Gesellschaft

Girl Punk in Belarus: Es ist ok, anders zu sein

Artikel veröffentlicht am 28. August 2017
Artikel veröffentlicht am 28. August 2017

Wenn man von Belarus spricht, geht es ziemlich oft um den schnurbärtigen Lukaschenko, recht selten aber um die Punk-Rock Szene des Landes. Die Punk-Girl-Band Messed Up hat es sich seit 2015 auf die Fahnen geschrieben, das zu ändern.

„Einer der Gründe, warum wir überhaupt Angebote kriegen, ist, dass die Veranstalter kapieren, dass wir mehr sind als nur Mädels mit Gitarren. Wir wollen ernst genommen werden und uns von niemandem runtermachen lassen“, erklärt Gitarristin und Songwriterin Liza. Messed Up ist eine der wenigen weißrussischen Punk Bands in einer ohnehin kleinen Community, die versucht, soziale Botschaften über Musik zu verbreiten. Allerdings ist es nicht immer einfach, Teil dieser Subkultur zu sein. Es gibt nur selten Möglichkeiten für Auftritte, Gigs finden meistens in illegalen Locations statt. Und dann sind da noch die Vorurteile gegenüber der Punk-Szene und Girl-Bands in diesem Genre überhaupt. Die Mitglieder von Messed Up können ein Lied davon singen.

„Zunächst gibt es hier einfach nicht viele Veranstaltungen. Das liegt daran, dass Konzerte nicht immer ganz legal und Gigs in den großen Clubs nur ziemlich schwer zu kriegen sind, da die Besitzer aufgrund der Vorurteile gegenüber dem Genre Angst haben, ihren Ruf zu verlieren”, erklärt Liza. Die weißrussische Musikszene besteht fast ausschließlich aus Pop- und Clubbing-Musik - das Interesse für Punk-Rock ist dementsprechend gering. „Die Leute hören einfach nicht auf, uns in eine Schublade zu stecken. Nach jedem unserer Auftritte fürchten sie, in Schwierigkeiten zu geraten.”

Ich bin eine Frau - hör' meinen Aufschrei

Auch die Tatsache, dass Messed Up momentan die einzigen ausschließlich weiblichen Punk Rocker in ganz Weißrussland sind, macht der Band zu schaffen. „Wir wollen Frauen zeigen, dass sie ihre Meinung genauso wie Männer ausdrücken dürfen”, so Liza. Messed Up hat bei Konzerten außerhalb von Belarus durchgehend positive Erfahrungen gemacht, in ihrem Heimatland dagegen ist Kontrastprogramm angesagt. „Manchmal werden wir total überrascht angestarrt, wenn wir auf die Bühne kommen. Die Leute sagen dann Dinge wie: 'Rock ist nichts für Mädchen'.”

Die Gruppe spielt regelmäßig Konzerte in benachbarten Ländern wie Polen und Litauen. Diskriminierung aufgrund ihres Geschlechts sowie die allgemeine Einstellung zu Punk Rock in Belarus sorgen dafür, dass Messed Up im Ausland mehr Erfolg hat als auf heimischen Bühnen. Liza erwähnt, dass hier im Gegensatz zum Rest Europas noch immer zahlreiche Gender-betreffende Probleme aus dem Weg geräumt werden müssten.

„Unsere Gesellschaft befürwortet noch immer die traditionelle Rollenverteilung für Männer und Frauen im Alltag. Zwar sind Frauen Männern legal gesehen komplett gleichgestellt, viele Streitfragen bleiben aber ungeklärt und werden zu Hause ausgetragen.” Der Platz der weißrussischen Frau bleibt das Haus, so die Band. Weiblichen Vorbildern in Macht- oder Spitzenpositionen begegnet man kaum.

Was ist schon normal?

„In unseren Liedern geht es nicht nur um uns. Wir singen über die Probleme der moderen Gesellschaft.” Messed Up spielen Songs, die Meinungen hervorheben sollen, die sonst oft untergehen. Ihre Hymne 'I won’t' ist eine Aufruf, sozialen Normen in einem Land zu entsagen, in dem nur die Handlungen und Taten, die als 'normal' gelten, in Ordnung seien. Vor allem das Frauenbild und die staatliche Kritik an 'alternativen Lifestyles' wollen sie damit in den Fokus rücken. Messed Up will den Menschen zeigen, dass es ok ist, anders zu sein.

Viele Songs von Messed Up beschäftigen sich mit der Favorisierung des Durchschnittsmenschen in einer post-sowjetischen Gesellschaft und damit, dass Machthaber diejenigen unterdrücken, die abseits der Norm leben wollen. Diese waltende „Ungerechtigkeit, Heuchelei und Unehrlichkeit” ist für Liza und die anderen Frauen in der Band die treibende Kraft in ihrem Kampf gegen den Konsens.

„Hauptsächlich entstehen Konflikte über Barrieren, die uns der weißrussische Staat aufzwängt”, sagt Liza weiter. „Es ist schwer zu seinen Überzeugungen zu stehen, wenn sie dich in Schwierigkeiten bringen. Aber niemand sollte sich wegducken oder Angst haben müssen.” Aktuell nehmen Messed Up eine neue Platte mit vier Songs auf und arbeiten an einem neuen Musikvideo. Sie hoffen ihr drittes Album bis Ende des Jahres zu veröffentlichen.

In der Zwischenzeit versucht die Gruppe so gut wie möglich, sich nicht von der eingeschränkten Freiheit in ihrem Land einengen zu lassen. “Punk-Rock gibt uns diese Freiheit. Wir drücken damit aus, dass wir hier mit etwas nicht einverstanden sind! Wir wollen uns endlich Gehör verschaffen - an erster Stelle in unserer Heimat, nicht nur im Ausland.”

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