Gesellschaft

„Grün“ heiraten – ein Straßburger Märchen?

Artikel veröffentlicht am 4. Juli 2011
Artikel veröffentlicht am 4. Juli 2011
Die Hochzeit mag der schönste Tag im Leben eines Erdenbürgers sein, aber kaum im Leben der Umwelt – man denke nur an die Abfallberge. Doch nun erreicht Europa der amerikanische Trend der ‚grünen Hochzeit‘, bei der auf Bio und Öko gesetzt wird, von Kleidung über Essen bis zur Frisur.
Eine Vorreiterin findet sich in Straßburg, der Öko-Hauptstadt Frankreichs: Caroline Lindenlaub, Designerin ökologisch-ethischer Brautkleider.

Caroline Lindenlaub empfängt mich in ihrer Wohnung, die gleichzeitig Atelier ist, im Straßburger Vorort Souffelweyersheim. Das Örtchen ist idyllisch, die Sonne scheint, überall grünt es, kein Auto weit und breit. Hier kam der Designerin in den Dreißigern 2006 die Idee, ihre Marke Aranel für ökologisch-ethische Brautkleider zu gründen. Öko-was? Brautkleider, bei deren Herstellung auf fairen Handel und Umweltfreundlichkeit geachtet wird. So setzt die Designerin auf Naturstoffe, recycelt möglichst viel und bezieht ihre Seide von einer Fair Trade-Kooperative. Das Konzept entspreche ihrer Persönlichkeit: „Hochzeitskleider, weil ich eine Träumerin bin und ökologisch, weil ich das auch im Alltag bin.“ Derzeit verzeichnet Lindenlaub rund zwanzig Aufträge pro Jahr, darunter auch (wenngleich selten) solche für den Nachwuchs des Paars und den Bräutigam. Ihre Bekanntheit profitierte sehr von der Öko-Hochzeitswelle, da es „damals nicht viele von uns gab“. Doch auch heute noch scheint grüne Hochzeitsmode rar: Ihre Kunden kommen nicht nur aus Straßburg, sondern meist aus dem Ballungsraum Paris, einmal führte es Lindenlaub sogar nach Rom. Eine mentale Flucht aus der Großstadt? „Vielleicht.“

Meine erste Lehre aus unserem Gespräch: Komplett grüne Hochzeit kann man lange suchen, selbst in Frankreichs Öko- Hauptstadt Straßburg. Nach Lindenlaubs „Nein“ auf meine Frage, ob ihre Kunden Öko-Feiern organisieren, klappere ich die grüne Branche in Straßburgs pittoresken Gassen ab: Bio-Caterer, Bio-Frisöre, Bio-Maniküre. Alle geben sie die gleiche Antwort: Non! Ein kleiner Hoffnungsschimmer: Lindenlaub zufolge integrieren manche ihrer ökologisch angehauchten Kunden durchaus ein, zwei weitere grüne Hochzeitsdienste. So auch die „sehr umweltsensible“ Dame, mit der ich spreche, die besonders beim Hochzeitsdinner auf grün setzen will. Ergo: Dunkelgrüne Hochzeiten, Fehlanzeige – lindgrüne Hochzeiten, schon eher.

Grüne Hochzeit, was ist das?

Der simpelste Grund für die Seltenheit grüner Hochzeiten: Viele wissen gar nicht, wo man überall auf Grün setzen kann. Auch Lindenlaubs Kundin ist nur „per Zufall“ auf Aranel gestoßen. Und selbst die Anbieter grüner Dienstleistungen, die ich auf das Konzept anspreche, schauen mich nur verwundert an. Doch wie wäre es fürs Brautpaar anstelle der Limousine ein Straßburger „Eco'Pouss“, ein batteriebetriebenes, dreisitziges Fahrrad, vorm Standesamt vorzufinden? Ein Dienst, der durchaus bereits für Hochzeiten genutzt wurde!

Ein weiterer Grund für den Mangel an Öko-Hochzeiten: Echte Ökos sind ebenfalls Mangelware. So sind Paare, die einen grünen Hochzeitsdienst wählen, noch lange nicht grün eingestellt; oft ist der grüne Serviceaspekt sogar zweitrangig. Entsprechend erzählt Lindenlaub: „Meine ökologisch-ethische Ausrichtung ist oft ein Pluspunkt, aber nicht der eigentliche Grund.“ Der ‚eigentliche Grund‘ sei, dass die Kundin mit der handelsüblichen Auswahl nicht zufrieden ist, während Lindenlaubs Kreationen ausgefallen und maßgeschneidert sind. Gleiches erfahre ich bei Frisör, Restaurant und Schönheitsinstitut: Hochzeitskunden kommen, weil sie diese Dienste generell brauchen. Dass diese auch in Bio angeboten werden, finden sie meist erst danach heraus.

