Gesellschaft

Homosexuelle in Litauen: Einen Schritt vor, zwei zurück

Artikel veröffentlicht am 9. Januar 2014
Artikel veröffentlicht am 9. Januar 2014

Was die Be­kämp­fung von Ho­mo­pho­bie be­trifft, gibt es in Li­tau­en noch viel zu tun. Die Po­li­tik, die Me­di­en sowie die Kir­che ste­hen der ge­sell­schaft­li­chen Ak­zep­tanz im Wege. Die EU scheint nichts daran än­dern zu kön­nen. Teil eins un­se­rer Re­por­ta­ge.

Wilna, 29. No­vem­ber 2013 - Eine Jeans­ho­se mit Reiß­ver­schluss über dem Hin­tern: stolz wird sie mir von dem li­taui­schen Ab­ge­ord­ne­ten Pe­tras Gražulis in des­sen Büro im Sei­mas, dem li­taui­schen Par­la­ment, prä­sen­tiert. Gražulis, der 55-jäh­ri­ge Vor­sit­zen­de der rechts­po­pu­lis­ti­schen Par­tei Ord­nung und Ge­rech­tig­keit, hat das fe­sche Bein­kleid ei­gens an­fer­ti­gen las­sen, um sei­nen Ab­scheu vor Ho­mo­se­xu­el­len zu zei­gen. Am 12. No­vem­ber hat er dem Schwu­len­ver­band Wilna per­sön­lich ein Ex­em­plar über­reicht. „Ich werde sie pa­ten­tie­ren las­sen und mas­sen­wei­se ver­kau­fen", ver­si­chert er mir, bevor er einen lan­gen Vor­trag über die „Hei­lung" von Ho­mo­se­xua­li­tät -„einen Fluch aus der EU" - be­ginnt, der mit zahl­rei­chen Bi­bel­zi­ta­ten ge­spickt ist.

Gražulis' Ak­ti­on wäre nur ein ge­schmack­lo­ser Witz ge­we­sen, wenn es  nicht so schlecht um die Si­tua­ti­on der Rech­te von Ho­mo­se­xu­el­len im 3,5 Mil­lio­nen Ein­woh­ner zäh­len­den Li­tau­en be­stellt wäre. „Alle haben von sei­ner Tat ge­hört, aber kein Po­li­ti­ker hat sie ver­ur­teilt", be­dau­ert Vla­di­mir Si­mon­ko, Vor­sit­zen­der des li­taui­schen Schwu­len­ver­bands.

35% der Li­tau­er sind gegen ho­mo­se­xu­el­le Ab­ge­ord­ne­te

Meh­re­re Stu­di­en zei­gen, wie ne­ga­tiv Ho­mo­se­xu­el­le in Li­tau­en ge­se­hen wer­den. Einer Stu­die des Om­buds­man­nes zu­fol­ge sind nur 52% der Li­tau­er für Chan­cen­gleich­heit am Ar­beits­platz. 42% der be­frag­ten Per­so­nen hät­ten Angst, wenn ihr Kind einen ho­mo­se­xu­el­len Leh­rer hätte. Eine Stu­die der Agen­tur der Eu­ro­päi­schen Union für Grund­rech­te in Wien zeigt, dass 61% aller LGBTI (les­bisch, schwul, bi­se­xu­ell, trans­gen­der und in­ter­se­xu­ell, Anm. d. Au­to­rinPer­so­nen in Li­tau­en dis­kri­mi­niert oder be­läs­tigt wer­den. Dies ent­spricht dem höchs­ten An­teil in der Eu­ro­päi­schen Union.

