Gesellschaft

In Metallcontainer verbannt: Roma-Minderheit in Belgrad

Artikel veröffentlicht am 18. Juni 2012
Artikel veröffentlicht am 18. Juni 2012
Die Belgrader Roma-Minderheit ist marginalisiert und lebt von den Abfällen der Mehrheitsgesellschaft. Die Geister der serbischen Hauptstadt sind vom Ufer des Flusses Sava in der Nähe des Stadtteils Neu-Belgrad mit seinen vielen Luxushotels in Baucontainer am Stadtrand umgesiedelt worden. Bald könnten sie vollständig verschwinden.

Rifat lächelt und breitet die Arme aus. „Willkommen im Zoo!" Der Schein der Mittagssonne wird von einem gekippten Sonnenschirm reflektiert, der neben dem Plastiktisch steht, um den herum wir sitzen. Limonadengläser und Zigaretten machen die Runde, aber dies ist kein Picknick. Vor nur wenigen Wochen führte die Stadtverwaltung die umstrittene Räumung von Belville durch, der größten inoffiziellen Roma-Siedlung in Belgrad mit mehr als 1000 Bewohnern, zu denen auch Rifat gehörte. Die Siedlung war einer geplanten Zugangsstraße zu einer neuen Brücke über den Fluss Sava im Weg. Die neue Heimat der Roma liegt hier in Jabucki Rit - 13 Kilometer von der Stadt entfernt, mitten auf dem Land, wo die Stile ohrenbetäubend und weit und breit kein Hochhaus oder Arbeitsplatz in Sicht ist.

Hier leben bis zu 1000 Roma

Metalhenge

Stadtbeamte haben den Roma “mobile Wohneinheiten“ zur Verfügung gestellt, die man auch als „Metallcontainer" bezeichnen könnte. Sie sind ca. 6 Quadratmeter groß – kleiner als eine gewöhnliche Gefängniszelle. Nicht selten muss eine Großfamilie darin Platz finden. Ich lege meine Hand auf die Außenwand einer der Container, die sich anfühlt wie ein Wasserkessel, der soeben gekocht hat. Vor einigen Tagen ist der Fernseher eines alten Mannes durch die Hitze explodiert. Auf meinem Gang durch dieses metallene Stonehenge sehe ich eine weiß beschmierte Wand. Enver erzählt, dass am Morgen des 1. Mai eine Gruppe maskierter, Baseballschläger schwingender Jugendlicher in das Lager kamen und rassistische Parolen und Hakenkreuze auf die Seite eines Containers schmierten. „Einige von uns haben sie gesehen, aber wir sind nicht näher heran gegangen oder haben sie konfrontiert. Wenn wir zurückschlagen würden, käme am nächsten Tag die ganze Stadt, um uns zu töten."

Obwohl sich der Standard der sanitären Einrichtungen spürbar verbessert hat, leben die Bewohner unter völlig untragbaren Bedingungen. Eine schwangere Frau machte sich vor kurzem auf die 30 Kilometer lange Fahrt zum nächsten Dorf, in dem eine Hilfsorganisation Lebensmittel verteilt. „Der Bus hatte eine Panne“, erzählt sie. „Die Fahrt hat einen ganzen Tag gedauert. Wir können hier nicht arbeiten. Sollen wir etwa das Gras essen?“ Die Container sind an einen komplizierten Vertrag gebunden, der mit einer Räumung droht, wenn nicht eine lange Reihe von Bedingungen eingehalten wird. Unter anderem müssen Kinder zur Schule geschickt werden, obwohl hierfür derzeit keine Transportmöglichkeit zur Verfügung steht. In der Stadt verdienen viele Roma ihr Geld mit dem Sammeln von Pappe und Metall. Aber im abgelegenen Jabucki Rit ist dies nicht möglich. Folglich ist die Stimmung von Lethargie und Niedergeschlagenheit geprägt.

Familien teilen sich oftmals 6 Quadratmeter

Das Gesetz schaut weg

Es könnte schlimmer sein. Andere Roma wurden nach Dren, 20 Kilometer von Belgrad entfernt, geschickt. Wie Jovana Vukovic vom lokalen Zentrum für Minderheitenrechte erklärt, ist die Siedlung auf einem Sumpfgebiet erbaut. "Seit kurzem herrscht dort eine Froschplage! Die Menschen können vor lauter Lärm nicht schlafen." Vukovic fügt bitter hinzu: "Indem man die Roma in Containersiedlungen weit von der Stadt entfernt wegsperrt, macht man sie noch abhängiger von Sozialhilfe und damit passiver."

