Gesellschaft

Gesucht wird: Slavoj

Artikel veröffentlicht am 1. Dezember 2003
Im Magazin veröffentlicht
Artikel veröffentlicht am 1. Dezember 2003
Er untermauert die Lacansche Theorie mit Viagra, und brachte Hegel mit Sexspielen und Maggie Thatcher in Verbindung. Wieso haben wir dennoch noch nie etwas von ihm gehört?

Die Gaullisten schüttelten verzweifelt ihre Köpfe, als sich im Februar sechs Beitrittsländer dem Schlachtruf von „Onkel Tony“ anschlossen. Daraufhin trat Chirac als „Papa“ auf und

schalt die fehlgeleiteten „Kinder“, die es gewagt hatten, mit dem verbotenen Spielzeug zu spielen – der Macht. Irgendwo zwischen Michigan und Ljubljana gab Slavoj Zizek zur selben Zeit seine Einschätzung zum „gespaltenen Europa“ einem weitgehend US-treuen Publikum bekannt.

Dieser Artikel versucht einerseits eine Vorstellung von dem zu geben, was Zizek gesagt haben könnte oder andererseits wenigstens ein Gefühl dafür zu vermitteln, welche politische Einstellung und Sinnbildlichkeit dieses „neue europäische Exportgut“ im Zeitalter des transatlantischen Wettstreits und der amerikanischen Kulturherrschaft verkörpert.

Zizek hat mithilfe von Witz, enormer Schöpfungskraft und seinem ungestümen Intellekt das Unmögliche erreicht. Er vertritt geradezu den Europäischen Gedanken, indem er dem „kollektiven Unbewusstsein“ Amerikas eine Reihe sehr anspruchsvoller „Nabelschauer“

– darunter Lacan, Hegel und Kant – näher bringt. Wie er das macht? Sein Geheimnis besteht darin, bereitwillig auf die Kultur des Volkes zuzugehen, die ihm einen wertvollen, wenn auch zotigen Bezugspunkt für seine eher abstrakte Arbeit liefert. Indem er gleichzeitig aus seinem umfassenden Wissen über die Hegelsche Philosophie, die Dialektik Marx´ und Lacans Psychoanalysetheorie schöpft, schmückt er seine Interpretation hochkomplexer Theorien mit

Anekdoten beliebter Filme und flotten Witzen aus. Studenten sind von dem Ergebnis so begeistert, dass er in den Hochschulen sowohl der Vereinigten Staaten als auch Osteuropas bereits Kultstatus erreicht hat. Sein Einfluss auf die US-amerikanische Volkskultur ist derart groß, dass sogar namhafte Identitätstheoretiker, deren Arbeit er zuvor in der Luft zerrissen hatte, nun Schlange stehen, um auf ihn Lobgesänge anzustimmen. Der 54-jährige slowenische Philosoph, der zur Zeit des Kommunismus als „unzureichender Marxist“ lange ohne Arbeit war, verfügt heute über eine feste Anstellung an der Universität von Ljubljana und internationale Anerkennung. So hält er sich jedes Jahr ein Semester in den USA auf. Den Pseudointellektualismus verabscheut er zutiefst. In seiner Heimat Slowenien ist er längst zu einer Institution geworden, auch wenn er zuweilen von linksgerichteten Intellektuellen für seine Affinität zur Machtpartei, an deren Gründung er beteiligt war, kritisiert wird...

Von der Kritik am Sozialismus zur Kritik am Verbraucherkapitalismus

Zizeks Lebensgeschichte liest wie die eines Intellektuellen, der von der akademischen Welt Amerikas und der Volkskultur verführt wird. Der ewige Meister des Widerspruchs selbst hat jedoch über sein Leben folgendes gesagt: „Alles ist das Gegenteil von dem, was es zu sein scheint.“ Zizek verkörpert in Wirklichkeit weitaus weniger das „Neue Europa“, als man denkt. Er ist ein wissbegieriger Schüler des modernen Französischen und Deutschen Denkens, und seine Ansichten bezieht er in weitaus höherem Maße von den französischen Strukturalisten als von Denkern wie Georg Lukács und anderen „Lieblingen“ des orthodoxen Marxismus. Zizek lebte unter Titos sozialistischer Herrschaft im früheren Jugoslawien. Er gehört zu einem besonderen Menschenschlag, der zwei Systeme durchlebt hat, die das politische Weltgefüge zu verändern versuchten. Vom politischen sowie philosophischen Standpunkt überrascht es also keineswegs, dass er den „Dritten Weg“ einschlägt, der zwischen dem französischen postmodernen Skeptizismus der Aufklärungsideale ‚Wahrheit’, ‚Ursache’ und ‚Fortschritt’ (die von Foucault und Derrida verkörpert werden) einerseits und Habermas’ zuversichtlicherer Wiederaufnahme derselben Ideale andererseits liegt. Ebenso kritisiert er den von den USA ausgehenden Verbraucherkapitalismus, während er gleichzeitig dem, wie er ihn selbst nennt, „vulgären Anti-Amerikanismus“ mit Unbehagen entgegentritt. Er kritisierte andererseits sowohl die Globalisierung als auch das Mantra des Freien Handels als Teil der vom Kapitalismus ausgehenden „systemischen, anonymen Gewalt“. Dazu benutzt er schelmisch den 150. Jahrestag des Kommunistischen Manifests, um – entgegen der vorherrschenden heutigen Sicht – auf dessen anhaltende Wichtigkeit für unser gegenwärtiges globales Wirtschafts- und Kultursystem hinzuweisen.