Mo­men­tan wer­den nicht we­ni­ger als 5 Ge­set­zes­ent­wür­fe über­prüft. Die Texte kön­nen leicht als homo- oder trans­phob be­zeich­net wer­den und be­tref­fen wahl­wei­se ein Ver­bot von Ge­schlechts­um­wand­lun­gen, ein Ad­op­ti­ons­ver­bot für gleich­ge­schlecht­li­che Paare, die Straf­bar­keit von „öf­fent­li­cher Ver­un­glimp­fung der ethi­schen Werte der Ver­fas­sung" (d.h. der Hei­rat zwi­schen Mann und Frau), die Ent­fer­nung der Be­lei­di­gung von Ho­mo­se­xu­el­len aus dem Straf­ge­setz­buch oder die De­ckung von Kos­ten für öf­fent­li­che De­mons­tra­tio­nen (d.h. Gay Pri­des). Au­ßer­dem wur­den ver­schie­de­ne Ver­su­che un­ter­nom­men, wie in Kroa­ti­en, das Ehe­recht ex­pli­zit auf Mann und Frau zu be­schrän­ken.

Ein in­for­mie­ren­der Spot zum Bal­tic Pride wurde vor ei­ni­gen Mo­na­ten vom öf­fent­li­chen Fern­se­hen ab­ge­lehnt; Grund war ein 2010 in Kraft ge­tre­te­ner Zu­satz­ar­ti­kel zum Ge­setz über den Schutz von Min­der­jäh­ri­gen, der „Pro­pa­gan­da für ho­mo­se­xu­el­le, bi­se­xu­el­le oder po­ly­ga­me Be­zie­hun­gen" ver­bie­tet.

Das eu­ro­päi­sche Par­la­ment hatte für eine Re­so­lu­ti­on gegen die­sen Zu­satz ge­stimmt - ohne Er­geb­nis. Aus­ge­strahlt wer­den konn­te der Spot nur nach 23 Uhr mit dem Ver­merk „In­halt für Er­wach­se­ne". Dann er­klär­te sich ein pri­va­ter Sen­der be­reit, ihn tags­über zu sen­den. „„Es ist hier wie in Russ­land", sagt Si­mon­ko und spielt dabei auf das rus­si­sche Ge­setz an, das „Pro­pa­gan­da für Ho­mo­se­xua­li­tät" ver­bie­tet. In die­sem Zu­sam­men­hang wurde ein Men­schen­rechts­ak­ti­vist kürz­lich ver­ur­teilt.

Unser größ­tes Pro­blem sind un­se­re Po­li­ti­ker"

Der Bal­tic Pride im Juli war den­noch ein Er­folg, wenn man von ei­ni­gen Zwi­schen­fäl­len und den ver­geb­li­chen Ver­su­chen des Bür­ger­meis­ters ab­sieht, die De­mons­tra­ti­on vom Stadt­zen­trum fern­zu­hal­ten. „Ich habe das Ge­fühl, dass wir jedes Mal einen Schritt nach vorn und zwei Schrit­te zu­rück tun", äu­ßert sich Si­mon­ko. „Unser größ­tes Pro­blem sind im Grun­de un­se­re Po­li­ti­ker. Sie sind davon über­zeugt, dass die große Mehr­heit der Be­völ­ke­rung ho­mo­phob ein­ge­stellt ist und ver­hal­ten sich dem­entspre­chend. Oder sie wagen nicht, sich für Ho­mo­se­xu­el­le ein­zu­set­zen, weil sie Angst haben, Stim­men zu ver­lie­ren." Laut einer Um­fra­ge unter den Ab­ge­ord­ne­ten be­trach­ten die meis­ten Ho­mo­se­xua­li­tät als Krank­heit oder Per­ver­si­on.

