Gesellschaft

Hinter den Birken: Die Bio-Punks von Warschau

Artikel veröffentlicht am 10. April 2015
Artikel veröffentlicht am 10. April 2015

Ein polnischer Bauernhof versucht Bio-Bauern und städtische Konsumenten zusammenzubringen. In Polen müssen Kleinbauern ums Überleben kämpfen. Das neue, von Aktivisten vorangetriebene Modell, das auf genossenschaftlicher Basis funktioniert, bietet nicht nur eine Rettungsleine für diese Bauern. Es macht auch Stadtmenschen mit frischem Obst und Gemüse bekannt.

Der 6 Hektar große Öko-Bauernhof, der seit 2009 von Sonia Priwiezienciew und Tomasz Wloszczowski betrieben wird, heißt „Za Brzozami". Das ist Polnisch und steht für „Hinter den Birken". Der Name ist treffend. Denn begibt man sich hinter die Birken, die diesen Bauernhof umgeben, so kommt man in eine andere Welt: ein grünes Stück Paradies auf Erden.

Hier wird jedes Gemüse mit viel Fürsorge und Aufmerksamkeit behandelt. Pflanzen werden so angebaut, dass sie sich gegenseitig dabei unterstützen, gesund zu bleiben und gut zu gedeihen. Das ist weit davon entfernt, wie wir Gemüse aus der Stadt kennen und dort erleben: alles sieht gleich aus, wurde in die Regale der Supermärkte gestopft und ist voller Pestizide, mit Preisen, die auf das niedrigste Niveau heruntergetrieben wurden.

Für jemanden, der nur Lebensmittel aus dem Supermarkt gewohnt ist, schmeckt das Obst und Gemüse von Za Brzozami natürlich fantastisch. Seit drei Jahren versorgt der Hof Menschen aus Warschau mit Obst und Gemüse aus biologischem Anbau. Realisiert wird das Projekt über ein sogenanntes „Community Supported Agriculture" (CSA)-Konzept, bei dem eine Gruppe von Haushalten einen festen Preis für eine ganze Saison bezahlt und dafür wöchentlich einen Korb mit Erzeugnissen erhält.

Das CSA-Konzept (oder auf Polnisch "RWS" für "Rolnictwo Wspierane przez Spolecznosc") ermöglicht es, einen Teil der Risiken, die mit dem biologischen Landbau verbunden sind, zwischen den Konsumenten und den Bauern aufzuteilen.

Wie alles anfing

Es war nicht schwer, sich über den Beginn eines CSA-Projekts zu einigen. Schon bevor sie Bauern wurden, waren Sonia und Tomek Aktivisten, die sich für den biologischen Landbau in Polen einsetzten. Daran hat sich auch bis heute nichts geändert. Über ihre Stiftung Agrinatura treten sie für die Verbesserung der nationalen Gesetzgebung ein und werben bei polnischen Bauern für das Konzept der biologischen Landwirtschaft. Derzeit haben es in Polen kleine und mittelgroße Bauern schwer, zu überleben, da die staatliche Unterstützung für den landwirtschaftlichen Sektor über Jahre hinweg auf die industrielle Landwirtschaft fokussiert war. Nur sehr wenigen der kleineren Bauern gelingt es Wege zu finden, ihre Produkte zu kommerzialisieren. Das liegt hauptsächlich daran, dass die Märkte weit entfernt sind und zudem von den meist billigeren Produkten aus der industriellen Landwirtschaft dominiert werden. Eine der größten Herausforderungen für jene, die sich für die biologische Alternative entscheiden, stellt die hohe Arbeitsintensität dieser Produktionsmethode dar. Hinzu kommt die Arbeit zum Erlangen von Zertifizierungen und zum Führen des Hofes nach biologischen Prinzipien. All diesen Bauern käme eine gesicherte Nachfrage zugute.

Konsumenten in den Städten wiederum wissen kaum noch, wie gesunde Lebensmittel ohne Pestizide schmecken. Bioläden öffnen, um der steigenden Nachfrage nach qualitativ hochwertigeren Lebensmitteln nachzukommen. Sie dienen damit Teilen der neuen gesundheitsbewussten Mittelklasse Polens. Für finanziell schwächere Konsumenten ist das dortige Preisniveau jedoch unerschwinglich. Die Preise bei CSA-Anbietern sind insgesamt viel niedriger als jene, die bei Einzelhändlern biologischer Produkte zu finden sind. Deshalb scheint ein CSA-Konzept gut geeignet zu sein, die unterschiedlichen Probleme auf Seiten der Erzeuger sowie auf Seiten der Konsumenten zu lösen.

