Gesellschaft

Im Schatten des Vatikans

Artikel veröffentlicht am 9. Januar 2007
Artikel veröffentlicht am 9. Januar 2007
Der Vatikan verwaltet in Rom 338 Pfarrbezirke, 247 Schulen und 558 Bildungseinrichtungen. Keine andere Institution bestimmt derart das Leben der italienischen Hauptstadt.

Der Katholizismus bestimmt Rom in vielerlei Hinsicht. Er prägt das Stadtbild, , den Tourismus und den Lebensalltag vieler Römer. Doch nicht immer macht die Kirche nur positive Schlagzeilen. So berichtete die italienische Presse im November vergangenen Jahres, dass das Strafgericht Rom die Untersuchungen im Fall Cesano wieder aufgenommen habe. In Cesano war ein erhöhter Anteil an Leukämie- und Lymphom-Erkrankungen festgestellt worden. Die Stadt liegt 27 Kilometer von Rom entfernt, es gibt dort eine riesige Antenne von Radio Vatikan.

Großgrundbesitzer Vatikan

„Der Vatikan besitzt zwischen 25 und 30 Prozent der Immobilien in der Innenstadt. Sie haben einen Wert von fünf Milliarden Euro“, versichert Mario Staderini, Mitglied der laizistischen Partito Radicale und dort zuständig für den Innenstadtbezirk. „Rechnet man die etwa 2 000 Religionsorden mit Sitz in Rom dazu, so hält die absolute Monarchie des Vatikans den Immobilienmarkt fest in der Hand. Ein Viertel der Piazza Navona gehört der spanischen Stiftung Obra Pía“, so Staderini weiter. Die Partito Radicale ist eine „antiklerikale Allianz“ mit der Partito Socialdemocrático eingegangen. Was nicht einer gewissen Ironie entbehrt: Der Sitz der Partei gehört einer Kongregation benediktinischer Nonnen.

Francesco Paoletti, Chef der Union der rationalistischen Atheisten und Agnostiker in Rom, sagt uns, dass seine Organisation sogar ins Stadion ginge, „damit die Kruzifixe auf öffentlichen Gebäuden verschwinden.“ „In Rom“, fügt er hinzu, „kontrollieren die Pfarrgemeinden das gesamte Stadtgebiet. Die Leute gehen zum Gemeindepfarrer sogar mit der Bitte, dass er sie für einen Job weiterempfehlen möge.“

Häufig sind dies vor allem Jobs in der Tourismusbranche. „Dessen wichtigster Akteur ist ebenfalls der Vatikan“, betont Mario Staderini. „Während des ‚Heiligen Jahres’, das alle sieben Jahre stattfindet, verwandeln sich Klöster in Jugendherbergen. Die Zimmer werden aber nicht nur an Pilger vermietet. Doch der Vatikan muss für seine Aktivität in der Tourismusbranche keine Steuern abdrücken.“

Der Papst ist König

„In Rom zählt die Republik nicht. Rom hat ja seinen König: den Papst“, sagt Fabio Mastretta ironisch. Der 29jährige Sizilianer lebt schon seit zehn Jahren in Rom. Wir treffen ihn auf dem Campo dei Fiori, dem einzigen Platz ohne Kirche in der Metropole, die immerhin zweieinhalb Millionen Einwohner zählt. Er lehnt sich an die finstere Statue von Giordano Bruno, der in der Renaissance wegen Ketzerei zum Tod durch den Scheiterhaufen verurteilt wurde.

Mastretta arbeitet für ein Ministerium. In Rom gibt es überall riesige Kirchen, aber es ist schwierig, einen Blick auf Regierungsgebäude zu erhaschen. Die meisten Ministerien liegen außerhalb des Zentrums, so als wollten sie nicht fremdes Gebiet betreten. „In Rom sieht man wenige Personen mit Anzug und Krawatte, die in Gruppen Ministeriengebäude oder Finanzzentren verlassen und über Sitzungen oder Dienstreisen sprechen“, sagt Alice Kiandra Adams. Die 36jährige Englischlehrerin ist aus Australien nach Rom gekommen, sie lebt seit anderthalb Jahren in der Stadt.

„Das ist nicht vergleichbar mit dem Ambiente auf dem Paseo de la Castellana in Madrid oder dem Viertel Barrio de Salamanca, den wunderschönen palastartigen Eingängen von ‚Solférino’ oder mit der Rue du Bac in Paris. Die zentralen Plätze in Madrid oder Paris beherbergen zahlreiche Ministerien. Was man in Roms Zentrum sieht, sind Gruppen von Nonnen, die Straßen überqueren und Priester, die sich aristokratisch geben und mit luxuriösen Mercedeswagen bis vor die Kapelle fahren. In Rom gibt es keine Schwulenviertel wie im Londoner Soho, dem Pariser Marais oder dem Chueca-Viertel in Madrid.“

Friedliche Vielfalt der Religionen

Micaela Vitale arbeitet im hebräischen Kulturzentrum im Viertel Trastévere. Sie ist der Ansicht, dass es „kein Problem ist, in Rom nicht dem katholischen Glauben anzugehören. Wir Juden haben keine Schwierigkeiten mit der Stadtverwaltung oder mit der katholischen Kirche, wenn wir eine öffentliche Feier organisieren wollen.“ Die muslimische Gemeinde konnte in der Stadt sogar die größte Moschee Europas errichten, die 3000 Glaubensangehörige beherbergen kann. Auch die katholische Australierin Adams weiß nicht, „warum es in Rom mehr Spiritualität geben soll, als in irgend einer anderen Stadt der Welt.“

Ist die Präsenz der katholischen Kirche in Rom also doch nicht so aufdringlich, wie man meinen könnte? „Doch, leider ist es so“, sagt Micaela Vitale. „Es gibt einfach zu viele Pilger. Einzeln betrachtet stellen sie überhaupt keinen Störfaktor dar, aber sie kommen ja nicht allein, sondern in ganzen Pilgerscharen, die in Bussen nach Rom gebracht werden. Die Busse wiederum legen die ganze Stadt lahm! Wenn der Papst mittwochs seine Audienz hält, kommt kein Mensch mehr vorwärts.“

Kunst und Spiritualität

Am Sonntagmorgen, wenn der Papst den Angelus betet, umzingeln die Pilger den Petersplatz. Eine wunderschöne Sonne scheint an diesem kalten Wintermorgen. Obwohl man von mehr Menschen umgeben ist als im gefüllten Wembley-Stadion, hört man weder Stimmen noch gellende Töne. In der Kathedrale singen 1500 Gläubige im Einklang Psalmen und Passagen aus der Liturgie. Unweigerlich wird der Besucher in eine Klangglocke gehüllt, seine Sinne werden geschärft – Weihrauch für die Nase, Melismen für die Ohren, Blattgold für die Augen. „Die Kunst und die Spiritualität, die der Vatikan ausstrahlt, sind ein großer Vorteil für die Stadt“, meinen die spanischen Pilger Pilar Domínguez und Antonio Sintas aus Malaga. Die beiden Katholiken sind von der Messe im Petersdom einfach überwältigt. „Viele von uns würde es überhaupt nicht stören, den Vatikan in unserer Stadt zu haben“, sagen sie überzeugt.

Foto Piazza Navona: Pedro_qtc/Flickr

Foto Mezquita de Roma: Metaphoto/Flickr

Foto San Pedro: Judit Járadi