Gesellschaft

Homo Erasmus: Schattenseiten eines Austauschprogramms

Artikel veröffentlicht am 6. November 2013
Artikel veröffentlicht am 6. November 2013

In den 25 Jahren seines Bestehens hat das Erasmus-Programm oftmals Fragen aufgeworfen - zuletzt ging es sogar um seine Existenzberechtigung. In einem in sarkastischem Tonfall abgefassten Büchlein zeichnet der französische Student Léos van Melckebeke ein so groteskes wie erschreckendes Bild des Homo Erasmus.

Wie kam dir die Idee zu deinem Buch?

Léos van Melckebeke (LVM): Ich habe mit 21 Jahren (heute ist er 23, A.d.R.) gemeinsam mit vielen anderen Erasmus-Studenten einen Italienischkurs in Venedig besucht, um mich auf mein Jahr in Bologna vorzubereiten. Während dieses Monats haben sehr wenige Studenten versucht, Italiener kennenzulernen und die Sprache zu sprechen, was ja der eigentliche Sinn der Sache ist. Ich habe also beobachtet, was Erasmus sein kann, nämlich etwas vollkommen Anderes als all das Positive, das man stets über das Programm sagt. Das Buch möchte die Schattenseiten von Erasmus beleuchten.

Cafébabel: Was hattest du vorher für eine Meinung über das Erasmus-Programm? LVM: Ich fand es prima und das hat sich bis heute nicht geändert. Die Idee ist genial, ich war nur von der konkreten Umsetzung überrascht, davon, wie wenig Austausch durch Erasmus tatsächlich stattfand. Wenn man 20 Europäer in einen Raum steckt, kommt nicht zwangsläufig etwas Interessantes dabei heraus. Meistens ist das Ergebnis albernes Geschwätz. Jeder Student wird bald die Klischees über sein Land verteidigen, ohne dass ein wirklicher Austausch stattfindet. Ich habe z.B. niemals eine Diskussion darüber gehört, was Europa sein könnte, oder über die Lage unserer Generation.

Cafébabel: Gab es denn keine Studenten, die deiner Meinung waren?

LVM: Doch. In Bologna bin ich anderen Studenten begegnet, mit denen es zu wirklichen Gesprächen kam. Ob es nun Schweizer oder Deutsche waren - diese Menschen hatten beschlossen, sich von Erasmus abzuseilen und Italiener kennenzulernen. Aus diesem Grunde habe ich die berühmten Erasmus-Veranstaltungen nie besucht - die bringen einem nichts. Auch deswegen ist das Buch vor allem eine komische Übertreibung einer absurden Situation.

Cafébabel: Es ist also kein Pamphlet gegen Erasmus?

LVM: Nein. Es ist eine Beschreibung der Realität, die sich von den immer gleichen übertriebenen Lobeshymnen abheben möchte. Die Erzählungen ehemaliger Erasmus-Studenten gleichen sich doch dermaßen...

Cafébabel: Das Buch ist zwar nicht in der Ich-Form geschrieben, hat aber trotzdem autobiographische Züge. Wer ist dieser Homo Erasmus denn nun wirklich?

LVM: Ich habe diese abstrakte Figur für meinen Roman erschaffen, weil ich mich dem Thema so von drei Seiten nähern konnte. Homo Erasmus ist erst einmal die Studenten, die ich beobachtet habe. Dann bin es ich selbst. Und dann wieder ist es niemand, d.h. es ist eine Abstraktion, die eine Karikatur des Erasmus-Studenten sein könnte.

Cafébabel: Denkst du, dass sich der Homo Erasmus gern absondert?

LVM: Ja, in dem Sinne, dass er sich nicht für die Kultur des jeweiligen Landes interessiert. Man bleibt unter sich. Das ist ziemlich absurd: Du gehst mit Erasmus ins Ausland, um Neues zu entdecken, findest dich aber in einer dominanten Monokultur wieder. Du kannst sehr gut ein Erasmus-Jahr in Bologna verbringen und überhaupt keinen Kontakt zur Stadt, ihrer Geschichte, ihren Bewohnern, ihren Besonderheiten aufbauen. Da fragt man sich doch, was der Sinn dieser Reise ist.

Cafébabel: Der Sinn von Reisen ist der Ausgangspunkt deines Buchs und du scheinst eine rein intellektuelle Sicht auf das Ganze zu haben... 

LVM: Ich gehe von der Annahme aus, dass man reist, weil man neugierig ist. Heute reist man, um seine Ideen zu exportieren. Für mich entsteht der Wunsch zu reisen aus dem Wunsch, Dinge zu entdecken. Damit will ich nicht sagen, dass jeder so sein muss. Es erstaunt mich nur, dass Studenten reisen und nicht neugierig auf den Ort sind, an dem sie sich befinden.

Cafébabel: In einer Szene sieht sich der Homo Erasmus ganz verblüfft eine Gay Pride an, als wäre ihm so etwas völlig neu. Stellt dein Buch nicht auch eine scharfe Kritik an deiner eigenen Generation dar?

LVM: Diese Szene soll das komische Potenzial unserer Generation illustrieren. Wenn ich so etwas sehe, lache ich mich kaputt. Ich lache über unsere Zeit, für die ich keinerlei Achtung habe. Ich versuche, die heutige Realität und ihren Geist der Ernsthaftigkeit überzogen darzustellen. Man denke nur an Ionesco, an Molière - die haben auf ihre Zeit gepfiffen und ihr komisches Potenzial erkannt.

Cafébabel: Gut, aber wie siehst du unsere Generation?

LVM: Die Langeweile saugt uns auf. Insgesamt habe ich den Eindruck, dass die Leute sich entsetzlich langweilen und versuchen, diese Langeweile abzutöten, indem sie blind der Masse nachlaufen: Ständig wird gefeiert und die Leute gehen ohne jeden Anlass voll ab. Ich betrachte den Modernismus, die heutige Zeit und meine Zeitgenossen mit Skepsis.

Cafébabel: Das wird aus Form und Inhalt deines Buches ziemlich deutlich. Hast du keine Angst, dass man dich aufgrund von Homo Erasmus für einen keifenden Alten hält?

LVM: Mir ist das alles bewusst und ich betone nochmals, dass das Buch eine komische Übertreibung darstellt. Ich habe nicht prinzipiell etwas gegen Partys, aber ich finde die heutigen Partys traurig und fade. Ich hoffe, dass ich Menschen zum Lachen gebracht habe. Das Buch stellt keine großen Ansprüche, es ist kein politisches Manifest, sondern nur eine Kleinigkeit.

Cafébabel: Was würdest du heute einem Studenten raten, der seinen Erasmus-Aufenthalt beginnt?

LVM: Sich nicht von dem Programm vereinnahmen zu lassen, neugierig auf Begegnungen mit Einheimischen zu sein. Und das erfordert Anstrengung. Die Sache ist: Wir leben in einer Zeit, in der man dies immer weniger von uns verlangt. Die Versuchung, an organisierten Veranstaltungen teilzunehmen und unter Erasmus-Studenten zu bleiben, ist groß. Aber wenn wir es stets einfach haben wollen, werden wir zu bloßen Herdentieren. 

Homo Erasmus, critique de la léthargie nomade; Editions Dasein