Slavica Denic, Staatssekretärin im Ministerium für Menschen- und Minderheitenrechte, verkündete vor kurzem, die Lage der Roma-Bevölkerung in Serbien habe sich in einem Jahrzehnt der Eingliederung der Roma deutlich verbessert. Danilo Curcic von der Organisation Praxis hält jedoch dagegen: „Deutschland hätte 1957 auch sagen können, die Lage sei besser ist als vor zehn Jahren. Die Wurzel des Problems wird dadurch nicht beseitigt. Das Gesetzt verschließt die Augen vor den Roma. Die Räumung fiel mit einem Streik im Sozialhilfezentrum zusammen, so dass sie nicht angemessen überwacht wurde."

Welten von den Siedlungen entfernt sitzen wir in dem mit Büchern tapezierten Arbeitszimmer zu Hause bei Dragoljub Ackovic, dem Direktor des Roma-Museums in Belgrad. Auf dem Schreibtisch steht gut sichtbar eine schwarze Statue aus Onyx: „ein Souvenir aus Südafrika“. Das Museum wurde 2009 unter großem Lob der Presse gegründet, aber seitdem wird die Einrichtung sabotiert und erhält nicht genügend finanzielle Mittel. "Wir haben permanent mit der Stadtverwaltung zu kämpfen", so Ackovic. "Ich hatte vor kurzem einen Schlaganfall, der bestimmt durch den Stress verursacht wurde." Viele der Probleme der Roma ergeben sich offenbar aus der mangelnden politischen Teilhabe und der Unterrepräsentierung. Dragoljub setzt zu einer Rede an, die mit Anklagen gegen seine politischen Gegner und Verweisen auf historische Personen, unter deren Vorfahren sich Roma befunden haben sollen (offenbar gehören William Shakespeare und Bill Clinton dazu), durchsetzt ist. „Die arme Roma-Bevölkerung könnte mit den Bürgern von Belgrad koexistieren, aber der Übergang vom Sozialismus zum Kapitalismus hat es vielen schwer gemacht, sich mit ihren traditionellen Produkten gegen die ausländische Konkurrenz zu behaupten. Viele Roma arbeiten in der Abfallentsorgung und Wiederverwertung oder gehen einfach auf der Straße betteln. Ich habe vorgeschlagen, Gewerkschaften für Müllsammler zu bilden, aber bisher hat die Stadt nicht auf mich gehört." Am Ende des Interviews erhalte ich ein von ihm verfasstes dickes Buch über die Geschichte und Kultur der Roma in Belgrad. Als ich eine Seite aufschlage, fällt mein Blick auf den Satz: "...wenn die gesamte Nation ins Elend abrutscht, bekommen die Menschen am Rande der Gesellschaft dies als erstes zu spüren.“

Die Wut von Belville

In Belville, das in der sich rasant entwickelnden Betonwüste von Neu-Belgrad liegt, haben manche, die eben an diesem Rand der Gesellschaft leben, unterdessen eine andere Meinung von prominenten Roma wie Dragoljub. „Leute wie er vertreten die Roma nur, wenn sie glauben, damit Geld machen zu können“, sagt Borka, einer der wenigen verbliebenen Bewohner der inoffiziellen Siedlung, dessen Zukunft ungewiss ist. "Sie nutzen uns zu ihrem politischen und finanziellen Vorteil aus. Wenn es ihm wirklich um uns geht, warum hat er dann nicht ein einziges Mal Belville besucht?“ Manchmal gehen Borkas Worte im lauten Rumpeln der über uns hinweg fahrenden Züge unter, aber er zittert vor Zorn. "Ich werde nie in einem Container leben. Wenn sie mich zwingen wollen, werde ich die Stadt verklagen. Oder nach Belgien ziehen.“

Ich verlasse die Siedlung, stapfe durch das Brachland zurück zur Hauptstraße und scheine plötzlich ein verlassenes Filmset zu betreten. Durch den Zaun kann ich einen großen Platz sehen, auf dem eine alte Straßenbahn und ein Oldtimer stehen, umgeben von einem gemalten Hintergrund mit Gebäuden, darunter das Hotel Moskva. Es handelt sich um eine Nachbildung des Terazije-Platzes aus den 1930er Jahren. „Alt-Belgrad in Neu-Belgrad", sagt man. Wenn man auf die Trümmer von Belville zurückblickt, erscheint es so, als sei eine Stadt, die ihre glorreiche Vergangenheit mit Stolz annimmt, ihre reale Gegenwart aber missachtet, in Ewigkeit dazu verdammt, von Geistern heimgesucht zu werden.

Dieser Artikel ist Teil der cafebabel.com Reportagereihe Orient Express Reporter II 2012 in Europa und dem Balkan.

Illustrationen: Teaserbild (cc)Mathieu Péborde/flickr; Im Text ©Andrew Connelly