Gesellschaft

'Iberien' beginnt in Lissabon

Artikel veröffentlicht am 12. Dezember 2007
Artikel veröffentlicht am 12. Dezember 2007
Fast die Hälfte aller Spanier und etwa ein Drittel der Portugiesen befürworten eine Union der beiden Staaten auf der iberischen Halbinsel.

Lissabon ist die Hauptstadt jenes Staates, dessen Grenzen die ältesten Europas sind. Die Redaktionsräume der Tageszeitung Diário de Notícias weisen auf den unförmigen Platz Marqués de Pombal. Heute Morgen enthält die meistgelesene Zeitung Portugals eine Karikatur, in der sich zwei Nachbarinnen der Stadt Beja unterhalten. Beja liegt direkt an der Grenze zu Spanien.

"Wie schön es war, dass das Prinzenpaar - Felipe und Letizia - Beja besuchten!", so die Eine. "Sag bloß nicht, du bist eine von denen, die denken, wir sollten Spanier werden!", antwortet die Andere. "Ach Quatsch, ich bin eine von denen, die denken, dass der Prinz und die Prinzessin Portugiesen sein sollten!"

Die Tage, an denen es in den portugiesischen Medien nicht eine Nachricht oder einen Witz zu Spanien gibt, sind rar. Zusätzlich zu einer Art Nationalkomplex taucht immer wieder der Gedanke einer Zusammenlegung Portugals mit Spanien auf. Dieses Projekt hat seinen Ursprung im 19. Jahrhundert. Republikanische Föderalisten träumten schon damals davon, aus Spanien und Portugal einen neuen Staat zu formen: „Iberien“.

Entdeckung nationalistischer Leidenschaften

Der zurzeit bekannteste Befürworter 'Iberiens' ist der Nobelpreisträger José Saramago. Vor kurzem äußerte sich auch noch ein anderer Literaturnobelpreisträger begeistert zu dieser Idee: "Ich bin sicher, eines Tages wird sich Portugal in einer dezentralisierten Union mit Spanien zusammentun", soll Günther Grass, der seine Sommer in Spanien verbringt, gesagt haben.

Fernando Bárbara von der Portugiesischen Kommunistischen Partei (PCP) hingegen möchte "die Souveränität des Staates Portugal verteidigen". Sein Kollege Joao Narciso fügt hinzu: "Wir sind gegen eine solche kulturelle Vereinheitlichung auf der iberischen Halbinsel, auch, wenn es stimmt, dass beide Länder bestimmte Probleme auf internationaler Bühne teilen."

Das Thema weckt Leidenschaften und provoziert handfeste Krisen. Wie beispielsweise zuletzt, als sich der sozialistische Industrieminister Portugals, Mário Lino, als überzeugter 'Iberist' bezeichnete. Die konservative Opposition war empört und fürchtete, dass Portugals nationale Selbstständigkeit ernsthaft in Gefahr sei.

Es geht um mehr, als Politik

"Man kann 'Iberismus' nicht auf die Politik begrenzen", unterstreicht Ramiro Fonte nachdrücklich. Er ist Leiter des 'Instituto Cervantes', dem spanischen Pendant zum Goetheinstitut, in Lissabon. "Die Debatte spielt sich vor allem in Form von Schlagzeilen ab. Dass Portugal sich aber mit Spanien zusammenschließt, ist politische Fiktion", so der Literaturwissenschaftler. Auch die portugiesische Professorin Fernanda Menéndez hält eine Union für reine Utopie: "Wir Portugiesen würden die Probleme, die Spanien schon mit Basken und Katalanen hat, nur noch verschärfen", so die Dozentin für spanische Sprachwissenschaft. "Aus wirtschaftlichen Gesichtspunkten wäre eine Integration jedoch reizvoll: So könnten wir iberische Interessen innerhalb Europas nachhaltiger stärken."

"Die iberische Halbinsel ist eine panlinguistische Einheit", führt Menéndez fort. In anderen Worten: "Wir können einander problemlos verstehen. Wir sind fast alle zweisprachig, auch, wenn es gut wäre, wenn die Spanier etwas mehr portugiesisch lernten", betont die Wissenschaftlerin bewusst auf 'Portuñol' - einer Mischung aus Spanisch und Portugiesisch.

"Portugal war schon immer mehr daran interessiert, Spanien kennen zu lernen als anders herum", so Fonte. "Die Intellektuellen Portugals denken über den 'Iberismus' nach, weil Portugal gerade eine Art Identitätskrise erlebt. Man blickt zu sehr auf Spanien, auf ein idealisiertes Spanien", ist Fonte zu entlocken. Und er fügt hinzu: "Als beide in die EU eintraten, hatte man noch das Gefühl, Portugal sei selbstbewusster, als das komplexe Spanien. Aber jetzt hat man hier das Gefühl, dass Spanien seine Pflichten besser erfüllt habe."

"Ich lese viel auf Spanisch", resümiert später die Professorin Menéndez, "bin mit einem Spanier verheiratet, halte Vorlesungen und Seminare über das Spanische an der 'Universidade Nova' in Lissabon. Auf der einen Seite der Uni ist das Einkaufszentrum 'El corte inglés', auf der Anderen das Hotel 'NH Barcelona' - die Uni ist also flankiert von spanischem Kapital."

Natürlich gibt es ein 'Iberien'

Geografisch gesehen stellen Portugal und Spanien "bereits einen Verbund gegenüber dem restlichen Europa dar", so Menéndez. Mit 1214 Kilometern langer, gemeinsamer Grenze hatten die beiden Länder immer eine gemeinsame oder zumindest recht parallel verlaufende Geschichte. Schlössen sie sich zusammen, würden sie das größte Land innerhalb der EU darstellen und 78 Sitze im Europaparlament einnehmen. In den 21 Jahren seiner EU-Mitgliedschaft hat Portugal seine Exporte nach Spanien vervierfacht - die Importe aus dem Nachbarland verdreifachten sich. In den Einkaufsstraßen Lissabons stehen literarische Neuerscheinungen in den Schaufenstern der Buchhandlungen 'Bertrand', 'Portugal' oder 'Aillaud&Lellos'. Doch es sind Bücher von Julia Navarro, Enrique Vila-Matas oder Javier Marías – allesamt spanische Autoren, auf die der berühmte Philosoph und Poet Fernando Pessoa herunterschaut. Er sitzt im sagenumwobenen 'Café A Brasileira' - auf einem Plakat.