Gesellschaft

Genozid war gestern: Versöhnung zwischen Türken und Armeniern

Artikel veröffentlicht am 3. Mai 2011
Artikel veröffentlicht am 3. Mai 2011
Die armenische Frage drängt sich den Besuchern gleich bei ihrer Ankunft in Istanbul auf. Wir befinden uns auf dem Flughafen Sabiha Gökçen, benannt nach der ersten Kampfpilotin der Geschichte, Adoptivtochter von Atatürk.
Im Jahre 2004 wagt es der Journalist Hrant Dink, Herausgeber der türkisch-armenischen ZeitschriftAgos, zu schreiben, sie sei in Wirklichkeit Waise armenischer Eltern gewesen, was eine heftige Polemik hervorrief. Er wird wegen „Verleumdung der türkischen nationalen Identität“ (Art.301 des Strafgesetzbuches) verurteilt. Als „Feind der Nation“ bezeichnet, wird Hrant Dink am 19. Januar 2007 vor dem Verlagshaus seiner Zeitung auf offener Straße erschossen. Seitdem lebt sein Name in aller Gedächtnis.

Die Stadtviertel von Istanbul am europäischen Ufer des Bosporus strahlen eine multikonfessionelle Atmosphäre aus:  Moscheen mischen sich unter die armenischen, orthodoxen, protestantischen und katholischen Kirchen. In einem antiken Kloster eilen Mönche in alle Richtungen, um die Feierlichkeiten vorzubereiten, verharren aber in einem gewissen Schweigen. „Das nächste Mal, wenn du einem Priester Fragen zu den Armeniern stellst, kassierst du mit Sicherheit einen Tritt in den Allerwertesten“, sagt mir einer von ihnen ehrlich. „Es gab zwei Tote hier, sei vorsichtig bei dem, was du schreibst, oder du riskierst es, nicht wieder in die Türkei zurückkehren zu können.“

Die Worte sind klar, aber ich denke, dass dieser Mönch übertreibt. Um es zu verstehen, nehme ich an der sehr langen Nachtwache des Klage-Donnerstags in der armenischen Kirche der Drei Altäre teil, die sich hinter einer monumentalen schwarzen Tür im Herzen des Fischmarktes verbirgt. Am meisten überrascht in dieser armenisch-orthodoxen Kirche das gedämpfte Licht der im Sand steckenden Kerzen, der kunstvollen Kristallleuchter, das gelbe, den Raum durchdringende Licht. In den Bänken sitzen nicht nur Gläubige, sondern auch zahlreiche Neugierige, unter ihnen der Religionshistoriker Sébastien de Courtois, ein wahrer Experte der Christen des Orients. „Die hiesige Gemeinschaft hat vor allem versucht, sich zu integrieren und macht aus der Frage des armenischen Genozids keine intellektuelle Obsession“, erklärt er mir, „für sie ist es eher eine gefühlsmäßige Leere“.

Versöhnung in der Moschee am Karfreitag

Die Armenier der Diaspora, die die Türkei seit dem Beginn der Verfolgungen verlassen und sich in Europa oder den Vereinigten Staaten niedergelassen haben, stellen seit jeher die höchsten Wiedergutmachungsforderungen. Der 2007 erschossene armenische Journalist und Agos-Herausgeber Hrant Dink schrieb, dass die Anerkennung des durch die Verbrechen von 1915 erlittenen Schmerzes aus dem Herzen der türkischen Gesellschaft kommen müsse und nicht durch im Ausland unterzeichnete Resolutionen. Aber es gibt einige, die andere Wege wählen.

Sonia lebt seit den 1970er Jahren in Paris, sie ist mit ihren beiden Töchtern nach Istanbul gekommen. Vor der blauen Moschee wartet sie auf Asim und seine Frau, die extra aus einem weit entfernten Dorf der Provinz Yozgat nahe Ankara gekommen sind. Asim ist Sonias Cousin, sie hat ihn nach langen genealogischen Nachforschungen wiedergefunden. Im Jahre 1915 wurde ihre Großmutter verschleppt und mit einem Türken zwangsverheiratet, von dem sie ein Kind gebar. Danach flüchtete sie und gründete eine neue Familie. „Als wir uns vor zwei Jahren das erste Mal sahen, war das ein sehr bewegender Moment“, verrät Sonia, während Asim sich zum Abendgebet zurückzieht. „Wir haben uns 96 Jahre später wiedergefunden. Wir sind sogar zusammen zum Friedhof gegangen.“ Das Treffen am Vorabend des 24. April gibt die Gelegenheit, die Vergangenheit wieder in Erinnerung zu rufen. Aber als Sonia erzählt, dass sie es dieses Jahr nicht geschafft hat, wegen der durch den Gedenktag verstärkten Traurigkeit den Osterschmuck aufzuhängen, scheint Asim nicht hinzuhören, nicht einmal zu verstehen. Er schaut woanders hin.

