Gesellschaft

Giulio Spatola, Mister Gay Europe 2011: "Schwule wie ich machen keine Show"

Artikel veröffentlicht am 24. August 2011
Artikel veröffentlicht am 24. August 2011
Mister Gay Europe 2011, Giulio Spatola, ist skeptisch gegenüber homosexuellen Stereotypen. Mit seinen 26 Jahren nutzt der Sizilianer seit seinem Titel alle Tribünen, um die neue „vox populi der Schwulen“ zu werden. Außerdem arbeitet er an seinem ersten Spielfilm. Im Moment lässt er sich allerdings noch via Skype interviewen. Oben ohne natürlich.

„Selbst über das Wort „Mister“ hatte ich Vorurteile. Das ist mir zu einschränkend, als würde man die Schönheit der Konkurrenten dominieren, wie es beispielsweise mit der Miss Italien geschieht.“ Mister Gay hat überhaupt nichts mit all den Misses der Erde zu tun: Unser Prinz mit blauen Augen, breitem Lächeln und verzückendem Oberkörper ist nicht unbedingt der Schönste. „In Wirklichkeit kommt es bei der Wahl des Mister Gay nicht nur auf Äußerlichkeiten an, sondern hängt auch vom Profil der Konkurrenten ab. Der Wettkampf ist nicht das einzige Ziel, wie das der Miss Italia. Ganz im Gegenteil: Wir wählen einen Kandidaten, der soziales Engagement beweist. Heute sind wir bereits bei der vierzehnten Mister Gay Wahl Italiens.“ Was wirklich zählt ist die Ehrung eines Repräsentanten der homosexuellen Welt. Mit aufgeplusterter Brust sagt er schließlich: „Ich bin Prinz Gay der XIV.“.

Der seriöse Homosexuelle macht keine Show. Er ist Prinz

Wer eine Dragqueen erwartet, wird überrascht sein. Wir haben es nicht mehr mit einem American Gigolo zu tun wie im Film The Birdcage - ein Paradies für schrille Vögel, den Pionierzeiten der Szene. Heute wird denjenigen eine Gelegenheit geboten, die die Rolle eines Märchenprinzens interpretieren wollen. Giulio Spatola ist maskulin und fasziniert die Jugendlichen auf so feinfühlige Weise, dass selbst ein eingefleischter Schwulenfeind seine Präsenz auf der Straße nicht bemerken würde. „Das Bild eines Schwulen in dauerhafter Ekstase wurde von den Medien kreiert. Zwei Mal war ich im Fernsehen, doch sie haben mich nie wieder angerufen. Und weißt Du warum? Ich war zu ernst, Schwule wie ich machen keine Show.“ Und auch mit der Politik hat der schönste Schwule Europas ein Hühnchen zu rupfen: „Ich möchte keine Politik machen, das fände ich ungerecht. Ich hätte das Gefühl die Tradition zu rechtfertigen, die schöne Gesichter über Kompetenzen stellt. Wenn es darum ginge unserer alten, phallozentrischen Führungsschicht, die Homosexuelle versucht als Propaganda zu instrumentalisieren, zu entsagen, wenn es darum ginge zu vermeiden sich dem Feind zu stellen, dann würde ich aus meinem Gesicht Profit schlagen!“ Und das kommt nicht von ungefähr. Giulio ließ sich beispielsweise mit dem ehemaligen Abgeordneten Vladimir Luxuria auf der Schwulenparade in Palermo fotografieren. Auch die ruhmvollen Stunden des homosexuellen GouverneursNichi Vendola sprechen für mehr Offenheit in Italien.

Der überraschende Aspekt des Interviews (vielleicht aufgrund der Skype-Verbindung) ist die natürliche Art und die Überzeugung, mit der Giulio auf Fragen antwortet. Und das, obwohl er halb nackt ist. Auch wenn er das Selbstbewusstsein eines Ministerpräsidenten hat, streichelt er sich die Schulter und redet von homosexueller Prostitution. „Ich halte keine Moralpredigten, sondern sage lediglich, dass ich es verstehe, wenn du dein coming-out machst und deine Familie dich aus dem Haus schmeißt. Du bist jung, hast keine Kohle, keine Arbeit und kannst nirgends unterkommen… Die Wahl der Prostitution ist also eher ein Zwang. Es gibt mehrere Vereine, die sich mit derartigen Problemen befassen. Aber: Hier müsste die Sozialpolitik eingreifen.“

Mehr als Karneval

Zu Roms Europride forderte Giulio die Homosexuellen-Szene auf, die Veranstaltung ernst zu nehmen. "Wir müssen aufhören, das Ganze als Schwulenkarneval hinzustellen und die Bedeutung derartiger Veranstaltungen für Problemlösungen erkennen. Ich habe folgende Frage gestellt: „Was wäre, wenn wir morgen aufwachen würden und uns in einem Land wie Uganda befänden? Selbst in Europa muss man wachsam sein? Und keinesfalls nur in den Ländern, in denen wir nicht ernst genommen werden. Es gibt eine ansteigende schwulenfeindliche Welle, selbst in Rom zum Beispiel.“ Nach der rumänischen Schwulenparade waren - Lady Gaga sei dank - Pailletten, an der Tagesordnung.

Der sonstige Medienrummel blieb aber leider aus. „Die schwulenfreundlichste Stadt ist Barcelona. Dort habe ich einmal zwei ältere Männer Hand in Hand spazieren gehen sehen. Es war sehr schön an einer solch spontanen Szene teilzunehmen, so weit weg von Zweifeln oder sonstigen Vorurteilen. Die Schwulenfreundlichkeit ist eine kulturelle Sache: Die jüngeren Generationen werden lernen die Unterschiede zu respektieren.“

Schwule VIPs aus aller Herren Länder, vereint Euch

Es ist wichtig, dass auch Stars ihre sexuelle Orientierung öffentlich zeigen.“

„Schwule VIPs aus aller Herren Länder, vereint und outet euch! Es ist wichtig, dass auch Stars ihre sexuelle Orientierung öffentlich zeigen, damit unsere Existenz akzeptiert wird. In der Praxis ist die LGBT-Welt (Lesbian, Gay, Bisexual and Transgender) nicht mehr auf der Suche nach Ikonen, sondern nach Paten. Die USA scheinen sich genau in diese Richtung zu entwickeln, Jungschauspieler outen sich immer früher und verteilen beispielsweise Flugblätter gegen Mobbing an der Schule. „In Italien geht der Trend in die andere Richtung. Die Schwulen, die im Fernsehen zu sehen sind, verneinen ihre Identität und werden - getrieben durch die Angst eines Sympathieverlusts beim Publikum - urplötzlich hetero. Woher kommt dieser Zwang des Schubladendenkens? Bürger sein bedeutet auch seine Vielfältigkeit zu verteidigen - und das sollte sich nicht auf unsere Gewohnheiten unter der Bettdecke beschränken. Erst an dem Tag, an dem wir uns die Einzelheiten des „wer schläft in deinem Bett“ sparen können und an dem wir nicht mehr andauernd 'ich bin schwul' sagen, um zu rechtfertigen, dass wir gerade einen Jungen und kein Mädchen geküsst haben, werden wir das Schubladendenken hinter uns haben. Im Moment behalten wir diese Denke noch freiwillig bei, da sie identitätsstiftend ist.“ Jeder Prinz hat sein Reich… und sein Zepter.

Foto: Vielen Dank an Giulio Spatola