicht mehr nach Orientierung, sondern nach dem sexuellem Verhalten der Spender fragen. Homo- und Heterosexuelle wären dann faktisch gleichgestellt.

Im Zweifel auf die Minderheiten

Das Kollektiv Homodonneur in Toulouse setzt sich seit 2010 dafür ein, dass MSM wieder Blut spenden dürfen. „Unser Ziel ist die Blutspende für alle unter gleichen Bedingungen“, sagt Koordinator Frédéric Pecharman. Die Regelungen stammten aus den 1980er-Jahren, als noch keine sicheren Bluttests möglich waren. Heute gebe es moderne Wege, um HIV zu diagnostizieren. „Minderheiten kann man immer leicht ausschließen“, erklärt Pecharman (41) das Vorgehen der Regierung, „Jetzt müssen homosexuelle Männer reintegriert werden.“

Auch in Deutschland ist die Blutspende für Schwule seit Langem verboten. Wie in Frankreich untermauern Statistiken den Ausschluss der MSM. Die Bundesärztekammer (BÄK) bestimmt die Richtlinien zur Blutabgabe in Kombination mit dem Transfusionsgesetz. Die Vorgaben der BÄK schließen mehrere Personengruppen mit mehr oder weniger verständlichen Gründen aus: Personen mit schweren Krankheiten; Personen, die zwischen 1980 und 1996 mehr als sechs Monate im Vereinigten Königreich verbracht haben und eben auch Personen, deren Sexualverhalten ein erhöhtes Übertragungsrisiko von Krankheiten birgt. Dazu zählt die Kammer Männer, die Sex mit Männern hatten und Prostituierte. 

Der Lesben- und Schwulenverband Deutschland (LSVD) setzt sich für die Gleichberechtigung bei der Blutspende ein. Es ist die größte und älteste Vertretung von Homosexuellen in Deutschland und wirkt als parlamentarische Interessenvertretung auf die Politik ein. Vier Bundesländer setzen sich bereits für eine Änderung der Gesetzgebung ein. Pressesprecher Markus Ulrich stellt fest: „Ein genereller Ausschluss ist diskriminierend.“ Auch der Berliner Verband fordert eine alternative Regelung, zum Beispiel durch eine Umgestaltung der vorausgehenden Befragung.

Fragen über Fragen auf dem Weg zur Blutspende

Potentielle Blutspender müssen intime Informationen über sich preisgeben, um den obligatorischen Fragebogen auszufüllen. Die Fragen des Universitätsklinikums Freiburg sind online einzusehen. Los geht es mit Auskünften über den Gesundheitszustand („Fühlen Sie sich krank?“). Infektionskrankheiten werden kurz danach abgefragt. „Nur für Männer: Hatten Sie schon einmal Sexualverkehr mit einem anderen Mann?“, diese Frage ist die allentscheidende für oder gegen eine Blutspende. Aber auch Frauen können ausgeschlossen werden, falls sie diese Frage bejahen: „Hatten Sie schon einmal Sexualverkehr mit einem bisexuellen Mann?“. Weitere Abschnitte behandeln Drogenkonsum, Haft- und Auslandsaufenthalte, Arzneimittelkonsum und Hirnerkrankungen.

Italien gehört zu den fünf Ländern, die homosexuelle Männer bei der Blutspende gleichstellen. In einem Dekret des italienischen Gesundheitsministeriums aus dem Jahr 2001 wird der Aufbau des Fragebogens genau festgelegt. „Hatten Sie in den letzten zwölf Monaten ein sexuelles Risikoverhalten?“, lautet die allgemeine Frage, die nicht auf die sexuelle Orientierung anspielt. Wenn das sexuelle Verhalten des Geschlechtspartners nicht bekannt ist, ist der Spender für vier Monate zurückgestellt. Das gilt für Hetero- und Homosexuelle. Vor 14 Jahren stellten Statistiken keine erhöhte HIV-Infektion bei MSM fest, weshalb die Politik sie mit anderen Spendern gleichstellte.

Fünf + Fünf Länder als Beispiel für Europa?

Die italienische Haltung würde auch dem französischen Kollektiv Homodonneur gut passen: „Wir fordern eine Reintegration mit vier Monaten Rückstellung nach dem letzten Geschlechtsverkehr.“ Die würde wohlgemerkt für Homo- und Heterosexuelle gelten. 

Auch Spanien hat MSM auf eine Stufe mit anderen Spendern gestellt. Hier dauert die Wartezeit aber zwei Monate länger. Eine Regelung aus dem Jahr 2005 besagt, dass Personen, deren sexuelles Verhalten und Aktivität ein hohes Risiko der Ansteckung mit Infektionskrankheiten darstellt, für einen Zeitraum von sechs Monaten ausgeschlossen sind. 

In Polen, Portugal und Lettland sind Schwule nicht nur gleichgestellt. Spender müssen keine Wartezeit nach dem letzten Geschlechtsverkehr hinnehmen. Blutspende ist immer möglich. 

Fünf weitere Staaten haben MSM noch nicht gleichgestellt, ermöglichen ihnen aber das Blutspenden nach einem Jahr. Andere Personengruppen können wiederum immer ihr Blut abgeben. Die fünf Staaten sind: Vereinigtes Königreich, Schweden, Finnland, Tschechien und Ungarn. Für die Organisationen in Frankreich und Deutschland ist dies aber keine Alternative zur kompletten Gleichstellung: „Ein Jahr oder mehr keinen Geschlechtsverkehr zu haben, ist schon ein utopischer Gedanke“, sagt Markus Ulbrich vom LSVD. Frédéric Pecharman fügt hinzu: „Diese Wartezeit schließt Schwule vom sexuellen Leben aus.“

Aber die Vielfalt der sexuellen Orientierung wird in Europa durch verschiedene Regelungen zur Blutspende nicht ernst genommen, betrachtet man die Gesetze in der Mehrheit der Mitgliedstaaten. Noch immer verbieten 18 der 28 EU-Staaten homosexuellen Männern komplet die Blutspende. 

Situation der Blutspende für MSM in den einzelnen EU-Staaten