Gesellschaft

Großbritannien & Russland: Droht ein neuer Eiserner Vorhang?

Artikel veröffentlicht am 18. März 2008
Artikel veröffentlicht am 18. März 2008
Im Januar wurden zwei der drei russischen Filialen des 'British Council' geschlossen. Die russische Regierung hatte sie als 'illegal' eingestuft. Ein Blick auf die Beziehungen zwischen London und dem Kreml.

Im Januar 2008 mussten in Sankt Petersburg und in Jekaterinburg die Regionalbüros des British Council (BC) ihre Türen schließen. Der Vorwurf des russischen Außenministers: Die Institute seien 'illegal'. Nun ist das Moskauer Büro des BC die letzte Anlaufstelle für Russen, die sich über ein Studium in Großbritannien informieren und vorbereiten wollen.

Auszug oder Rauswurf?

Der British Council befindet sich in der Nikolojamskaja-Straße, im Gebäude der Russischen Bibliothek für fremdsprachige Literatur. Mitten im Zentrum von Moskau, mit einem wunderschönen Blick auf die Moskwa. Im Eingang des Instituts stapeln sich Berge von Bücherkartons, die nur darauf warten, ausgepackt zu werden. Alles scheint wie immer, doch anstatt neue Kunden zu werben, sind die Mitarbeiter hier damit beschäftigt, ihren Mitgliedern die Beiträge zurückzuzahlen.

Das Institut hat seine Büchersammlungen bereits an lokale Partnerorganisationen übergeben. Neues Info-Material wird nicht mehr erstellt, neue Mitglieder werden nicht mehr aufgenommen. Auf dem Tisch liegen ein paar nützliche Informationen, Adressen von anderen englischen Bildungseinrichtungen. 'Seit dem 1. Januar ist es in Moskau nicht mehr möglich, im BC den IELTS-Test zu machen; Bewerber wenden sich bitte an die zentrale IELTS-Test-Stelle', informiert die Homepage des BC Russland. Ich frage Marina, das freundliche Mädchen mit den schwarzen Locken an der Rezeption, was aus den britischen Lehrern wird. Seit die Englisch-Kurse eingestellt wurden, können sie hier nicht mehr arbeiten. "Vermutlich arbeiten sie nun auf selbständiger Basis", sagt sie achselzuckend.

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Gordon triff Dmitri - Macht weiter!

Die Beziehungen zwischen Russland und Großbritannien sind ohnehin bereits sehr angespannt. Nachdem die serbische Provinz Kosovo am 17. Februar ihre Unabhängigkeit erklärt hatte, sagte eine Sprecherin des britischen Außenministeriums: "Wir haben immer wieder gesagt, dass wir eine Unabhängigkeit des Kosovo unter internationaler Aufsicht für die beste Lösung halten." Russland lehnte diesen Weg dagegen ab.

Am 14. Februar starb in London der im Exil lebende georgische Millionär und Oppositionsführer Badri Patarkazischwili. Zwar gab es keine Zweifel an einer natürlichen Todesursache, die Polizei wurde trotzdem eingeschaltet: Patarkazischwili hatte sie kurz vor seinem Tod selbst gerufen. Er befürchtete, ermordet zu werden, so wie 2006 der ehemalige russische Geheimagent Alexander Litwinenko. Nach dem Giftanschlag auf Litwinenko hatte Großbritannien die Auslieferung des verdächtigten russischen Abgeordneten Andrei Lugowoi beantragt. Nachdem dieses Gesuch erfolglos blieb, wurden vier russische Diplomaten aus England ausgewiesen. Daraufhin warf auch Russland vier britische Diplomaten aus dem Land.

Und nach der Wahl des neuen russischen Präsidenten, Dmitri Medwedew, am 2. März, schickte der britische Premierminister Gordon Brown angeblich kein Glückwunschtelegramm. Die beiden treffen sich wohl erstmals im Juli auf dem G8-Gipfel in Japan.

Interview mit Tom Manson, 59, einem britischen Versicherungsberater, der zehn Jahre in Moskau gelebt hat

Wurden diese Büros wirklich geschlossen, weil sie - wie die russischen Behörden behaupten - illegal waren? Oder stecken doch politische Gründe dahinter?

Der Vorwurf lautet, dass der British Council mit seinen Sprachschulen gewinnorientiert arbeitet, obwohl er eine diplomatische Einrichtung sei. Das aber wäre nicht vereinbar mit dem derzeitigen steuerrechtlichen Status des BC. Die angespannten diplomatischen Verhältnisse haben das Problem natürlich vergrößert. Trotzdem sollte man bedenken, dass der British Council vor einiger Zeit in Indien bereits ähnlichen Vorwürfen ausgesetzt war. Es ist also nicht das erste Mal, dass solche Anschuldigungen gemacht werden.

Steht uns nun ein neuer eiserner Vorhang bevor, wie es die ehemalige sowjetische Dissidentin Ljudmila Alexejewa prophezeit?

Nein. Bei den Einreisebestimmungen hat sich zum Beispiel überhaupt nichts verändert.

Der Rauswurf des BC wirkt sich auch auf seine Ausbildungsprogramme aus. Einige Russen (hauptsächlich Studenten) mussten ihr Studium abbrechen. Politiker sprechen dagegen eher über den Image-Schaden für Russland. Wer hat denn am meisten unter dieser Affäre zu leiden?

Im Augenblick stehen beide Seiten etwas dumm da. Langfristig glaube ich aber nicht, dass die Angelegenheit größere Auswirkungen haben wird.

Nachdem die Regionalbüros des British Council ihr Angebot eingestellt hatten, haben mehr als 150 in Großbritannien ausgebildete Russen - darunter Banker, Geschäftsleute und Journalisten - eine Petition an den Kreml gesandt. Darin appellieren sie an den ehemaligen russischen Präsidenten Wladimir Putin, das Verbot rückgängig zu machen. Und in Sankt Petersburg demonstrierten Studenten gegen die Schließung, aus Solidarität mit dem BC. Glauben Sie, dass solche Initiativen etwas bewirken können?

Nicht wirklich. Bei der damaligen politischen Stimmung in Russland, so kurz vor den Präsidentschaftswahlen, waren sie sogar eher kontraproduktiv. Kein Politiker hätte zu dieser Zeit dem Druck aus dem Ausland nachgegeben.

Wie könnten die kulturellen Beziehungen zwischen Russland und Großbritannien in Zukunft aussehen? Glauben Sie, Dmitri Medwedews Außenpolitik wird sich von der seines Vorgängers unterscheiden? Wird er versuchen, die britisch-russischen Beziehungen zu verbessern?

Schwer zu sagen. Wahrscheinlich kann das niemand genau wissen. Ich vermute aber, dass die Kosovo-Frage langfristig wichtiger sein wird. Denn die Auswirkungen dieses Problems gehen wesentlich weiter.

Was sind Ihre persönlichen Erwartungen bezüglich der kulturellen und wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Russland und Großbritannien nach diesem 2. März?

Ich glaube, alles wird so weiterlaufen wie bisher - nicht allzu schlecht, aber mit problematischen Punkten für beide Seiten. Ich gehe aber davon aus, dass auch die neue politische Führung London besuchen wird.

(Fotos: Tatiana Schramchenko)