Gesellschaft

Horrorszenen einer Uni

Artikel veröffentlicht am 7. November 2007
Artikel veröffentlicht am 7. November 2007
Fantomkurse in Italien, auf dem Boden sitzen in Deutschland und geschmierte Professoren in Litauen: Desolate Zustände an europäischen Universitäten

Sinnlose Studiengänge in Italien

"Mein Erasmusjahr habe ich in Bologna verbracht – dort ist alles anders als in England", erzählt Louise, 24 Jahre. "In London sind die Kurse auf maximal 30 Leute beschränkt, in Italien gibt es dieses Limit nicht. Tutoren übrigens auch nicht. Meine Erasmusbetreuerin war gleich für mehrere Universitäten zuständig und hatte nur eine Sprechstunde im Monat. Wer sich nicht stundenlang anstellen wollte, bekam sie nie zu Gesicht."

Das hört man häufiger von ausländischen Studenten in Italien. Die Zustände an den italienischen Universitäten sind skandalös: Manche Professoren arbeiten an vier verschiedenen Unis gleichzeitig oder sie betrachten die Lehre ausschließlich als Nebenjob. Die Drecksarbeit bleibt an den Doktoranden und Assistenten hängen. Dabei ist die Organisation ein Graus und die Dozenten sind oft gar nicht anzutreffen – täglich sind Millionen von Studenten diesem Chaos ausgesetzt.

Francesca, 26 Jahre, sieht schwarz: Sie hat interkulturelle Kommunikation studiert, ein Studiengang, der 2000 "an einem Abend in der Kneipe" entstanden ist, wie einer der Begründer, Professor Giovanni Ferracuti, erzählt. Francesca erklärt uns dazu: "Als ich mich einschrieb, wurde uns hier das Blaue vom Himmel versprochen: Einwanderungsbehörden und Nichtregierungsorganisationen warteten auf unsere Bewerbungen, hieß es. Doch während des Studiums wurden uns keinerlei Kontakte vermittelt. Die neue Prüfungsordnung sieht immerhin ein Praktikum vor, nicht einmal das gab es für uns. In den Bestimmungen steht außerdem, der Abschluss sei "gleichwertig mit einem Abschluss in Sozialwissenschaften". Für die staatlichen Ausschreibungsverfahren werden wir dennoch nur selten berücksichtigt. Wir hatten gehofft, wenigstens den Politik- oder den Kommunikationswissenschaften gleichgestellt zu werden, doch auch das ist nicht der Fall. Und seit diesem Jahr sind keine Neueinschreibungen möglich. Was ist das für ein Studiengang, der einfach ausgesetzt wird? Dessen Studenten eine aussterbende Gattung sind. Oder aber mein ganzes Studium war ein Reinfall."

Vive la Révolution

Nicht nur in Italien scheinen sich die Universitäten auf dem absteigenden Ast zu befinden, auch in Frankreich gehr es drunter und drüber. Protest an der Uni hat hier Tradition und wenn er mal läuft, dann legt er über Monate alles lahm. Auch den Unterricht und die Verwaltung. Dies war 2006 beim Streik gegen den Vertrag zur Erstanstellung, den CPE ("Contrat première embauche") der Fall, der Arbeitgebern erlaubte, gegen unter 26-jährige Angestellte unbegründete Entlassungen auszusprechen. Infolge der Proteste hatte die französische Regierung den Gesetzesvorschlag zurücknehmen müssen.

Kate aus England, die Übersetzung und Dolmetschen in Triest studiert, erzählt: "Ich war damals als Erasmusstudentin in Toulouse, an der Université Le Mirail. Drei Monate lang blieb alles geschlossen, sogar die Bibliothek. Und auch als alles wieder 'normal' lief, war das Studieren eine Zumutung: Das Universitätsgebäude ist eine Bruchbude, mit Toiletten auf dem Hof und verschmierten Wänden. Grauenhaft."

500 Euro Semestergebühren

"Seit diesem Jahr zahlen wir Studiengebühren", erklärt Dominik, 23 Jahre, der im baden-württembergischen Hohenheim Wirtschaftswissenschaften studiert. "Das sind 500 Euro pro Semester. Früher war das Studium in Deutschland beitragsfrei, nun haben zwölf von sechzehn Bundesländern Studiengebühren eingeführt. Das große Problem ist die Zahl der Einschreibungen: An meiner Fakultät sind jedes Semester 700 Neuimmatrikulationen zugelassen.

Das führte dazu, dass die Leute in der ersten Semesterwoche auf dem Gang standen, weil der Vorlesungssaal nur 400 Personen fasste. Dann haben sie Videoübertragungen organisiert, aber da versteht man kaum etwas. Ich habe noch Glück gehabt, da ich schon seit drei Jahren eingeschrieben bin. Aber auch wir müssen manchmal auf dem Boden sitzen."

30 Euro für einen Einser

In Litauen sind die Verhältnisse je nach Fakultät unterschiedlich. "Aber überall", so erzählt Indre, die in Vilnius 'Internationale Beziehungen' studiert hat, "fehlt es an modernen Unterrichtsverfahren. Es wird nur Theorie vermittelt und keine Praxis."

Noch schlechtere Erfahrungen hat Tomas gemacht, der an der Technischen Universität Gediminas studiert: "Im letzen Jahr gab es hier einen Professor, der sich schmieren ließ. Die Studenten, die keinen blassen Schimmer hatten, kauften sich bei ihm ihre Noten. Nur wer sich sicher war, dass er die Prüfung bestehen würde, konnte sich das sparen. Alle andern gaben lieber den 'Umschlag' mit ab." Und wieviel kostet eine gute Note? "100 Litas (umgerechnet 30 Euro) muss man für eine mündliche Prüfung hinblättern, 50 Euro für eine Hausarbeit." Keine kleine Investition für die Studenten dort. Natürlich, ergänzt Tomas, "hat sich keiner beschwert, immerhin hatte das für alle seine Vorteile. Aber die Sache ist rausgekommen und der Dozent hat anschließend die Uni gewechselt."

Dank an Indre Kumpikeviciute