Als Sonia und Tomek den Lebensmittel-Aktivisten Piotr Trzaskowski trafen, dem das CSA-Konzept aus der Tschechischen Republik bekannt war, waren sie sofort neugierig, es auszuprobieren und damit zu experimentieren. Das CSA-Modell schien ihnen ein guter Weg zu sein, mit ihrem kleinen Ökohof im Geschäft zu bleiben, da es einen Markt für die Produkte garantiert. „CSA kann wirklich gut für kleine Bio-Bauern funktionieren. Das ist wichtig, weil die polnische Regierung den biologischen und kleinen Bauern mit Sicherheit nicht hilft. Aber Landwirtschaft im kleinen Rahmen und biologische Vielfalt weisen den richtigen Weg in die Zukunft. Insbesondere angesichts des Klimawandels ist dies nicht nur der richtige, sondern der einzige Weg", so Sonia Priwiezienciew.

Wie es funktioniert

Im ersten Jahr lief das RWS-Projekt Swierze Panki („Frische Punks“), so der Name des Dorfs 120 Kilometer von Warschau entfernt, als Pilotprojekt und versorgte 15 Warschauer Haushalte. Jeder der Haushalte erklärte sich zu Saison-Beginn dazu bereit, circa 700 Zloty (etwa 170 Euro) an die Bauern zu zahlen. Dafür sollten sie über die Sommer- und Herbstmonate wöchentliche Lieferungen erhalten.

Das RWS-Konzept basiert auf einer grundlegenden Solidarität zwischen Konsumenten und Bauern und impliziert, dass die Konsumenten sich darüber im Klaren sind, dass die Landwirtschaft mit Risiken verbunden und sehr stark von Wetterbedingungen abhängig ist. Sie akzeptieren, dass sie diejenigen landwirtschaftlichen Produkte abnehmen, die auf dem Land durch die harte Arbeit der Bauern erzeugt werden können. Dies bedeutet beispielsweise, dass Tomaten nicht zurückgewiesen werden können, weil sie zu klein sind. Sollten keine Radieschen wachsen, so akzeptieren die Konsumenten, dass sie stattdessen ein anderes Erzeugnis abnehmen.

Der im Voraus bezahlte Pauschalbetrag ermöglicht den Bauern, Investitionen zu tätigen, für die sie ansonsten nur selten Geld zur Verfügung hätten. Außerdem können sie sich während der Sommersaison auf die landwirtschaftliche Arbeit konzentrieren, statt Vermarktungsmöglichkeiten hinterherzuhetzen. Als Gegenleistung dafür liefern die Bauern Obst und Gemüse (oft in Bio-Qualität) und laden ihre Kunden zu Besuchstagen auf dem Bauernhof ein. Dies bietet Gelegenheit, landwirtschaftliche Techniken kennenzulernen und etwas über Saisonabhängigkeit zu erfahren.

Mehr als nur Konsumieren

Auch die Haushalte wissen das Konzept zu schätzen. In einer Umfrage äußerten die meisten RWS-Mitglieder ihre Zufriedenheit darüber, dass sie hochwertiges Bio-Gemüse zu einem Preis, der weit unter dem der Bioläden lag, erhielten. Es wurde ebenfalls sehr positiv aufgenommen, dass man die Möglichkeit hatte, mehr über die Arbeit auf einem Bauernhof zu erfahren. „Wir konnten sehen, wie herrlich die Pflanzen wachsen und wie viel Mühe und Herzblut dafür notwendig sind, damit sie so wachsen. Wir haben auch verstanden, dass der großartige Geschmack und der exzellente Nährstoffgehalt die harte Arbeit wirklich wert sind,“ so Joanna Skladanowska, Mitglied von Swierze Panki im Jahr 2014, nach ihrem Besuch auf dem Bauernhof.

Und es gab auch unerwartete Vorteile: „Eines der wirklich guten Dinge beim RWS-Konzept ist, dass wir dadurch alle zum Kochen gekommen sind, egal ob wir es bereits konnten oder nicht. Wenn man zu Beginn des Sommers 700 Zloty für eine bestimmte wöchentliche Gemüsemenge bezahlt, dann verpflichtet man sich gewissermaßen dazu, diese zu verzehren, zu kochen und damit umzugehen. Für einige von uns, mich selbst einbezogen, war es eine gute Übung, daraus etwas zu kochen, was bereits vorrätig im Haus war, statt etwas aus den Regalen eines Geschäfts zu wählen, was man jetzt gerade möchte.“

Jedes Mitglied ist dafür verantwortlich, wöchentlich sein Gemüse abzuwiegen und mit nach Hause zu nehmen, und zwar in selbst mitgebrachten Taschen, um zusätzliches Verpackungsmaterial einzusparen. Die Abholzeit ist auch eine gute Gelegenheit, sich mit anderen Mitgliedern auszutauschen. Während der Saison können die Mitglieder nicht nur die Farm besuchen und aushelfen, sie müssen auch einige Aufgaben, die für den reibungslosen Ablauf der Abholung erforderlich sind, übernehmen: Jeder der Haushalte muss ein bis zwei Stunden pro Saison beim Abholen von Gemüse mithelfen und dessen Abholung durch die anderen Mitglieder betreuen. 

