Gesellschaft

Homo-Ehe: du machst wohl Witze!

Artikel veröffentlicht am 5. Dezember 2012
Artikel veröffentlicht am 5. Dezember 2012
„Dann heiraten wir eben eure Freundinnen“, erklären eine Handvoll amerikanische Homosexuelle in einem Youtube-Video, das millionenfach angeklickt worden ist. Das Thema Homo-Ehe ist in der gesamten westlichen Welt neuerdings in Mode gekommen. In Frankreich spricht man aktuell von nichts anderem. Und mit nicht allzuviel Humor.

Anlässlich der Wiederwahl von Barack Obama haben die Staaten Washington, Maine und Maryland die Gelegenheit genutzt, um in einem Referendum für die Legalisierung der Homo-Ehe zu stimmen. Einige Tage später machte das Video einiger Homosexueller im Internet die Runde:  Darin drohen schwule Jungs, die Freundinnen von Heteros zu heiraten, wenn diese die Homo-Ehe nicht unterstützen.

Um ernst genommen zu werden, zählen sie ihre Stärken gegenüber Heteros auf: Homosexuelle kleiden sich besser, kochen besser, verstehen die Mädels besser, mögen auch durch Kunstgalerien schlendern… Und die Moral von der Geschicht:  Die Homos würden den Heteros damit sogar einen Gefallen tun, da sie so unlauteren Wettbewerb vermeiden. Im Gegenzug hätten sie aber sehr wohl ein Recht auf Unterstützung in puncto Homo-Ehe. Ansonsten wäre den Heteros eine schreckliche Rache sicher.

Plädoyer mit Selbstironie

Spanien hat die Homo-Ehe 2005 legalisiert. Das Land besteht immer noch, sie haben sogar im Fußball gewonnen.

Die Argumentation ist schonungslos, der Ton vermeintlich ernst. Aber spiegeln Ungezwungenheit und Humor wirklich die Entkrampfung der amerikanischen Gesellschaft wider? Der französische LGBT-Verein Act Up Paris hatte seinerseits vor den Präsidentschaftswahlen im Hexagon eine Kampagne geplant, die vorsah, Botschaften wie „Spanien hat die Homo-Ehe 2005 legalisiert. Das Land besteht immer noch, sie haben sogar im Fußball gewonnen“ oder „Island hat die Homo-Ehe 2010 legalisiert. Im selben Jahr ist der Eyjafjallajökull ausgebrochen, es konnte aber kein Zusammenhang nachgewiesen werden“ zu plakatieren. Es wurde ein Aufruf gestartet, die Kampagne konnte wegen fehlender Mittel jedoch nicht durchgeführt werden. Ist den europäischen LGBT-Aktivisten jetzt das Lachen vergangen?

Humor ist nicht gleich Humor

Eins ist sicher, die Debatte lässt niemanden in Frankreich kalt. Nein, die 'mariage pour tous' [Ehe für alle - wie es im Gesetzesentwurf der französischen Regierung heißen soll, A. d. R.] hindert Hetero-Paare nicht daran zu heiraten. Nein, die adoptierten Kinder werden nicht alle homosexuell und beschwören so das Aussterben der Menschheit herauf. Nein, der Zorn Gottes wird das Land nicht treffen. All dies sei nur Humor und Spott, meint ihr? Von wegen!

Die täglichen Beleidigungen der Gegner des Gesetzentwurfs sind manchmal so niveaulos, dass die Befürworter der Reform gezwungen sind, diesen Argumentationsstil beizubehalten. Es wäre ja zum Lachen, wäre es nicht der Spiegel der latenten Homophobie, die in der Gesellschaft immer noch vorherrscht. Der französische Senator Serge Dassault, von einem öffentlichen Sender interviewt, meinte auch, dies sei "einer der Gründe für den Niedergang Griechenlands“, eine sowohl fremdenfeindliche als auch homophobe Äußerung. Griechenland lehnt aber die gleichgeschlechtliche Ehe ab.

Krise und Homo-Ehe, passt das zusammen?

Warum aber diese Diskrepanz in der Gesellschaft? Verstärkt der beängstigende Kontext der aktuellen Krise die Spaltung? So mancher denkt, dass sich die Regierungschefs der betroffenen Länder dieses Gesellschaftsthemas bedienen, um den Leuten Sand in die Augen zu streuen und so von den echten Problemen abzulenken.

Umgekehrt könnte man aber ebenso denken, dass die Menschen in Zeiten der Unruhe zum Wesentlichen zurückkehren und sich die wahren Fragen stellen: Ist die Wirtschaft das Einzige, wofür wir zu kämpfen haben? Was sind unsere Werte? Welche Art von Gesellschaft wollen wir? Ist die Ehe eine grundlegende Institution?

Die Einen antworten, dass sie eine tolerantere, gerechtere, auf Gleichheit basierende Gesellschaft wollen. Die Anderen, dass die Abstammung von einem Vater und einer Mutter die Grundlage von allem sei. Und an diesem Zankapfel erhitzen sich die Gemüter. Die Krise könnte demnach auch gesellschaftlichen Fragen förderlich sein, aus dem einfachen Grund, dass solche Reformen nicht einen Cent öffentlicher Gelder kosten. Aus Sicht des Buchhalters könnte man sogar soweit gehen und die Genehmigung zur Euthanasie zu empfehlen…

Derweil sind diejenigen, die darüber gezwungen lachen, mit Sicherheit die Singles. Das Thema Ehe fordert soviel Aufmerksamkeit, dass die wirklichen Verlierer die Alleinstehenden sind. Es stellt sich die Frage, ob die Ehe nicht für alle verpflichtend sein sollte.

Illustrationen: Teaserbild ©Facebook-Seite Do not Disturb); Im Text (cc)loungerie/flickr (http://lafinesoltanto.wordpress.com/); Video (cc)collegehumor/YouTube