Gesellschaft

Generation was-denn-nun? "Die netten Jahre sind vorbei"

Artikel veröffentlicht am 26. Januar 2011
Artikel veröffentlicht am 26. Januar 2011
Aus der Generation X wurde kürzlich die Generation Y, die Generation Praktikum ist ein Dauerbrenner. Welchen Buchstaben oder Titel man aber auswählt, so richtig greifen kann uns niemand. Kann man uns tatsächlich generationstechnisch über einen Kamm scheren? Diese Frage stellte sich das deutsche Autorenduo Manuel J. Hartung und Cosima Schmitt in ihrem Buch Die netten Jahre sind vorbei.
Schöner Leben in der Dauerkrise (Campus Verlag, 2010). Darin versuchen sie sich an der Analyse der schwierigen Zukunft einer Generation ohne Namen.

©Campus Verlag, 2010Wer in den 1980ern geboren wurde, gehört dazu. Die - das sind die Leidtragenden aller Krisen der jüngsten Vergangenheit: Sie haben den Einsturz der Twin Towers am Bildschirm mitverfolgt und infolge der Wirtschaftskrise keinen Job gefunden; sie sind Berufsmärtyrer, ewige Praktikanten und schuften noch Jahre nach dem Abschluss für wenig Geld. Alle, die jetzt studieren oder in den Beruf starten, kennen den Geruch nach Krise. Aber wir leiden nicht nur. In Die netten Jahre sind vorbei. Schöner Leben in der Dauerkrise werden Statistiken gewälzt und kommen prominente Forscher zu Wort. Man lernt, dass die Jugend nachdenkt und Studierende politischen Einfluss haben. Und doch fühlt man sich von den Autoren nur zur Hälfte verstanden.

Das Buch über die Bachelor-Generation beschreibt alle Deutschen kurz vor oder nach dem Eintritt in den Arbeitsmarkt. Auf 196 Seiten und in acht Kapiteln werden Studierende und Praktikanten wie mit dem Röntgengerät durchleuchtet. Es ist ein Buch über 'Mittelschichtskinder', das 'Zerrbilder' entwirren und 'Geheimnisse' über unsere Altersgruppe offenbaren will.

Eine 'dynamische' Generation - keine Epoche

Schon unzählige Male habe man versucht, einen Namen für die junge Generation zu finden. Schlagzeilen hagelte es mit verlässlicher Regelmäßigkeit: Facebook-Generation, Generation X, Generation Praktikum etc. Das zeige, dass jede Schlagzeile und jedes noch so ephemere Ereignis die Medien veranlasst, der Generation einen Stempel aufzudrücken. Bei Epochen mag das Sinn machen, weil sie sich auf Kunst, Architektur oder Literatur beschränken und man bei ihnen bereits Beginn und Ende datieren kann. Generationen aber sind dynamisch und diffus, sie verhalten sich unkontrolliert. Das haben auch die Autoren begriffen.

Da ist zum Beispiel der typische Bachelor-Studierende. Er sei gefangen in den Netzen des modularisierten Schnell-Studiums, das neben den Deutschen auch den Italienern zu schaffen macht, die ihr System im Rahmen der Bologna-Reformen radikal umstellen mussten. Da sich der Arbeitsmarkt heutzutage so schnell verändere, müsse der Studierende jedoch flexibel bleiben. Also noch Praktika in den Semesterferien einschieben. Die Akademikerfalle schnappt nur bei denen zu, die so studieren wie früher: eingleisig. Bei so viel Unsicherheiten müsse der Studierende von heute erkranken: Burn-Out mit 22 Jahren. Doch die Autoren beachten nicht, dass es Studierende gibt, die sich an die neue Hochschulpolitik gewöhnt haben und sich über ihre Selektivität freuen.

Eine begrifflich greifbare Generation?

