Gesellschaft

Hoffnung und High Heels - das Leben von Frauen im Irak

Artikel veröffentlicht am 16. September 2014
Artikel veröffentlicht am 16. September 2014

Wie fühlt man sich als Frau und Aktivistin im Irak? Cafébabel spricht mit N., einer 24-Jährigen Aktivistin für UNHCR (UN Refugee Agency) und Journalistin, die für ihre mutigen Arbeiten über Menschenhandel und Ehrenmorde bereits mehrmals ausgezeichnet wurde. Der ganz persönliche Bericht über das Leben von Frauen im Irak.

N. wurde im Süden des Iraks in eine gut situierte Familie hineingeboren. Bereits mit 18 Jahren wurde sie eine Aktivistin, weil sie die Probleme von irakischen Gesellschaft und Frauen im Allgemeinen am eigenen Leib mitbekommen hatte. Gerade aufgrund ihrer Erfahrungen, weiß sie, wie gefährlich es sein kann, wenn man öffentlich seine Meinung kundtut und möchte sie hier lieber anonym bleiben. Ihrer Meinung nach, gibt es im Irak viele Frauen, die sich sozial engagieren und ganz und gar nicht konformistisch denken. Und sie fühlt sich als eine von ihnen. Da sie regelmäßig Vorträge vor internationalem Publikum hält, hat sie die Möglichkeit viele Reisen außerhalb des Iraks zu tätigen. Sie ist eine ganz und gar moderne Frau, die bunte Kleider und Hidschabs genauso liebt wie Highheels. Ihre weltoffene Haltung bringt sie manchmal in schwierige Situationen. Auch der folgende Bericht überzeugt mit Ehrlichkeit und Offenheit.    

Wie lebt es sich im Irak als Frau?

Es ist schwer zu beschreiben, was sich momentan im Irak abspielt. Es gibt ruhige Tage in Bagdad, aber meistens ist dies nur die Ruhe vor dem Sturm. Täglich sterben Menschen…

Wenn ich rausgehe, denke ich immer, ich werde bestimmt von einer Bombe, Autobombe oder Granate zerfetzt. Und es gibt keine Garantie dafür, dass dies nicht passiert. Ich habe oft das Gefühl, dass das sowieso niemanden interessiert. Noch nicht einmal die Regierung. Ihr fragt eine junge Frau wie mich, ob man optimistisch in die Zukunft blicken kann? Ich habe Hoffnung, weil ohne Hoffnung würde ich aufgeben und sterben. Nach jeder Explosion, denke ich, dass es keinen Sinn mehr macht und das sich sowieso nichts verändern wird. Aber irgendwas in mir will, dass ich Spaß habe, lächle und wieder arbeiten gehe. Der Krieg hat die Menschen im Irak stark verändert – sie haben nicht nur ihre Liebsten verloren, sondern auch ihre ganze Haltung dem Leben gegenüber verändert. Ich habe das Gefühl, dass sie früher nettere Menschen waren.

Ich arbeite noch immer für die UNHCR. Bei meiner Arbeit muss ich die Flüchtlinge dort registrieren und ich spreche oft persönlich mit ihnen. Es gibt keine Garantie, dass ich in dieser Situation sicher bin, aber die gute Seite ist, dass ich so begonnen habe, mein Leben und mich selbst immer wieder zum Positiven zu verändern. 

Einmal, als ich in einem Bus unterwegs war, gab es beinahe einen Terroranschlag. Ich saß direkt neben dem Terroristen, der die Bombe allerdings zum Glück nicht auslösen konnte. Das Militär nahm sich der Sache an und rettete die Situation. Solche Situationen geben mir Hoffnung, dass unser Militär doch darauf achtet, was in unserem Land vor sich geht. 

