Gesellschaft

In der Türkei entkommen nur die « Schlechten » dem Wehrdienst

Artikel veröffentlicht am 19. Mai 2011
Artikel veröffentlicht am 19. Mai 2011
Für junge, türkische Männer ist der Militärdienst Pflicht. Sie gewinnen dort die nötige Anerkennung für die zukünftige Anstellung und die Ehe. Die vom Militärdienst Befreiten sind als « schlecht » attestiert: Es sind die körperlich und geistig Behinderten. Fettleibige und Homosexuelle eingeschlossen.

Gestern hat Murat seinen 28. Geburtstag gefeiert. Heute gibt er jedoch ein Abschiedsfest: Murat wird in einigen Tagen seinen Militärdienst antreten. In einem Café auf der asiatischen Seite Istanbuls hat er seine engsten Freunde um sich versammelt. Tee und Sahnetorte für alle. Murat ist nicht auf den Kopf gefallen. Als diplomierter Politikwissenschaftler der Universität von Galatasaray, einer der besten Universitäten der Türkei, wird jedoch auch er dem sechsmonatigen Militärdienst nicht entkommen. Jeder türkische Mann muss ihn vor seinem 38. Lebensjahr absolviert haben.

Einige Tage vor seiner Abreise weiß Murat immer noch nicht, in welche türkische Kaserne er geschickt werden wird. Um sich von der Angst abzulenken und für Unterhaltung zu sorgen, zieht er ein kleines, weißes Stück Papier aus seiner Hosentasche. Es ist die Liste jener Dinge, die er mitbringen muss, das vorgeschriebene Gepäck. Er hat schon fast alles abgehakt: zehn Unterhosen, thermische T-Shirts, eine Dose Rasierschaum und sogar Pantoffeln. "Ich komme mit 200 Lira (100 Euro) aus." Der Besitzer des Fachgeschäfts hat ihm einen Rabatt gegeben.

Ein Vater verheiratet seine Tochter nicht mit einem "kuruk"

Wie die Mehrheit der jungen Türken, würde auch Murat gern auf den Militärdienst verzichten, den er als "Zeitverschwendung" ansieht. Deshalb versucht er, es philosophisch zu betrachten: "Der Dienst ist eine Gelegenheit für mich, die Gegebenheiten meines Landes besser zu verstehen. Es wird anders sein als in Istanbul, dort werden Leute aus dem tiefsten Anatolien sein. Einige werden lernen müssen, ordentlich zu sprechen und sogar sich zu waschen - nachdem, was man so höre! Für diejenigen, die weder lesen noch schreiben können, ist der Dienst eine Chance." In der Tat werden ihnen Kurse angeboten, um Schreiben und Lesen zu lernen.

Auf dem Programm steht nichts Mitreißendes: intensives Militärtraining, theoretischer Unterricht und Nachtwache. Der Dienst hat jedoch eine strategische Bedeutung für eine der weltweit am besten ausgebildeten Armeen. Als sechststärkste der Welt zählt die türkische Armee über 700.000 Aktive von knapp 80 Millionen Einwohnern. Historisch hat sie eine wesentliche politische Rolle gespielt, als Wächterin des Kemalismus, der Ideologie von Atatürk, dem Gründer der modernen Türkei. Zwar wurde ihre politische Bedeutung im Jahr 2003 geschwächt, aber sie wird von der Bevölkerung immer noch hoch geachtet. Der Militärdienst bleibt ein Patriotismus stiftendes Element.

Eine Freundin Murats bestätigt: "Der Militärdienst macht aus einem Mann einen echten Türken, einen Staatsbürger. Logischerweise verheiraten Eltern ihre Tochter nicht mit einem Mann, der den Dienst nicht abgeleistet hat." Dokumentiert im Lebenslauf, ist der Dienst häufig Einstellungsvoraussetzung. Denn die Befreiung davon bleibt ein Tabu-Thema: Sie macht aus dem Betroffenen einen "turuk", buchstäblich einen "Schlechten". Als "schlecht" eingestuft zu werden ist ein Schandfleck, der ein Leben lang an einem haften bleibt.