Nachdem der Tod Christi verkündet wurde, setzen die gregorianischen Gesänge im Halbdunkel wieder ein.

24. April: Ostern der Auferstehung und Erinnerung an den Schmerz

Maral ist Forscherin an der Universität, sie ist 29 Jahre alt und keine praktizierende Gläubige, aber zu Ostern geht sie in zwei Kirchen. Die erste befindet sich im Viertel Bakirköy im Westen der Stadt, wo sie aufgewachsen ist, bevor sie in eine eigene Wohnung zog. Es ist eine dicht besiedelte Vorstadt mit nicht weniger als sieben katholischen Kirchen und einer kleinen armenischen Kirche aus dem 19. Jahrhundert, Surp Astvazazin - viel zu klein für all die Gläubigen. Am Eingang umarmen mich ihre Eltern und bieten mir Osterkuchen an, einen Hefezopf mit Gewürzen, bevor die Amtsträger vorübergehen, darunter der Bürgermeister, der im Namen der türkischen Regierungspartei AKP [Partei für Gerechtigkeit und Aufschwung; A.d.R.] einen Blumenkranz niedergelegt hat. Viele junge Armenier wie Sarkis, ein Mathematikstudent, und Lora, die bald in einer Grundschule arbeiten wird, erklären: „Ostern ist wichtiger für uns als die Gedenkfeiern zum 24. April. Das ist die Gegenwart, während die Vergangenheit nicht wiederkommt“.

Die zweite Ostermesse von Maral findet im Stadtviertel Kurtuluş statt. Um dahin zu gelangen, durchquert sie ein zweites Mal die Stadt und den Taksim-Platz. Ihr Freund soll uns mitnehmen. Er ist Muslim und hat noch nie an einer armenischen Feier teilgenommen. „Seine Mutter kommt ebenfalls. Meine Eltern wissen nicht, dass ich einen türkischen Freund habe, und das wird nicht einfach, es ihnen zu sagen. Vor allem, da meine Tante ständig für mich Verabredungen mit jungen armenischen Männern organisiert, ich habe es satt!“. Sie sagt dies mit einem ansteckenden Lächeln, versteckt aber auch nicht ihre Besorgnis. „Wir erhalten unsere gesamte Schulausbildung auf Armenisch, es gibt keine Alternative. Später, an der Universität, wird es besser, wir treffen endlich die anderen. Ich denke, dass die armenische Gemeinschaft sich mehr öffnen müsste, wie das Beispiel meiner Tante beweist!“.

 Etwa zehn nationalistische Parteien haben die Kundgebung gestört

Nachdem er eine rote Nelke zur Erinnerung an die am 24. April 1915 vor der Blauen Moschee versammelten Intellektuellen niedergelegt hat, erklärt mir der Politologe Ahmet Insel, dass „es normal ist, dass die Armenier Angst haben, ihre Meinung öffentlich kundzutun“. Trotzdem waren viele Armenier gekommen, um sich mit den Türken zu einem „öffentlichen Aufruf zur Vergebung“ zu vereinen, zu dem die wichtigsten liberalen Intellektuellen des Landes zusammengerufen hatten. Hunderte Menschen auf Knien, eine Blume oder eine Kerze in der Hand, haben sich in Stille versammelt, mit ergreifenden armenischen Melodien im Hintergrund. Einige Meter davon entfernt, getrennt durch eine Postenkette der Polizei, unterbrechen einige wenige Nationalisten die Stille und grölen rassistische Gesänge, protestieren gegen einen Genozid „der Türken, verübt durch die Armenier“.

[Danke an Bulent Kilic und Nicolas De Cheviron für ihre Unterstützung.]

Dieser Artikel ist Teil des cafebabel.com Reportageprojekts Orient Express Reporter 2010/ 2011 auf dem Balkan und in der Türkei.

Fotos: Moschee und Kundgebung ©Nemanja Knezevic; Asim und Maral ©Nicola Accardo