Mein Vater ist ein Ingenieur und meine Mutter hat Elektrotechnik studiert. Sie haben sich im Jahr 1988 getroffen und für meinen Vater war es Liebe auf den ersten Blick. Sie motivieren mich sehr. Es tut immer noch weh, sich an den Moment zu erinnern, als ein Terrorist meine Mutter angeschossen hat. Terroristen greifen häufig Leute aus der gebildeten Schicht des Irak an. Sie töten Doktoren, Ingenieure, Professoren… Einmal im Jahr 2007 stürmten plötzlich Terroristen unser Haus. Einer von ihnen wollte meinen Vater töten und ich wollte ihn beschützen. Da entschied sich der Terrorist plötzlich, mich zu töten und dann war es wiederum meine Mutter, die mich schützen wollte. Sie stellte sich vor mich und wurde von einer Kugel getroffen. Ihre Wunde bereitet ihr immer noch Schmerzen.  

Und der ganz normale Alltag? 

Ich stehe jeden Tag um 5.30 Uhr auf. Ich mache mich fertig und gehe mit einem Lächeln auf den Lippen zur Arbeit, denn die Arbeit ist der einzige Ort, an dem ich völlig ausgelassen sein kann. Es ist mein einziger wirklicher Rückzugsort. Woanders kann kann man keinen Spaß haben, schon gar nicht als Frau, so oft wie wir hier sexuellen Übergriffen auf der Straße ausgesetzt sind. Manchmal bringen die irakischen Männer nur ein paar dumme Sprüche oder schmeißen dir ihre Telefonnummer auf einem Blatt Papier zu, aber manchmal fassen sie uns auch an. Warum zur Hölle machen sie das? Ich verstehe es nicht, ich verstehe Männer im Irak nicht. Ich glaube, sie kompensieren etwas darüber, dass sie uns Frauen belästigen. Und wenn man ihnen sagt, dass sie damit aufhören sollen, sagen sie nur: Schau dir die mal an! Guck mal, was die anhat!" oder "Das ist weil sie sich so anzieht!" Sie schieben die Schuld immer auf die Frauen.

Am Wochenende treibe ich Sport. Natürlich auch zuhause, weil man kann es nicht draußen machen. Das geht nicht wegen der Restriktionen, die die irakische Gesellschaft den Frauen aufbürdet. Es gibt zwar viele Fitnessstudios, aber die Öffnungszeiten sind nicht vereinbar mit den allgemeinen Arbeitszeiten. Allgemein ist es im Irak nirgends sicher, aber was soll man machen? Ich kann mich ja nicht nur zuhause verstecken! Warum macht die Polizei nichts? Das Militär hat nicht die Möglichkeit die Menschen hier ausreichend zu schützen. Aber dies ist der Ort, an dem ich geboren und aufgewachsen bin, also fällt es schwer von hier wegzuziehen.  

Ein Leben zwischen Kopftuch und Highheels? Zwischen Tradition und Zukunft?

Ich trage in manchen Teilen Bagdads schon längere Kleidung, aber seit ich Kopftuch trage, finde ich es allgemein nicht mehr ganz so schwierig, auf die Straße zu gehen. Vielleicht rede ich mir das auch nur ein, weil ich es auch schon anders erlebt und empfunden habe. Aber ganz egal wie, du musst alleine zurecht kommen und das ist hier nicht leicht. Und natürlich sollte ich mich manchmal auch bedeckter halten, sonst handelt mir das nur Ärger ein, auch wenn die Leute, mit denen ich spreche, in der Regel gebildet sind.

Meine Lieblingskleider kann ich hauptsächlich eigentlich nur in Deutschland tragen. Es ist toll, wenn man jeden Tag ein anderes Kopftuch anziehen kann und einem die Sachen nicht so langweilig werden. Ich schaue mir sogar öfter Fashionshows an oder besuche Webseiten über Mode, um die neuesten Trends mitzubekommen. Und ich wähle immer Kleidung aus, die zu mir passt – und das als Mädchen mit Kopftuch. Das Kopftuch ist immer das wichtigste Accessoire, denn ich muss meinen Körper fast komplett bedecken. Nur die Hände und mein Gesicht dürfen zu sehen sein. Wie die Leute einen aufnehmen? Es kommt drauf an, wo du dich aufhälst. Und es wird natürlich immer viel geredet und es gibt viel Druck. Man wird, wie schon gesagt, häufig belästigt. Das macht den Alltag einer Frau im Irak aus.