Gesellschaft

Griechenland: Die kleine Maria und die bösen Medien

Artikel veröffentlicht am 18. Januar 2016
Artikel veröffentlicht am 18. Januar 2016

Europäische Medien müssen in letzter Zeit einiges über sich ergehen lassen. Das rauer gewordene politische und wirtschaftliche Klima setzt ihnen auch in Griechenland zu. Der Argwohn vieler Leser ist aber zum Teil auf eigenes Verschulden zurückzuführen. 

Es stand schon besser um die Medien in Europa. In Deutschland werden sie kollektiv als Lügenpresse diffamiert, in zahlreichen Staaten sehen sie sich vermehrt mit staatlichem Druck konfrontiert. Das Vorgehen der polnischen Regierung beherrscht zwar aufgrund seiner Rücksichtslosigkeit momentan die Schlagzeilen, verfolgt aber letztlich Absichten, die andere europäische Regierungen ebenfalls hegen. Polen hatte zuletzt ein umstrittenes Mediengesetz eingeführt, dass die Regierung bemächtigt, über die Führungspositionen in den öffentlich-rechtlichen Medien mitzuentscheiden. Zudem befindet sich die gesamte Medienbranche in einem Transformationsprozess, dessen weiterer Verlauf noch nicht klar ist.

Auch die griechische Medienlandschaft geht durch harte Zeiten. Die letzten Jahre waren in jeder Hinsicht turbulent: Die skandalöse Schließung des öffentlich-rechtlichen Senders ERT, Übergriffe auf Journalisten bei Demonstrationen (sowohl von Demonstranten wie auch von der Polizei), Manipulationsversuche durch Seilschaften in Politik und Wirtschaft. Hinzu kamen massive Umsatzeinbrüche, die dazu geführt haben, dass die meisten Medienunternehmen inzwischen hoch verschuldet sind.

Das Misstrauen in die Medien ist in Griechenland schon seit einiger Zeit tief, es bedurfte dazu keiner Krise. Die fragwürdigen Verzahnungen mit politischen Parteien oder Wirtschaftsmagnaten waren schon vorher bekannt. Auch der weit verbreitete boulevardeske Ton ist nichts Neues. In den Krisenjahren hat sich allerdings herausgeschält, weshalb ihre Glaubwürdigkeit so angeschlagen ist.

Selbstkritik ist den meisten griechischen Medien eher fremd. Aber dass sie nur zögerlich zugaben, ihrer Rolle im Vorfeld der Krise nicht gerecht worden zu sein, wird ihnen von vielen angelastet. Wo waren die Warnrufe vor der Wirtschaftskrise? Weshalb konnten die Finanzen des Staates in eine solch desolate Lage geraten, ohne dass die Zeitungen Alarm schlugen? Wofür hat man die Medien denn eigentlich?

Bestätigung der eigenen Vorurteile

Ein bedenkliches Beispiel für mangelnde Selbstkritik ist der Fall der „kleinen Maria“. Die Geschichte ist schnell erzählt: Bei einer Razzia in einer Roma-Siedlung in Zentralgriechenland im Oktober 2013 stießen die Polizisten auf ein blondes, hellhäutiges Mädchen, das so gar nicht seinen - angeblichen -  dunkelhäutigen Eltern und Geschwistern glich. Eine DNA-Untersuchung bestätigte, dass das Mädchen nicht ihr biologisches Kind war.

Damit ging es los. Zeitungen fabulierten über eine mögliche Entführung (wurde nicht einige Jahre früher ein schwedisches Mädchen von seinen Eltern als im Urlaub verloren gemeldet?), Internetportale wollten gewusst haben, dass die Eltern die kleine Maria zu Bettelei (oder Schlimmerem!) auf den Straßen gezwungen hatten.

