Gesellschaft

Grüner wohnen

Artikel veröffentlicht am 16. Juli 2007
Artikel veröffentlicht am 16. Juli 2007
Von der umweltfreundlichen Wohnung bis zu Öko-Siedlungen: Europa wohnt zunehmend umweltbewusster.

Tatsache ist: Ein Hausbau oder eine Gebäuderenovierung verursacht Umweltschäden. Die Baubranche ist für 25 Prozent der Treibhaus-Emissionen verantwortlich. In Hinblick auf den Energieverbrauch ist die Bilanz auch nicht rosiger. "Die Baubranche verbraucht allein 45 Prozent der Energieressourcen in Frankreich», erklärt Christophe Bombled von der Organisation Les Amis de l’EcoZAC (Freunde von EcoZAC), einer Pariser Organisation, die sich für nachhaltige Wohnkonzepte einsetzt.

Weiterhin trüben auch die Privathaushalte die Energie-Bilanz. Der Wasserverbrauch ist innerhalb eines Jahrhunderts von sieben auf 150 Liter pro Kopf angestiegen. Das Abfallvolumen beträgt mittlerweile 25 Millionen jährlich pro Haushalt. Ebenso bereitet der Sanitärbereich große Sorgen: auf Luftqualität, Asbestprobleme, Lösungsmittel in Farben sowie Kohlenstoffmonoxyde werden in Frankreich jährlich fast 200 Todesfälle zurückgeführt.

Zumindest scheint sich jedoch ein europäisches Bewusstsein in Bezug auf die Umweltproblematik herauszubilden. Dies beweist eine französische Studie des Instituts Louis Harris, das von der französischen Organisation für Umwelt- und Energiewirtschaft (Agence pour le développement et la maîtrise de l’énergie, ADEME) durchgeführt und im Juni 2004 veröffentlicht wurde.

Laut Umfrage sprechen sich 98 Prozent der Befragten für die Weiterentwicklung erneuerbarer Energien aus. Für 80 Prozent der Befragten sind diese Energieformen die Zukunft. Auch die französische Politik hat mittlerweile die Notwendigkeit der Fragestellung erkannt. Zwei Gesetzesvorschläge liegen auf dem Verhandlungstisch: Die Klima-Agenda 2004 und das Energieorientierungs-Gesetz ("Orientation sur l’énergie"). Diese Gesetzesentwürfe haben sich unter anderem zum Ziel gesetzt, den Energieverbrauch bis 2008 um die Hälfte zu senken.

Sauber!

Gegenwärtige Bautendenzen lassen eine neue Saubermentalität an den Tag treten. Bauten oder Hausrenovierungen, die den Energieverbrauch regulieren und für einen geringeren Ausstoß an Treibhausgasen sorgen, werden notwendig. In Frankreich wurde die Norm HQE (haute qualité environnementale: hohe Umweltqualität) als Referenz eingeführt.

Das umweltfreundliche Haus zeichnet sich durch saubere Heiz-oder Stromenergien aus (Windkraft, Wärmepumpen, Solarenergie oder Fotovoltaik), durch Kontrollinstrumente für die Wasserversorgung (geringerer Wasserdruck, Wiederverwendung von Regenwasser) oder durch Materialien, die als gesundheitsfreundlich (holzverkleidete Innenwände, Hanfisolierung) gelten. Man muss allerdings zwischen "natürlichen" und "gesundheitsfreundlichen" Rohstoffen unterscheiden: "Asbest ist ein natürliches Material, aber es ist bei weitem nicht gesundheitsfördernd", warnt der Französische Verband der Bauwirtschaft (Fédération Française du Bâtiment, FFB).

Das umweltfreundlich konzipierte – oder auch "passive" Haus, zeichnet sich durch seine bio-klimatische Konzeption aus. Diese energiebezogene (deutsche) Norm für ein Gebäude mit sehr geringem Energieverbauch (niedriger als 15 Kilowattstunden pro Quadratmeter im Jahr) bietet eine angenehme Temperatur und verzichtet dabei auf den konventionellen Einsatz von Heizsystemen.