Ist eine RWS-Gruppe erst einmal gebildet, läuft sie mehr oder weniger von selbst, ohne zu großen administrativen Aufwand. Es ist aber erforderlich, dass die Bauern die Mailingliste oder andere Kommunikationskanäle im Auge behalten, falls es zu Problemen kommen sollte. Das geringe Maß an Verwaltungsarbeit trägt zur Attraktivität des Modells bei.

Ganz wichtig ist es, dass man für seine eigene Gruppe die richtigen Kommunikationskanäle findet, denn man muss über die ganze Saison hinweg miteinander in Verbindung bleiben und sich koordinieren. Andere Gruppen benutzen Mailinglisten, Facebook-Gruppen oder Foren. Von Zeit zu Zeit sind auch Telefonanrufe notwendig. Es muss die Lösung gefunden werden, die am besten für die eigene Gemeinschaft funktioniert. Man muss eine Möglichkeit finden, dass Mitglieder eventuelle Bedenken mitteilen können und sollte diese vermerken (Qualität oder Menge des Gemüses, unzureichende Koordination der Lieferung, etc.), damit entweder sofort oder in der nächsten Saison darauf reagiert werden kann. Am Ende der Saison sollte eine Beurteilung durchgeführt werden, um darüber diskutieren zu können, wie alles gelaufen ist und um konstruktive Vorschläge für das nächste Jahr zu machen. 

Im größeren Zusammenhang betrachtet

„Meiner Meinung nach könnten viele polnische Bauern diesen Weg einschlagen, da das Modell für Bauern wirklich ökonomisch tragfähig ist. Das CSA-Konzept könnte Biodiversität auf dem Bauernhof fördern, weil Konsumenten bei diesem Projekt verschiedene Gemüsesorten und Erzeugnisse kaufen. Es könnte auch zur Verbreitung des zertifiziert biologischen Modells beitragen, das derzeit in Polen nur marginal entwickelt ist", so Sonia Priwiezienciew.

Heutzutage sind nur 26.000 von Polens 1.800.000 Bauernhöfen zertifiziert biologisch, und nicht alle davon produzieren Lebensmittel. Es gibt nur 300 Erzeuger von biologischem Gemüse in diesem Land. Bio-Bauern kämpfen immer noch darum, einen zuverlässigen Markt für ihre Erzeugnisse zu finden. Initiativen wie CSAs, die ihnen dabei helfen an Konsumenten heranzutreten, können dazu beitragen, dass die biologische Landwirtschaft eine Option für eine größere Anzahl von Personen wird. Gemeinsam mit ehemaligen Mitgliedern des RWS Swierze Panki haben Sonia, Tomek und Piotr Trzaskowski damit begonnen, in ganz Polen Werbung für das Modell zu machen. Hierfür benutzen sie einen Blog oder nehmen an Events von Aktivisten und Bauern teil. Ein Modell, das an Boden gewinnt.

Nach dem Erfolg im ersten Jahr, expandierten Sonia und Tomek die Fläche, auf der sie Gemüse anbauen, Stück für Stück. Sie erhöhten auch die Anzahl der Orte, die das RWS umfasst; zunächst auf 23 und dann auf 27. Jetzt verfügen sie über vier Gewächshäuser für Tomaten und anderes Gemüse, das mehr Wärme benötigt. Durch die Stabilität des CSA-Modells war es ihnen auch möglich, in zusätzliche technische Geräte für den Hof zu investieren. Ihre Apfel- und andere Obstbäume wachsen und haben begonnen, Früchte zu tragen.

Seit dem Sommer 2014 existieren in Polen fünf funktionierende CSA-Projekte. Einige entstanden mit Hilfe von Piotrs Unterstützung, andere unabhängig davon. Zwei befinden sich in Warschau und die restlichen in den polnischen Städten Poznań, Wroclaw und Szczecin. Sie werden sicher nicht die einzigen bleiben.

Dieser Artikel ist zuerst bei localeconomies.eu, einem Projekt, das Nachhaltigkeit, Gemeinschaft und lokale Wirtschaft in Ost- und Zentraleuropa erforscht, erschienen.