Politisch linksgerichtet, distanziert er sich gleichermaßen vom Sozialismus wie vom Verbraucherkapitalismus. Ideologie heißt sein Angriffsziel, welches er ebenso sehr in Forrest Gump, dem teilnahmslosen Einfaltspinsel (der im gleichnamigen Film für seine Abhängigkeit mit Ruhm und Reichtum belohnt wird), als auch in der Sozialpsychologie des Opfers sieht, die von jugendlichen Straftätern – seien es die aus „West Side Story“ (Officer Krupke gegenüber) oder junge Neonazis aus Ostdeutschland – als Entschuldigung für ihre Taten vorgebracht wird. Großes Misstrauen hegt Zizek auch für die (von Bushs Regierung wiederum hochgeschätzte) ideologische Konzeption der USA und ihrer trügerischen Parole

„Lassen wir unsere kleinen politischen und ideologischen Zwistigkeiten beiseite – das Schicksal unserer Nation steht auf dem Spiel!“ (1)

Viel von dem, was auf unserer Welt „schief läuft“, hängt für Zizek mit der Entpolitisierung der Menschen zusammen. Sowohl der Sozialismus als auch der Kapitalismus sind daran in dem Sinne schuld, dass beide Systeme den Bürger zu Zynismus und somit politischer Untätigkeit ermuntern: als jemand, der dem System zutiefst misstraut, gleichzeitig aber unfähig oder abgeneigt ist zu glauben, dass er selbst etwas daran ändern kann.

Er ist darüber hinaus der Ansicht, dass sich die Ideologie im heutigen Zeitalter des Zynismus selbst offenbaren kann, ohne ihre Wirksamkeit zu verlieren. Wie schon an anderer Stelle festgestellt wurde, ist es wie mit bereitwilligen Käufern, die, indem sie die Embleme ihrer Lieblingsmarke tragen, sich bewusst zu laufenden Werbeträgern ihrer Kleidung machen lassen. (2)

Zizeks politischer Plan sieht deswegen vor, die totale Durchlässigkeit von Ideologie zu entlarven (denn auch wenn wir denken, nicht ideologisch zu handeln, so tun wir es doch)

und die „eigentliche Politik“ anzustreben. Diese wird von ihm als ein kurzzeitiger Wendepunkt beschrieben, nachdem alles erneut in eine ideologische Ordnung übergeht. Ein Bewunderer des Bürgertums, kann man ihn eher als einen Danton denn als einen Robbespierre bezeichnen, der die Politisierung in den behördlichen Ausschüssen wie dem Bürgerforum der Tschechischen Republik und dem Slowenischen Komitee zum Schutz der Menschenrechte beobachtet, die sich vor dem Fall der Berliner Mauer in den Ostblockstaaten als tatsächliche Opposition der Nomenklatura-Partei bildeten.

Die Philosophie des Anti-Intellektualismus

Im Zusammenhang mit dieser „eigentlichen Politik“ könnte man Zizek nun als den politischen Gründer einer zivilgesellschaftlichen Opposition sehen, als einen Achtundsechziger der Neuzeit in Gestalt von Roland Barthes, der seine zum Handeln bereite, studentische Anhängerschaft und Anti-G8-Protestler zu den Waffen ruft. Zu Beginn greift er die Behauptung an, die Zivilgesellschaft sei eine wohlwollende Kraft, indem er das Bombenattentat von Oklahoma als ein wirksames Beispiel dafür vorbringt, wie die Vereinigten Staaten „Hunderttausende Blödmänner“ ausfindig machten. Polemisch erklärt er zudem, dass das, was ihm an osteuropäischen Regimekritikern gefiel, nur innerhalb eines sozialistischen Systems möglich war. (3)