Studienzeitjunkies und Städte, die es 'können' müssen

Ein Blick über die deutsche Grenze zeigt zudem, wo sich deutsche Studierende häufig tummeln - an Universitäten der europäischen Nachbarn. Die Europäisierung des Studiums hat Studierende nicht nur zu "Punkte- und Studienzeitjunkies" gemacht, es hat die Wahl ihres Studiengangs an einen neuen Faktor gebunden: Rentabilität. Eine Stadt muss es können, um als Studienort gewählt zu werden. Häufig sind Ballungen von Wirtschaftssektoren, soziale Netzwerke oder einfach Miethöhen die Gründe für oder gegen eine Stadt. Oder man mag das Stadtimage. Für viele wird das Studium im Ausland erst recht plausibel, wenn Studiengebühren wegfallen, wie in Frankreich. Leider beschränken sich die Autoren auf Deutschland, obwohl die Mobilität im Studium und prekäre Verhältnisse für Jobeinsteiger längst ein europaweiter Dauerbrenner sind.

Die netten Jahre sind vorbei hebt auch das steigende Interesse junger Deutscher an Politik und Demokratie sowie den Erfolg von NGOs hervor. Doch reicht diese Beobachtung für den Umkehrschluss, "wir" entwickelten uns zu mündigeren Bürgern? Der Leser, der sich mittlerweile an den Schreibstil (1. Form Plural: "wir") gewöhnt hat, vergisst sofort Deutschlands sinkende Wahlbeteiligung und die Begeisterung seiner Bürger für entpolitisiertes TV-Programm und glaubt dem Soziologen Klaus Hurrelmann, dass das Politische wieder zunehmen wird.

Anstatt den diffusen Programmen der Parteien und ihren pragmatischen Hochglanzpolitikern im Parlament Glauben zu schenken, engagiere sich die Jugend heute in NGOs, um die Welt mitzugestalten. Antithese: NGOs werden heute häufig als vierter Wirtschaftssektor bezeichnet - sie sind vor allem eine Berufsperspektive. Aber dem nicht genug, ein anderer voreiliger Fehlschluss folgt: Der ungebremste Erfolg des Bio-Labels in unserem Land zeige, dass die junge Generation sich verstärkt über ihr Konsumverhalten ausdrücke. Das würde ja bedeuten, dass französische Studierende unpolitischer sind als deutsche, denn sie konsumieren weitaus weniger Bio-Food als ihre Nachbarn. Grund für die Ablehnung von Bio-Produkten in Frankreichs Großstädten ist vielmehr der riesige Preisunterschied zwischen konventioneller und ökologischer Ernährung.

Schlussendlich versuchen es die Autoren dann dennoch. Sie prophezeien die Entstehung einer Generationen-Bewegung. Grund sei der unvermeidbare Konflikt mit den Vorgängern, den Babyboomern der 1960er. Dieser Jahrgang war in Deutschland besonders geburtenstark und werde den jetzigen Berufseinsteigern, die dann ja in die Rententöpfe zahlen, unangenehm auf der Tasche liegen. Die ältere Generation würde schon bald versuchen, die Machthaber auf ihre Seite zu bringen, um eine rentenfreundliche Politik zu erzwingen. Somit seien "wir" endlich bereit, unsere Interessen zum ersten Mal kollektiv zu verteidigen.

Diese Theorie ist fragwürdig. Generationen mögen in der Vorstellung des Statistischen Bundesamts und in den Kalkulationen des Staats existieren, aber sie sind als Kategorie eher unbrauchbar, wenn es um Interessenkonflikte geht: Solche Konflikte entstehen nicht an Altersgrenzen, sondern da, wo Werte ausgehandelt werden. Und unsere Werte sind nicht immer vom Alter abhängig.

Soll man den Autoren nun gratulieren, weil sie es geschafft haben, eine Generation zu charakterisieren? Sicher ist es schön sich beim Lesen wiederzufinden: Wir Revoluzzer. Wir Gender-Sensiblen. Man muss sich gegen diese Schlüsse jedoch wehren. Die netten Jahre sind vorbei ist in sich eine Spekulation, die zudem aufgrund ihrer Statistikhörigkeit nur wenig Wahrheitspotential besitzt.

Illustrationen: Karikatur (cc)dalechumbley/flickr; Buchdeckel ©Campus Verlag; Generation (cc)adamscarroll/flickr; Video (cc)pondscum77/Youtube