Ein weiterer Faktor: die Vorstellung horrender Preise grüner Dienste. Überraschenderweise trifft das nicht immer zu: So gibt’s nicht nur Lindenlaubs Roben, sondern auch Bio-Frisur und -Makeup für die Hochzeit zum gleichen Preis wie ihre ungrünen Kollegen. Das liegt jedoch nie daran, dass grün an sich billiger ist. Lindenlaub erklärt, ihre derzeitigen Preise beziehen weder ihre Arbeit noch die höheren Stoffkosten mit ein, seien aber nötig, da ihre Zielgruppe (noch) eine „recht bescheidene Brieftasche“ habe. Sie muss einer Nebentätigkeit nachgehen, um über die Runden zu kommen. Eine andere Erklärung bietet auch Bruno Alberto vom noblen Frisörsalon D’Alberto auf dem Place Kléber, dem Dreh- und Angelpunkt der Stadt: Bei Hochzeiten benutze er wenig Produkte, das Wichtigste seien Handarbeit und Wissen. Erst beim Essen bestätigt sich die landläufige Meinung: Die Caterer Yoan Abitbol vom Restaurant Poêles de Carottes und Arnaud Neyton vom Bioladen La Marmotte geben beide für ein 100% biologisches Büffet eine Preissteigerung von 20 bis 30% an. Außerdem erzählt Neyton in seinem kleinen, gemütlichen Laden mit dem namengebenden Murmeltier-Logo, er sei bereits von mehreren Paaren kontaktiert worden, die angesichts der Preise jedoch alle wieder geflüchtet seien.

Wie grün kann grün sein?

StraßburgAuf der Suche nach der perfekten Öko-Hochzeit zweifle ich immer mehr am Grundkonzept: Jeder Hochzeitsservice besteht aus so vielen Facetten, kann es eine 100%-ig grüne Feier überhaupt geben? Lindenlaub antwortet ausweichend: „Man kann ein Kleid machen, das möglichst wenig umweltschädlich ist.“ Ein kritischer Aspekt hinsichtlich ihrer Roben ist die Tatsache, dass Raupen für Seide ihr Leben lassen müssen. Zum Glück gibt es Alternativen, die Lindenlaub derzeit erforscht: ‚umweltfreundliche Seide‘, bei der die Tierchen weiterleben dürfen, sowie pflanzliche Seide. So hat jedes grüne Metier mit seinen ungrünen Problemen zu kämpfen. Auch Alberto gibt kleinlaut zu, außer Henna gebe es keine Bio-Tönung. Viele Dienste existieren eben noch gar nicht in grüner Version. Die Floristen, die ich aufsuche, lachen mich regelrecht aus: Blumen aus fairem Handel? Bieten wir nicht an, das wäre doch viel zu teuer. Und in den Reisebüros, die sich in der ewig langen Rue du 22 Novembre aneinanderreihen, werde ich groß angeschaut: Grüne Flitterwochen? Haben wir nicht im Angebot!

Ich verlasse Straßburg mit gemischten Gefühlen. Einerseits scheint sich der grüne Hochzeitsmarkt zu entwickeln, denn Lindenlaub zufolge gebe es immer mehr „Marken, die Kleider anbieten, die ein bisschen respektvoller sind als üblich“. Andererseits sind wohl viele der neuen Services kommerziell motiviert. In Lindenlaubs Worten: „Es gibt etliche Marken, die auf der Welle reiten, ohne davon überzeugt zu sein.“ Vielleicht finde ich deshalb keine Öko-Hochzeiten, weil das ein Presseding ist. Paare, die wirklich grüne Feiern anvisieren, brauchen keinen Bio-Designer, -Frisör, -Caterer. Sie kaufen ein gebrauchtes Hochzeitskleid, frisieren sich eigenhändig und kochen selbst. Aber vielleicht kann die grüne Hochzeitswelle ja unser grünes Bewusstsein stimulieren. Es muss ja nicht gleich tiefgrün sein - lindgrün wäre ein Anfang.

Dieser Artikel ist Teil der cafebabel.com-Reportagereihe Green Europe on the Ground 2010-2011. Vielen Dank an Tania Gisselbrecht und das cafebabel.com Localteam in Straßburg.

Fotos: Homepage (cc)corypina/flickr, Go Green (cc)AuntOwwee/flickr; Cupcake (cc) coreyann/ Flickr; Sarah und Peter ©Aranel