Zizek ist – für einen Denker seiner Größenordnung und Komplexität – auch zutiefst anti-intellektuell eingestellt. Er verachtet die linke intellektuelle Elite seines Landes und man könnte zu dem Schluss kommen, dass er trotz seiner Anhänglichkeit an „scharfe“ Denker der in Europa vorherrschenden Tendenz, Intellektuelle in den Status von Möchtegern-Kulturbotschaftern zu erheben (wie das Goethe-Institut oder Sartres Treffen mit Castro in Kuba zeigen). Dass sich diese Tradition im ehemaligen Ostblock nicht wiederholen darf, machte er durch seinen Slowenien betreffenden Kommentar deutlich: „Ein messianischer Komplex von Intellektuellen in Osteuropa kann sehr gefährlich werden, wenn er auf vulgären Anti-Amerikanismus trifft.“ (4) Zizek hält diese Einstellung für rechtsgerichtet und geht zielstrebig zu seinem nächsten Hassobjekt über: Der intellektualisierte Nationalismus als Ursache und Folge des Balkankrieges.

Da er an offene Kompromisse, an Versammlungen sowie an Intrigen und Verpflichtungen glaubt, ist er in vielerlei Hinsicht mit der Vorstellung einverstanden, dass Intellektuelle der institutionellen Politik nahe stehen. Anders gesagt ist er jemand, der sich auch mal die Hände schmutzig macht. Seine Unterstützung gilt der regierenden Partei in Slowenien, seine vernichtende Kritik hingegen einflussreichen Intellektuellen, die in Erinnerung an das linke Dissidententum schwelgen und die so empfundene Marginalität zur Ideologie erheben. Der Intellektuelle sieht sich Zizek zufolge vor die berufliche Wahl gestellt, welche oft bedeuten kann, die Regeln des politischen Spiels akzeptieren zu müssen.

Pop-Psychologie für ein erweitertes Europa?

Wenn es um die Europäische Union geht, kann sich Zizek nur sehr schwer festlegen.

Für jemanden, der ein Buch mit dem (ironischen?) Titel „A leftist plea for Eurocentrism“ („Ein Linksstehender sucht den Eurozentralismus“) schrieb, übte er besonders in Bezug auf den Balkankrieg harsche Kritik an Brüssel als Traum einer „neutralen, rein technokratischen Beamtenschaft“ (3). Zu ergründen, was er von einer erweiterten Europäischen Union halten würde, ist nicht gerade einfach, auch wenn es höchstwahrscheinlich nicht seinem Ideal der „wahrhaftigen Politik“ entspräche.

Eines seiner gegenwärtig bekannten Beispiele zitiert die Spruchbänder, mit denen

ostdeutsche Bürger während der chaotischen letzten Wochen und Tagen des Sozialismus

demonstrierten. „Wir sind das Volk“ verkündeten sie, wobei der bestimmte Artikel das Recht, als Teil der Geschichte wahrgenommen zu werden, geltend machte. Doch dieser Augenblick verweilte nicht lange, und auf den Spruchbändern las man nun: „Wir sind ein Volk“.

Zizek betrachtet dies als die Einordnung der ostdeutschen Bevölkerung in das liberale, kapitalistische System des Westens.

Zizek ist – soviel steht fest – weder ein Freund von Standardisierung, von Rechtsstreitereien und Staatsbeamten, die in ihren Reden Eintracht verkünden, noch von zusammengewürfelten Verfassungen und Gemeinplätzen, die alte Wunden flicken und Schwächen überdecken sollen. Berlusconis Fauxpas belustigte ihn sicherlich, so dass er vielleicht schon einen eigenen „Streich“ plant, um damit seine Studenten zu beeindrucken. Wir als Europäer sollten stolz auf diesen „Export“ sein, auf dieses rebellische Kind desillusionierter Kommunisten, das irgendwo zwischen westeuropäischer Anschauung und amerikanischer Popkultur zu Hause ist und das nicht so einfach zum Schweigen zu bringen sein wird.

Eurozentralisten auf der rechten Seite, nehmt Euch in acht!

(1)Polen, Ungarn und die Tschechische Republik unterzeichneten den Brief, während mindestens drei andere Beitrittsstaaten, darunter Slowenien, ihre Unterstützung zusicherten.

(2)Naomi Klein, o.A.

(3)Zizek: Japan through a Slovenian Looking glass. Reflections of Media and Politic and Cinema.InterCommunication no. 14. 1995

(4)Zizek: From Joyce-the-Symptom to the Symptom of Power