Gesellschaft

Goldene Morgenröte: Der Teufel trägt Rosenkranz

Artikel veröffentlicht am 2. Mai 2013
Artikel veröffentlicht am 2. Mai 2013
Mangelnde Umgänglickeit kann man Kostas Barmbaroussis der Goldenen Morgenröte nicht vorhalten. Die gefährliche „Normalisierungsstrategie“, mit der die rechtsextreme Partei sich derzeit immer weiter in der griechischen Gesellschaft zu verankern sucht, hat Erfolg: Umfragen zufolge wäre die Goldene Morgenröte heute im Falle von Neuwahlen die drittstärkste politische Kraft Griechenlands.

Auf den ersten Blick könnte man Kostas Barmbaroussis auch für einen direkt aus der Dumas'schen Romanwelt entstiegenen D'Artagnan halten. Denn mit seinem schmalen Schnurrbart, seinen langen schwarzen Locken und seinem ritterlichen Tonfall möchte er zweifellos den Eindruck eines zur Rettung der Armen und Schutzlosen heraneilenden Musketiers vermitteln: „Wir haben heute keine Demokratie in Griechenland. Oder sind Sie etwa der Meinung, Demokratie besteht darin, dass eine Handvoll Politiker den gesamten Besitz des Landes kontrolliert und einem hungernden Volk noch das Brot aus dem Munde stiehlt.“

"Mit Faschismus nichts am Hut"

Kostas Barmbaroussis ist 33 Jahre alt, Vater von drei – bald vier – Kindern und neuerdings Abgeordneter der Goldenen Morgenröte. Als sein wirkliches Vorbild – von der Frisur einmal abgesehen – nennt er General Georgios Karaïskákis, Volksheld des griechischen Unabhängigkeitskrieges im 19. Jahrhundert. „Ich bin ein griechischer Nationalist. Mit Faschismus habe ich nichts am Hut. Diese Tradition gehört zu Italien, genauso wie der Nationalsozialismus zu Deutschland gehört.“

Ursprünglich war die Goldene Morgenröte eine Zeitschrift, die in den 1980er Jahren von dem rechtsextremen Aktivisten Nikólaos Michaloliákos gegründet wurde. Von einer auf ultraradikale und paramilitärische Milieus beschränkten Splittergruppe (mit einem Wähleranteil von kaum 0,3 %) hat sie sich inzwischen als politische Partei etabliert und konnte bei den Parlamentswahlen im Juni 2012 ganze 7 % der Wählerstimmen auf sich vereinigen. Heute bekennen sich in Umfragen schon 13 % der griechischen Wähler zu der Partei.

Gemütlich auf einem Sofa einer Hotellobby nahe dem Athener Larissa-Bahnhof ausgestreckt, steckt sich Kostas Barmbaroussis in aller Seelenruhe eine Zigarette an. Ganz offensichtlich gefällt er sich in der Rolle der Pythia. Die Krise, in der sein Land seit 2008 feststeckt, sei natürlich vorhersehbar gewesen: „Davor dachten die Griechen nur daran, sich zu amüsieren, Geld zu verdienen und es wieder auszugeben, ohne einen Gedanken an die Zukunft zu verschwenden. Die Olympischen Spiele 2004 waren der Höhepunkt dieser Dekadenz in unserem Land.“

„Vor der Krise dachten die Griechen nur daran, sich zu amüsieren“

Mit ihrem Slogan „Griechenland den Griechen“ unterhält die Goldene Morgenröte eine offen xenophobe und nationalistische Rhetorik mit revisionistischen Anklängen, die in einer von immer neuen Spar- und Kürzungsprogrammen gebeutelten Bevölkerung unaufhaltsam wachsenden Nährboden findet. In einem Land, dass zum Einfalltor der illegalen Einwanderung in die Europäische Union geworden ist und in dem sich aufgrund der Dauerrezession die Arbeitslosigkeit inzwischen auf 26 % erhöht hat, werden die Ausländer zu den Verantwortlichen für alle gesellschaftlichen Übel gemacht und der Staat bezichtigt, seiner Rolle nicht gerecht zu werden. So spottet Barmbaroussis, der zuerst als Elektriker, dann als Landwirt und schließlich als Fernfahrer arbeitete, bevor er mit sieben anderen „Kollegen“ ins griechische Parlament einzog, voller Verachtung über die „Klasse der griechischen Politiker, die noch niemals in ihrem Leben gearbeitet haben.“

Landwirtschaft, Satanismus und Tretminen

Der von Kopf bis Fuß in schwarz gekleidete Barmbaroussis ist bereits seit gut 10 Jahren für die Goldene Morgenröte aktiv. Den offiziellen Diskurs beherrscht er aufs Feinste: „Die politische Trennung zwischen der Rechten, der Linken und dem Zentrum ist eine Farce. In Wirklichkeit gibt es nur die, diejenigen, die Griechenland lieben - und die anderen.“ Er selbst begann seine politische Karriere mit dem Aufhängen von Plakaten und dem Verteilen von Flugblättern in seiner Heimatregion im Westen Griechenlands, bevor er sich, wie er es selbst beschreibt, engagierte „um den Griechen zu helfen“. Im Stile einer NGO setzt seine Partei auf konkrete Aktionen für die Bevölkerung: Verteilung von Nahrungsmittelpaketen und Kleidung, Hilfe für ältere Menschen oder kostenlose medizinische Versorgung. Die Priorität der Partei ist dabei klar: „die Ordnung wiederherstellen“. Ihr Wertekanon: „Vaterland, Religion und Familie“.

