Gesellschaft

Hände weg von meinem Fußballclub!

Artikel veröffentlicht am 11. Februar 2008
Im Magazin veröffentlicht
Artikel veröffentlicht am 11. Februar 2008
Da Fußballclubs zunehmend von russischen Großunternehmern oder mächtigen amerikanischen Sportkonzernen aufgekauft werden, versuchen einige verzweifelte Fans sie zurückzukaufen - auf ihre ganz eigene Art.

Banner des zukünftigen Fanclubs (Foto: Website Cmonclubdefoot.fr)

Der Kampf gegen die Expansion des 'schmutzigen Geschäfts mit dem Fußball' ist in den letzten Monaten zunehmend in Mode gekommen. Es wird alles dafür getan, die "Einzigartigkeit des Vorbilds des europäischen Sports" zu bewahren. Der frühere französische Fußballprofi und aktuelle UEFA-Präsident Michel Platini hat es erst am 24. Januar 2008 vor dem Europarat wiederholt: es ist dringend notwendig, "gegen den exzessiven Merkantilismus im Fußballgeschäft zu kämpfen".

Die Aktionen von Fußballanhängern häufen sich. Zumeist wünschen sie sich Einfluss auf eben die Beschlüsse zu haben, welche die Entscheidungen des Vereins betreffen. Der neuseeländische Soziologe Andy Smith analysiert seinerseits das Verhältnis von Sport und Identität und beschreibt das Phänomen: "Die Fans fühlen sich enteignet und haben das Gefühl, dass der Verein sie nicht mehr braucht." Und das aus gutem Grund: während nämlich 1970 die Einnahmen aus den Ticketverkäufen 81 Prozent des Vereinsbudgets stellten, sind diese Umsätze ein Vierteljahrhundert später durch den Geldsegen des Verkaufs der TV-Rechte auf nunmehr 15 Prozent gesunken. Aber heute haben die Fans beschlossen die Sache selbst in die Hand zu nehmen.

Europäische Fans, vereinigt euch!

Um gegen diese Art des unliebsamen Fußballbusiness' zu wettern, sagen ihm nun drei Franzosen um die dreißig den Kampf an: sie wollen 60.000 Leute vereinen und einen professionellen Verein gründen. Besonderheit: Die Entscheidungen des Vereinsmanagements sollen zukünftig die Fans treffen. Clément Meunier, einer der drei Mitbegründer des Projekts Cmonclubdefoot (Das ist mein Fußballclub!), sagt, der Profit liege nicht im Interesse der Initiative: "Wir haben immer die Gesinnung der 'socios' in Spanien bewundert, die im Leben der Fußballclubs eine entscheidende Rolle spielen. Wir wollen die Fans hinter die Kulissen blicken lassen und ihnen genau das zeigen, was dort passiert. Unser Ziel als Fußballfans ist es, diese Leidenschaft zu teilen."

Sich nicht mehr nur mit dem Virtuellen zufriedengeben! Eine höhere Kontrolle innerhalb des Clubs übernehmen! Das fordern die Mitglieder des Fußballclubs, die ihren eigenen Präsidenten wählen könnten, ein Mitspracherecht bei der Auswahl des Trainers hätten und der Strategie des Vereins als Privilegierte folgen könnten. Versprechen, die den zukünftigen Aktionären des ersten Proficlubs gemacht wurden. Nach dem allgemeinen Erfolg der Mitmach-Demokratie, willkommen beim Fußball zum Mitmachen!

"Wir haben uns unseren Mitgliedern gegenüber verpflichtet, innerhalb des laufenden Jahres einen Verein zu kaufen", so die Gründer der Website in einem Interview mit der auf Sport spezialisierten französischen Tageszeitung L’Equipe. Sollte das nicht gelingen "werden die Spender ihr Geld zurückverlangen", folgert Clément Meunier. "Das Geld der Spender ist für einen eigens dafür gegründeten Verein, der Mehrheitseigner unseres professionellen Fußballclubs sein wird."

Initiativen in Europa mehren sich

Obwohl diese Art Initiative in Frankreich noch recht selten ist, gab es bereits Vorgänger. Nachdem der amerikanische Geschäftsmann Malcolm Glazer 2005 damit begann, Aktien des Vereins Manchester United FC aufzukaufen, rebellierten 3000 Fans und gründeten ihren eigenen Club: den FC United of Manchester. Nachdem man 900 Spieler begutachtet hatte, wurden schließlich 17 von ihnen für die neue Saison ausgewählt. Nach doppeltem Aufstieg spielt der Club mittlerweile in der Kreisliga.

Markante Prinzipien des Vereinsprojekts sind die demokratische Wahl der Vorsitzenden durch die Fans, das Überwachen erschwinglicher Eintrittspreise und das Verhindern zu profitorientierter Vermarktungsstrategien. Zukünftig wird der Verein versuchen, ein neues Stadion zu bauen und eine weibliche Fußballmannschaft zu gründen. Eine weitere Besonderheit in einer Zeit, in der die Spielertrikots mit Firmenlogos übersät sind: der Verein weigert sich, Logos auf die Spielertrikots zu drucken.

Eher in Einklang mit dem Projekt Cmonclubdefoot, hatte die Internetseite myfootballclub.co.uk, die sich als Pionier auf dem Gebiet bezeichnen darf, den ersten Fußballclub aufgekauft. Nachdem sie 850.000 Euro gesammelt hatten, erstanden die 27.000 Mitglieder Ebbsfleet United, einen Club der 5th Division in England. Diese Vorgehensweise hat nun in Frankreich, aber auch in Deutschland (www.klub-der-fans.de), mehrere Nachahmer gefunden.

In Deutschland konnten die Internetnutzer verschiedene Clubs zur Vorauswahl begutachten. Darunter beispielsweise die traditionelle Eintracht. Wie lang wird es wohl noch dauern, bis ein wackeliger deutscher Fußballclub in die Hände von 50.000 Co-Aktionären fällt, die im Club ein Wörtchen mitreden wollen?

Noch besser: die Fans in Liverpool haben vor kurzem den Verein Share Liverpool FC gegründet, der es sich zum Ziel gesetzt hat, die beiden amerikanischen Besitzer des Clubs, Tom Hicks und George Gillett, zu vergraulen. 100.000 Fans sollen zukünftig Aktien beziehen und circa 650 Millionen Euro aufbringen.

Im Gegnsatz zum israelischen Club Hapoel Kiryat Shalom existiert in Europa allerdings noch kein Fan-Coaching: die Fußballanhänger auf dem alten Kontinent sind noch nicht bereit dazu, ihre Nase in die Mannschaftsaufstellung, die Taktik und das Auswechseln der Spieler zu stecken.