Gesellschaft

Geschunden wie ein Fußball: Das Schicksal eines Rom aus dem Kosovo

Artikel veröffentlicht am 9. Juni 2015
Artikel veröffentlicht am 9. Juni 2015

Die Einwohnerzahl Hamburgs, die halbe Fläche Hessens: Der Kosovo ist klein, doch aus keinem Land kamen seit Jahresbeginn mehr Flüchtlinge nach Deutschland. Fast alle müssen zurück - auch Angehörige diskriminierter Minderheiten. Ein junger Rom erzählt.

Ridvan sah nur die Augen, die Männer trugen Skimasken. Sie verprügelten ihn und seine Geschwister, und sie vergewaltigten seine Mutter. Mit Sturmgewehren waren sie hereingebrochen über das Haus der Familie Haliti, und sie würden wieder­kommen und töten, sagten sie, sollte die Familie den Kosovo in einem Monat nicht verlassen haben. In diesem Land wolle man keine Roma. Jahre später wird man der Familie Haliti sagen, dieses Land sei ein sicheres.

Ridvans Stimme senkt sich, wenn er von jenem Tag erzählt; eben noch waren seine dunklen Augen voll fester Aufmerksamkeit, jetzt blickt er hastig zu Boden. Sein Deutsch ist holprig, aber gut zu verstehen. Er sitzt auf einer Holzbank im Berliner Al­lende-Viertel, Ortsteil Köpenick. Ein dichter Kiefernwald umsäumt die pastellfarbenen Plattenbauten und breiten Betonstraßen, Ridvans Aftershave hängt schwer in der schwülen Abendluft. Der junge Mann von 18 Jahren hat bereits graue Haare an den Schläfen und heißt eigentlich anders, seinen wahren Namen und den seiner Fa­milie will er nicht veröffentlicht wissen. „Was, wenn die Albaner das sehen?“, sagt er. Kosovo-Al­baner waren es, die ihn und seine Familie heimsuch­ten.

Lieber Deutschland als Kosovo

Viereinhalb Jahre ist das her. Heute leben Ridvan, seine fünf jüngeren Ge­schwister und seine Eltern in einem Flüchtlingswohnheim in Berlin. Nach dem Über­fall waren sie nach Schweden ge­flohen, dreieinhalb Jahre später wurde ihr Asylantrag abgelehnt und sie flohen weiter nach Deutsch­land. Ridvan ließ Freunde zurück, er hatte sich eingelebt. „Das war schlimm“, sagt er. „Aber lieber Deutschland als Kosovo.“

Dass er bleiben darf, ist unwahrscheinlich. Gemäß den Dublin-Verordnungen muss Schwe­den die Familie wieder aufnehmen. „Dass dort die Abschiebung droht, spielt keine Rolle“, sagt Dirk Morlok von Pro Asyl. Freilich böte auch ein deutsches Asylverfahren triste Aussichten: Mehr als 25.000 Kosovaren haben seit Januar Asyl in Deutschland beantragt, aus keinem Land kamen mehr Menschen – bleiben aber darf nur jeder Tausendste. Dabei leiden Roma und andere Minderheiten im Kosovo unter weitverbreiteter und systematischer Diskriminierung, wie Amnesty International be­klagt.

Fragt man Ridvan nach dem Kosovo, huscht ein Zug von Verzagtheit durch sein waches Ge­sicht. Er durfte nicht zur Schule gehen, wurde ausgeraubt, beschimpft. Man habe sie behandelt, sagt Ridvan, wie – das Wort fällt ihm nicht ein, er hebt ungelenk die Füße – „wie einen Fußball“. Jeder durfte mal treten.

Deutschland hingegen, findet er, „ist ein super Land“. Gerne würde er hier ar­beiten. Als was? Sein Blick stockt kurz fragend. „Etwas mit den Händen, eine gute Ar­beit“, sagt er dann, zuckt die Achseln, und man meint die Gleichgültigkeit eines Jun­gen zu spüren, für den es keinen Traum­beruf gibt, weil er das Träumen aufgegeben hat.

Im Kosovo ist den Halitis nichts geblieben. Wahrscheinlich, sagt Ridvan, müss­ten sie auf der Straße leben. Er hebt hilflos die Hände, und zum ersten Mal werden sei­ne Worte brüchig, seine Au­gen feucht, und plötzlich steht die ganze Verzweiflung die­ses 18-Jährigen kahl und bleiern im schrägen Licht der späten Sonne. Er ist uner­wünscht, egal wo. „Ich verstehe das nicht“, sagt er. „Aber was können wir machen?“ Er selbst gibt die bittere Antwort. Gerade hat er sich mit festem Händedruck und trau­rigem Lächeln verabschiedet, da dreht er sich noch einmal um und sagt: „War­ten; wir warten jeden Tag“ – auf die Entscheidung, ob die Familie Haliti bleiben darf. Die Chancen stehen eins zu eintausend.