Einzelne Blätter rieten zwar keine voreiligen Schlüsse zu ziehen, sie waren jedoch deutlich in der Minderheit. In seltener Einmütigkeit reihten sich auch ansonsten seriöse Zeitungen ins mediale Kesseltreiben. Denn die Geschichte bestätigte, was man ja schon immer wusste: Die Zigeuner sind kriminell, skrupellos, listig, rücksichtslos. Alle Vorurteile wurden endlich bestätigt – und nicht nur in Griechenland. Die Geschichte wurde in ganz Europa bekannt. Der Ton war vielleicht etwas milder, die Aussage jedoch war überall die gleiche: Die Zigeuner lassen sich einfach nicht zivilisieren.

Eine ungünstige Wendung

Bis zum Ende der Militärjunta 1974 wurden die Roma nicht einmal als griechische Staatsbürger anerkannt, sondern erhielten Ausweispapiere, die sie als „Staatenlose mit Zigeunerherkunft“ bezeichneten. Trotz dieser Anerkennung hat sich ihre Situation in Griechenland allerdings nur wenig verbessert. Ein Teil der Roma wohnt in ghettoartigen Quartieren außerhalb der urbanen Zentren oder in abgelegenen Siedlungen, oft unter prekären Verhältnissen. Sie finanzieren sich meist mit saisonalen Arbeiten, durch  Sozialhilfe oder Bettelei, die Mehrheit der Haushalte muss jedoch mit Einkommen unter der Armutsgrenze auskommen.

Diese gesellschaftliche Ausgrenzung hat natürlich Folgen. Armut und fehlende Perspektiven sind immer eine schlechte Kombination, so dass nicht weiter verwundert, dass viele Roma in die Kriminalität abdriften. Somit werden Razzien in Roma-Siedlungen, wie diejenige bei  der das Mädchen gefunden wurde, mit Berufung auf kriminelle Aktivitäten gerechtfertigt. Dass diese Razzien immer wieder auf dünner rechtlicher Basis stehen und von den Roma als kollektive Bestrafungen empfunden werden, ist nur ein kleines Detail der Geschichte, das kaum thematisiert wurde.

Das Drama um die kleine Maria, die in der Zwischenzeit in die Obhut einer Kinderschutzorganisation kam, nahm nach einigen Wochen eine unerwartete Wendung. Die griechische Polizei konnte dank einer internationalen Suchaktion die Mutter des Mädchens auffinden: Es handelte sich um eine Roma aus Bulgarien, die aufgrund ihrer Armut nicht in der Lage war, ein weiteres Kind aufzuziehen. Fortan kümmerten sich die zwei griechischen Roma um das Mädchen (die Adoption wurde nicht formell eingetragen).

Eisiges Schweigen

Keine Entführung also, nebst der Fälschung von Dokumenten auch keine nachweisliche kriminelle Aktivität. Und dazu war das Kind selbst Rom. Viel peinlicher konnte sich die Geschichte für die Medien nicht entwickeln – und viel offensichtlicher konnten die tief verwurzelten rassistischen Stereotype über die Roma nicht zu Tage gefördert werden.

Eine selbstkritische Auseinandersetzung mit der Berichterstattung über den Fall folgte jedoch nicht. Bis auf einige wenige löbliche Ausnahmen, wählten die meisten Medien den gängigen Weg: Schweigen. Die neuesten Entwicklungen wurden nüchtern gemeldet, ansonsten versuchte man die ganze Geschichte einfach zu vergessen. Dass eine marginalisierte Bevölkerungsgruppe ohne richtige Schutzmöglichkeiten auf der medialen Zielscheibe stand, machte die Sache natürlich einfacher.

Das vorläufig letzte Kapitel in der Geschichte um die kleine Maria wurde letzten November geschrieben: Ein Gericht sprach die beiden griechischen Roma frei vom Tatbestand der Entführung, verurteilte sie aber wegen Dokumentenfälschung und Meineid zu bedingten Freiheitsstrafen. Maria ist noch immer in der Obhut der Kinderschutzorganisation. Die knappe Meldung ging bei den meisten Zeitungen in der täglichen Nachrichtenflut unter, zur fragwürdigen Rolle der meisten Medien fiel kein Wort. 

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Dieser Artikel ist Teil unserer Spezialreihe EAST SIDE STORIES, die zu einer größeren Vielfalt an Standpunkten in den europäischen Medien beitragen soll.