Es gibt nicht viele Möglichkeiten, vom Militärdienst ausgeschlossen zu werden. Diejenigen, die seit mindestens drei Jahren im Ausland arbeiten oder studieren, können ihre Dienstzeit auf 28 Tage reduzieren, indem sie einen Tribut in Höhe von 5.112 Euro zollen. Allen anderen ermöglicht lediglich eine körperliche oder geistige Behinderung, dem Militärdienst zu entkommen. Um wegen Dickleibigkeit befreit zu werden, muss man die 120-Kilo-Grenze sprengen. Eine Freundin Murats bricht in schallendes Gelächter aus: "Ich kenne einen Jungen, der dutzende Kilo zugenommen hat, aber er hat das Ziel um ein Kilo verfehlt! Er musste seinen Dienst ableisten."

Der Gewissensgrund: ein Verbrechen, das mit Gefängnis bestraft wird

Die Homosexuellen gehören auch zu den Betroffenen. Auch wenn Homosexualität in der Türkei nicht gesetzeswidrig ist, wird sie dennoch als "psycho-seuxelle Verwirrung" angesehen, die es Homosexuellen verbietet, der Armee beizutreten. Ihre sexuelle Orientierung müssen sie natürlich unter Beweis stellen. Das offizielle Vorgehen ist ohne wirkliche Logik. Es besteht aus Beobachtungen und psychologischen Tests in einer Klinik, die den Ärzten hinderlich sind und in alle möglichen Richtungen abdriften. 28 Zeugen berichten, dass sie dem Militär-Psychiater eindeutige Fotos ihres sexuellen Liebesspiels vorzeigen mussten. Die Armee streitet dies ab.

Dass die Armee ein solches Misstrauen hegt, liegt daran, dass es für antimilitaristische Türken eine beliebte Möglichkeit ist, sich als homosexuell einstufen zu lassen und so vom Militärdienst befreit zu werden. Der Gewissensgrund wird als Verbrechen angesehen, das wegen Missachtung militärischer Anweisungen mit Gefängnis bestraft wird. Der kurdische und homosexuelle Sänger Mehmet Tarhan ist ein sinnbildliches Beispiel. Als erklärter Antimilitarist, der sich weigerte, sich den Tests zur Feststellung der Homosexualität zu unterwerfen, bekam Tarhan 2005 vier Jahre Haft aufgebrummt. Aber da er von den anderen Insassen verprügelt wurde und Morddrohungen erhielt, ließ man ihn nach zwei Monaten wieder frei.

Diejenigen, die sich dem Armeedienst aus moralischen Gründen verweigern, müssen also tricksen. Das ist bei Ahmet der Fall. Mit 32 Jahren ist er sich bewusst darüber, seine Dienstzeit "schon zu lange hinausgezögert zu haben". "Aber ich will jetzt nicht dahin gehen, ich würde gern noch sechs Monate warten." Ahmet arbeitet als Freiwilliger bei einer NGO, die für die Anerkennung des Gewissensgrundes in der Türkei kämpft. "Angesichts der vielen Menschen, die ich verteidige, würde ich mich schlecht fühlen, meinen Dienst abzuleisten", erklärt er. Er sucht also regelmäßig einen befreundeten Psychiater auf, der ihm Antidepressiva verschreibt, die er nicht nimmt. Ahmet hasst es, zu den ärztlichen Visiten der Armee zu gehen und "sich wie ein Verrückter zu verhalten, inmitten all dieser Typen, die tatsächlich geistige Probleme haben." Sein Dienst wurde letztendlich noch ein weiteres Jahr aufgeschoben - wegen "vorübergehender psychischer Störungen".

Fotos: Homepage: (cc)meg and rahul/flickr; Memhet Tarhan: (cc)davinca/flickr