Gesellschaft

GPS: Von Frau lässt man(n) sich nicht navigieren … oder doch?

Artikel veröffentlicht am 14. November 2011
Artikel veröffentlicht am 14. November 2011
Warum Navigationsgeräte eine weibliche Stimme haben – und warum deutsche BMW-Fahrer nicht damit klar kommen.

Des deutschen Mannes Horrorszenario, es sieht folgendermaßen aus: Ins Auto einsteigen, das Navi programmieren, den Motor starten, während das kleine Helferlein die richtige Route sucht – und dann, Schock, eine weibliche Stimme „Ihre Route ist berechnet. Biegen sie rechts in die…“ Mann kann es nicht fassen: Eine Frau, die ihm Befehle erteilt? Soweit kommt’s noch.

Die Vorliebe für weibliche Stimmen? Genetisch bedingt

Kein schlechter Witz, sondern Ende der 1990er Jahre tatsächlich ein reelles Problem für BMW in Deutschland. Der Autohersteller war gezwungen, seine GPS-Geräte zurückzurufen, nachdem empörte Fahrer in Scharen zum Telefon griffen und die Nummer der Beschwerdehotline eintippten. „Sogar nachdem die Kundenberatung versucht hat zu erklären, dass es sich nicht wirklich um eine weibliche Stimme handelt und dass alle, die das GPS-System designt haben sowie die Anweisungen männlich waren, blieben die Leute unbeeindruckt und bestanden darauf, dass die Stimme geändert wird“, fasst Clifford Nass zusammen. Er ist Professor für Kommunikation an der Stanford University und Autor des 2010 veröffentlichten Buchs The Man Who Lied to his Laptop [dt. 'Der Mann, der seinen Laptop anlog']. Von der BMW-Episode, die Nass dort ausführlich beschreibt, sollte man sich allerdings nicht täuschen lassen: Laut einer Studie des Meinungsforschungsinstituts Aris im Auftrag des Hightech-Verbands Bitkom bevorzugen 46% der deutschen GPS-Nutzer eine Frauenstimme – nur 9% setzen auf maskuline Töne.

Tatsächlich ist Siri, die Stimme des neuen iPhone-Sprach-Features, nur in Frankreich und Großbritannien männlich. Logisch, findet Clifford Nass, schließlich „ist es sehr viel einfacher, eine weibliche Stimme zu finden, die jeder mag, als eine männliche Stimme, die jeder mag.“ Es sei ja eine altbekannte Tatsache, dass das menschliche Gehirn dazu entwickelt sei, weibliche Stimmen zu mögen. Laut Kommunikations-Guru Nass fängt das schon im Mutterleib an: Föten reagieren auf die Stimme ihrer Mutter, aber nicht auf die des Vaters. Soweit die biologische Erklärung (bleibt die Frage, was denn dann in der Entwicklung französischer und britischer Föten falsch gelaufen ist…).

Historisch gesehen wurden schon im Zweiten Weltkrieg weibliche Stimmen für die Navigation eingesetzt, und zwar in Flugzeug-Cockpits – aus dem einfachen Grund, weil weibliche Stimmen von den männlichen leichter zu unterscheiden waren. Auch heute noch verwendet man weibliche Stimmen in Cockpits, insbesondere für Warnungen. ‚Bitching Betty‘ [dt. Zickende Betty] nennen die Piloten sie. Charmant.

Männliche Stimmen: böse und autoritär

Ein Blick auf Science-Fiction-Filme hilft ebenfalls, die Vorherrschaft der weiblichen GPS-Stimmen zu verstehen. So schreibt der Journalist Brandon Giggs in einem Beitrag für CNN: „Autoritäre oder bedrohliche Stimmen tendieren dazu, männlich zu sein“ – so zum Beispiel der mörderische, mit sanfter Stimme sprechende Computer HAL 9000 in Stanley Kubricks2001 – Odyssee im Weltraum. Eher unterwürfige, d.h. dienstbare sprechende Maschinen, so Giggs, seien weiblich, wie der Bord-Computer aus der Star Trek-Reihe. HAL 9000 hat die IT-Branche anscheinend nachhaltig traumatisiert. Laut Tim Bajarin, Analyst des Silicon Valley, den Giggs in seinem Artikel zitiert, würden viel mehr computergenerierte Stimmen männlich sein, wäre da nicht die HAL-Assoziation.

Die Erklärung für die Dominanz weiblicher Stimmen im GPS-Bereich lässt sich also auf die simple Formel bringen: Männlich=böse und dominant, weiblich=unterwürfig und gut. So einfach scheint es dann aber doch nicht zu sein, denn scheinbar stehen männliche Deutsche, Briten und Franzosen ja auf maskuline Stimmen. Vielleicht eine Vorliebe für Anweisungen im Befehlston? Infos dazu, warum der iPhone-Spracherkennungsdienst Siri in Frankreich und Großbritannien eine männliche Stimme hat, gibt es von Apple nicht. In Bezug auf die deutschen BMW-Fahrer liefert wieder einmal Professor Nass die Erklärung: Eine Frau, die Anweisungen gibt und damit quasi hinterm Lenkrad sitzt, hätte traditionelle Ideen von der gesellschaftlichen Rolle der Frauen herausgefordert. Fazit: Der deutsche BMW-Fahrer ist im Durchschnitt sexistischer oder konservativer als andere GPS-Nutzer.

Das Gefühl, dass da jemand ist, der einen versteht

Wie sexistisch ist die Verwendung nahezu ausschließlich weiblicher Stimmen in der GPS-Industrie tatsächlich? Es sagt ja einiges über das Frauenbild aus, wenn deren Stimme automatisch mit Unterwürfigkeit assoziiert wird. Im Prinzip reflektiert diese Bevorzugung weiblicher Stimmen nur gesellschaftliche Stereotype: Allgemein wird davon ausgegangen, dass Frauen besser ‚kommunizieren‘ können. Und das zählt bei GPS-Geräten: Ein Fahrer, der nachts allein auf einer abgelegenen Landstraße vor sich hin irrt, will zumindest das Gefühl haben, dass da jemand ist, der ihn versteht. Stereotype sind tief verankert und lassen letztendlich, im Zusammenhang mit GPS-Stimmen, weder auf ein besonders positives Männer-, noch auf ein realistisches Frauenbild schließen. Was soll’s, der Trend geht sowieso in Richtung Personalisierung. Die Stimme der eigenen Ehefrau oder von James Bond? Kein Ding. Und wer es mag: Den heimtückischen HAL 9000 kann man(n) sich dann ebenfalls auf sein GPS laden.

Fotos: Homepage (cc)imdb.com; HAL 9000 (cc)Chan360/flickr; Video (cc)movieclips/YouTube