Wenn Barmbaroussis nicht gerade pathetisch die Hand aufs Herz legt, spielt er mit seinem Rosenkranz herum. „Manche versuchen, uns als Satanisten darzustellen, die sich in dunklen Gewölben versammeln und Kinder fressen. Aber wir haben zwei Arme, zwei Beine und sind orthodoxe Christen.“, verkündet er in der ihm eigenen sanften und zugleich bestimmten Art. Barmherzige Samariter sozusagen. Ein Video, das derzeit im Internet kursiert, zeigt Barmbaroussis in Begleitung einiger Aktivisten der Goldenen Morgenröte dabei, wie sie einen Marktplatz in Messolonghi stürmen, die Stände der Immigranten niederreißen und dabei mit rassistischen Drohungen um sich werfen. „Wir kamen nur auf Bitten der Händler und haben ein paar leere Kartons zusammengetreten, das war alles. Die Medien übertreiben.“

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Körperliche Gewalt und Einschüchterung von illegalen Immigranten gehören bei den Unterstützern der Goldenen Morgenröte inzwischen zum täglich Brot. Regelmäßig werden gewaltsame „Razzien“ organisiert, um Migrantenviertel zu „säubern“. Ein pakistanischer Immigrant wurde im Januar 2013 ermordet. Barmbaroussis hat dafür nur ein müdes Lächeln übrig: „Natürlich verhalten sich nicht alle unserer Anhänger immer vernünftig. Aber die Griechen sind keine Rassisten. Es ist höchste Zeit, eine politische Strategie für den Kampf gegen die illegale Einwanderung auszuarbeiten.“ Die Lösung? Die gemeinsame Grenze zur Türkei mit „Tretminen“ zu übersäen und dort „bewaffnete Polizisten“ zu stationieren. Gleichfalls müsse man die Todesstrafe für „Mörder“ wieder einführen, ganz gleich ob Immigranten oder nicht, da diese das Land „in einen Dschungel“ verwandelten. Sie seien gefährlich und außerdem „übertragen sie Krankheiten“.

"Griechenland ist die Wiege Europas und die Revolution wird von Athen ausgehen."

Die Goldene Morgenröte, deren Propaganda und Symbolik sich unverhohlen nationalsozialistischer Vorbilder bedienen, wird oft als „Neonazi“-Partei beschrieben. „Sagen wir lieber, dass die Deutschen uns nachgeahmt haben. Das Hakenkreuz ist ein griechisches Symbol und der Hitlergruß wurde aus dem antiken Rom übernommen. Beides ist also Teil unseres kulturellen Erbes.“ Während Barmbaroussis ansonsten nichts gegen das Dritte Reich einzuwenden hat, gefällt im das gegenwärtige Deutschland unter Angela Merkel ganz und gar nicht. Durch ihre Erziehung in der DDR sei die Kanzlerin zwangsläufig „Kommunistin“ und ihrer derzeitigen Politik „fehle jede Solidarität“. Der Abgeordnete der Goldenen Morgenröte, der selbst kein Englisch spricht und der einen schnellen Austritt Griechenlands aus der Europäischen Union befürwortet, fühlt sich dennoch selbst als „Europäer“: „Griechenland ist die Wiege Europas und die Revolution wird von Athen ausgehen.“

Das Allheilmittel seiner Partei gegen die Schuldenkrise ist gleichfalls sehr einfach. „Aufhören, Geld von der EZB zu leihen, aus der Euro-Zone austreten und zur Drachme zurückkehren. Ein souveränes Land braucht seine eigene Währung.“ Die nationale Produktion solle wieder angekurbelt werden: „Griechenland importiert viel zu viel.“ Zudem müsse man „autark werden, die Griechen müssen wieder aufs Land gehen und ihre eigene Erde bearbeiten. Schließlich haben wir viele Ressourcen.“

Kostas Barmbaroussis selbst hat die Landwirtschaft hinter sich gelassen. Seit er Abgeordneter ist, erhält er eine Diät von 7.000 bis 8.000 Euro im Monat, von der er nach eigenen Angaben die „Hälfte“ an seine Partei überweise – für die Sache. Wir sind gewöhnliche Leute. Wir haben nichts zu verbergen.“

Fotos: © offizielle Fotos des griechischen Parlaments; Video: (cc)PlumeaberlinX/YouTube