"Grün" lohnt sich langfristig

Aber all dies verschlingt noch Unsummen. Die langfristige Investition in umweltfreundliches Wohnen hat zwei Gesichter. Auf der einen Seite steht die "biologische" Konstuktion, die wenig rentabel ist, da die eingesetzten Materialien extrem teuer sind. Auf der anderen Seite ist die sogenannte "Passivität" jedoch überaus rentabel: Die Durchschnitts-Heizung, eines der kostpieligsten Elemente des klassischen Wohnens, erübrigt sich.

Laut Quentin Goulard, einem auf Öko-Bau spezialisierten Architekten, zahlt sich das umweltfreundliche Haus langfristig aus. "Wenn ein umweltfreundliches Haus Baukosten verursacht, die 30 Prozent über denen eines klassischen Hauses liegen, kostet ein Passivhaus zehn bis 15 Prozent mehr", erklärt er. Aber dank der geringen Energiekosten zahle sich das Passivhaus bereits nach fünf bis zehn Jahren aus.

Wird das umweltfreundliche Wohnen zum Regelfall? Vom technolgischen Standpunkt gesehen, lägen die Franzosen im Durchschnitt, versichert die FFB. Die Dänen und Deutschen sind dem Trend voraus: Sie haben ihren Energieverbrauch im Wohnbereich auf 15 Kilowattstunden pro Quadratmeter gesenkt. Zum Vergleich: das Ziel in Frankreich ist es, den Verbrauch in den nächsten fünf Jahren auf 50 kWh/m² im Vergleich zu gegenwärtig 90 kWh/m² zu reduzieren.

Europa siedelt "ökologisch"

Von 1994 bis 2004 hat Europa im Rahmen einer Umweltkampagne zu "zukunftsfähigen Städten" Pilotversuche in verschiedenen Ballungsgebieten unternommen.

In Freiburg (Deutschland) gibt es ein Projekt, das sich am Modell der "Gartenstadt" orientiert, das am Ende des 19. Jahrhunderts während der industriellen Revolution in Großbritannien von sich reden machte. Es handelt sich um ein urbanes Projekt, das die Konzepte Sozialwohnung, Garten und Großraumplanung vereint. Die Viertel Vauban und Riesenfeld, die auf 4 Quadratkilometern 15 000 Einwohner im Zentrum von Freiburg vereinen, sind zukunftsweisend. Geringer Energieverbrauch, Wiederverwendung des Regenwassers und kollektive Transportmittel lauten hier die Grundprinzipien. Sämtliche Häuser sind mit günstigen Isolierungs- und Lüftungskonzepten versehen. Sensoren für Solarthermik und Fotovoltaik gehören zur Grundausstattung.

In Großbritannien ist BedZED (Beddington Zero Energy Development) das erste Dorf mit "Null" Energieverbrauch. BedZED wurde 2002 eingeweiht und befindet sich 20 Zugminuten entfernt im Süden Londons. Das Dorf ist mit innovativer Technik ausgestattet: ein enormer Luftfilter, der die Wärme der verbrauchten Luft nach außen abgibt, befindet sich in der Mitte des Dorfes. Der Architekt Bill Dunster, der dieses Pilotprojekt angeschoben hat, wollte eine neue, auf Traditionen beruhende britische Gartenstadt bauen und den urbanen Raum verdichten. Außerdem ist die Hälfte der Wohnungen für die Peabody-Stiftung reserviert, die sich für Familien mit geringem Einkommen einsetzt. In BedZED werden nach Möglichkeit natürliche und vor allem erneuerbare und umweltverträgliche Materialien eingesetzt - Holz, Ziegelsteine, Metallstrukturen. Die Materialien kann man in einem Umkreis von 50 km kaufen. Dies fördert einerseits die regionale Wirtschaft und begrenzt andererseits den Verkehr in der Umgebung. Der britische Premier Gordon Brown hat den Bau weiterer fünf "Öko-Siedlungen" in England angekündigt.

Das Poblenou-Viertel im katalanischen Barcelona setzt seinerseits auf Fußgänger- und autofreie Zonen sowie innovative Nachbarschaftsaktivitäten. 4600 Wohnungen des Industriegebiets wurden vorher illegal bewohnt. Ihre Sanierung ermöglicht die zunhemende Eingliederung dieser marginalisierten Viertel in die Stadt.