Gesellschaft

Identität, Multikulturalismus und Erasmus in der EU

Artikel veröffentlicht am 12. April 2011
Artikel veröffentlicht am 12. April 2011
Es ist kein Wunder, dass in einer Welt, in der die physischen Grenzen verschwommen sind, auch die psychischen immer undeutlicher werden. In einer Zeit, in der sich die Nationalisten vom „Schutz des Heimatlandes“ zum „Schutz Europas“ hinwenden, kann die Erasmus-Generation durchaus als maßgebend für das Europa der Zukunft gelten.
Egal ob deutsch, französisch, polnisch oder italienisch, Erasmus ist eine Identität für sich - selbst für mich.

Meine eigene nationale Identität war immer „die andere“. Mit sechs Jahren zog ich nach Israel. Die gleichaltrigen Kinder piesackten mich, indem sie mich permanent darauf aufmerksam machten, dass ich nicht dazugehörte: „Geh‘ doch zurück nach Russland!“ „Ich komme aus der Ukraine!“, antwortete ich stets und wusste dabei ganz genau, dass es für sie keinen Unterschied machte - sie würden die Ukraine noch nicht einmal auf der Karte finden. Da ich aus der Ost-Ukraine stamme und kein Wort Ukrainisch spreche, begnügte ich mich mit meiner „russischen“ Identität und freundete mich mit russisch-sprachigen Gleichaltrigen an - egal ob aus Weißrussland, Moldawien, Georgien, Usbekistan oder Kasachstan.

Für uns, die Generation, die vor 1991 geboren wurde, war die Sowjetunion unsere Heimat, das Land unserer Eltern. Die Folgen dieser Art von Selbst-Identifikation wurden mir schmerzlich bewusst, als ich Jugendliche aus der Ukraine, die die Orangefarbene Revolution miterlebt hatten, während eines Stipendiums an der internationalen Sommeruniversität in Deutschland kennen lernte. Da ich die Sprache nicht spreche, die zum unverzichtbaren Teil der ukrainischen Unabhängigkeitsbewegung geworden ist, gehöre ich nun nicht mehr zu diesem Land, das ich 25 Jahre lang meine Heimat nannte.

Europäische Integration 2.0

Migration ist eine Norm des 21. Jahrhunderts. Die zwanghafte Sozialisierung, auf der der israelische Staat aufbaute und dabei alle zuvor vorhandenen Zeichen nationaler Identität auslöschte und durch das Bild eines neuen loyalen Bürgers ersetzte, erlebt ein Comeback. Dies betrifft insbesondere Einwanderer aus nicht-europäischen, muslimischen Ländern. Der Schriftsteller Matti Bunzl behauptete 2005, dass die zunehmende Islam-Phobie in Europa „Teil einer sehr offenen Debatte über die Zukunft der muslimischen Präsenz in Europa“ wäre. Die rechtsgeneigte Freiheitliche Partei Österreichs (FPÖ) attackierte den möglichen EU-Beitritt der Türkei als eine Bedrohung der Existenz Europas, da es der Türkei an den Grundlagen europäischer Kultur und Werte fehlte. „Als die FPÖ ihren traditionellen Nationalismus Mitte der 1990er Jahre aufgab, widmete sie sich einem neuen ‚Ausschließungsprojekt‘. Nun war nicht mehr die eigene ethnische Kultur im Mittelpunkt, die Partei spielte jetzt den Beschützer Europas“, schreibt Bunzl.

Sind die Europäer im Vergleich mit den Amerikanern unerfahren?

In seinem umstrittenen Bestseller Deutschland schafft sich ab von 2010 kritisierte das ehemalige Bundesbank-Vorstandsmitglied Thilo Sarrazin die türkische Immigration nach Deutschland. Sofort folgte eine Gegenthese in Form eines Buches, an dem sich Schriftsteller multikulturellen Hintergrundes beteiligt hatten. Die Regierungschefs Deutschlands und Großbritanniens ließen laut werden, dass sie an Multikulturalismus gar nicht glaubten. Der französische Präsident Nicolas Sarkozy ließ Roma (Europäer!) ausweisen, wo doch mit seiner Präsidentschaft 2007 in Frankreich das Ministerium für Integration und nationale Identität eingeführt wurde. In einem anderen EU-Land, in Ungarn, stimmten die Wähler in den letzten Parlamentswahlen mit einer überzeugenden Mehrheit für einen radikalen Rechtsruck. In einem Artikel in der New York Review of Books verurteilte der türkische Schriftsteller Orhan Pamuk diese Tendenzen. Er macht dafür teilweise den Erfahrungsmangel Europas gegenüber den Amerikanern verantwortlich, „wenn es darum geht, mit denen zu leben, deren Religion, Hautfarbe oder kulturelle Identität sich von ihrer eigenen unterscheidet.“

Diese Lücke wird in Europa jedoch gefüllt - vom internationalen Erasmus Student Network (ESN), das den Studentenaustausch in eine gängige und weitverbreitete Praxis verwandelt hat. ESN betreut momentan 150.000 Studenten in 34 europäischen Ländern. Seit dem zweiten Jahr seines Bestehens kann die Organisation eine jährliche Wachstumsrate von 12,3 % verzeichnen. ESN, das vier Jahre nach dem Schengener Abkommen 1985 gegründet wurde, ist zum einfachsten Weg für junge Europäer geworden, eine Weile im Ausland zu verbringen. Der deutsch-niederländische Geschichte-Doktorand Tobias Temming studierte in Amsterdam und Granada. „Ich hätte mein Studium mit 25 Jahren abschließen und dann arbeiten können“, erklärt Tobias. „Ich kenne keine bessere Investition in das eigene Leben als eine neue Sprache zu lernen und ein Jahr in einem anderen Land zu verbringen.“ Bei all den Nationalisten, die sich vom „Schutz des Heimatlandes“ abwenden und sich nun dem „Schutz Europas“ widmen, kann man durchaus behaupten, dass die Erasmus-Generation für das Europa der Zukunft steht. „Gerade weil ihnen die Welt zu Füßen liegt, fühlen sie sich mit Europa mehr verbunden, als wenn sie Europa gar nicht verlassen hätten“, erklärt Till van Rahden, Professor für Deutsch und Europa-Wissenschaften an der Universität Montreal.

„Alle internen europäischen Unterschiede beiseite, man versteht erst, was an Europa spezifisch und einzigartig ist, wenn man außerhalb Europas gelebt hat.“ Was Tobias angeht: Seine Investition wuchs - sein zweites Erasmus-Jahr endete in einem Praktikum in der deutschen Botschaft in Lima, wo er seine jetzige, peruanische Ehefrau kennenlernte. Die Unterschiede zwischen ihnen in Sachen Mentalität seien nicht unbedingt „deutsch“ und „peruanisch“ - eher „europäisch“ und „lateinamerikanisch“.

Fotos: Homepage (cc) beast love/ Bob Prosser/ Flickr/ on Tumblr; Lachen (cc) Mait Jüriado/flickr/Mait Jüriadoofficial photosite