Ei­ni­ge Mit­glie­der der so­zi­al­de­mo­kra­ti­schen und li­be­ra­len Par­tei­en sind für die Rech­te Ho­mo­se­xu­el­ler, aber „die kann man an den Fin­gern einer Hand ab­zäh­len." Ab­ge­se­hen von der li­be­ra­len Par­tei (Op­po­si­ti­on) setzt sich keine für eine ein­ge­tra­ge­ne Le­bens­part­ner­schaft für gleich­ge­schlecht­li­che Paare ein.​ Und dann wird Li­tau­en von einer Ko­ali­ti­on aus meh­re­ren Par­tei­en unter der Füh­rung von Pre­mier­mi­nis­ter Al­gir­das But­ke­vičius re­giert - Ord­nung und Ge­rech­tig­keit, so­zi­al­de­mo­kra­ti­sche Par­tei, Ar­bei­ter­par­tei und Par­tei der pol­ni­schen Min­der­heit - „Rech­te für Ho­mo­se­xu­el­le kann man also ver­ges­sen"fasst Si­mon­ko zu­sam­men.

Dabei zählt zu den Mit­glie­dern der so­zi­al­de­mo­kra­ti­schen Par­tei eine be­deu­ten­de Men­schen­rechts­ak­ti­vis­tin: Ma­ri­ja Pa­vi­lio­ni­enė, 69 Jahre alt, Pro­fes­so­rin und Fe­mi­nis­tin. Doch in ihrer Par­tei tei­len nur vier oder fünf Men­schen ihren Stand­punkt. Gražulis' Jeans­ho­se fin­det sie ab­sto­ßend: „er und viele an­de­re Ho­mo­pho­be sind be­ses­sen von Se­xua­li­tät. Aber hier geht es nicht um Sex, hier geht es um Men­schen­rech­te!Viele So­zi­al­de­mo­kra­ten sind da an­de­rer An­sicht. „Ich fühle einen stän­di­gen Druck, mei­nen fort­schritt­li­chen Ideen ab­zu­schwö­ren," er­zählt sie in einem Café im Stadt­zen­trum von Wilna. „Ich habe un­se­ren Jus­tiz­mi­nis­ter wie­der­holt auf einen Ge­set­zes­ent­wurf für ein­ge­tra­ge­ne Le­bens­part­ner­schaf­ten an­ge­spro­chen," er­klärt Pa­vi­lio­ni­enė. „Er hat es mir ver­spro­chen, aber ich warte noch immer. Der Ent­wurf ist da, er muss ihn nur aus der Schub­la­de holen! Aber er hat Angst. Sogar Prä­si­den­tin Gry­bau­skaitė sagt, für eine ein­ge­tra­ge­ne Le­bens­part­ner­schaft sei die Zeit noch nicht reif. Sie wagt es nicht. Wenn sie nur öf­fent­lich sagen würde, dass 'ver­schie­de­ne Arten von Fa­mi­lie denk­bar sind' würde sie schon so viel be­we­gen." Im Üb­ri­gen kur­sie­ren Ge­rüch­te, denen zu­fol­ge die von den Kon­ser­va­ti­ven un­ter­stütz­te Gry­bau­skaitė selbst les­bisch ist.

Bis zum heu­ti­gen Tage hat sich nur ein ein­zi­ger li­taui­scher Po­li­ti­ker ge­ou­tet. Es han­delt sich um Rokas Žilins­kas, 41 Jahre alt, frü­her Jour­na­list und Fern­seh-Nach­rich­ten­spre­cher, heute Ab­ge­ord­ne­ter der kon­ser­va­ti­ven Par­tei Pa­trio­ti­sche Union. „Seine Par­tei be­nutzt ihn, um die Rech­te Ho­mo­se­xu­el­ler zu­rück­zu­schrau­ben," ver­traut uns Si­mon­ko an. „Er war gegen den Bal­tic Pride! Er glaubt an stil­len Pro­test und denkt, Ho­mo­pho­bie wird von selbst ver­schwin­den. Er hat sogar vor­ge­schla­gen, un­se­ren Ver­band auf­zu­lö­sen."

In­ter­views ge­führt von Ju­dith Sin­ni­ge in Wilna.

Dem­nächst wird der zwei­te Teil un­se­rer Re­por­ta­ge er­schei­nen, in dem es um den Ein­fluss der Kir­che und der Me­di­en geht.