Gesellschaft

Generation P im russischen Kino: Coca-Cola statt Kunst

Artikel veröffentlicht am 1. März 2012
Artikel veröffentlicht am 1. März 2012
Auch 20 Jahre nach dem Fall des Eisernen Vorhangs bleibt Russland für viele Westeuropäer ein rätselhafter Ort: Ein Land des endlosen Winters, das auch politisch eine Eiszeit erlebt. Wer über diese Klischees hinaus etwas über Russland erfahren möchte, dem sei der Film Generation P ans Herz gelegt.
Die Adaption des gleichnamigen Romans von Victor Pelewin nimmt den Zuschauer mit auf eine Reise durch das postsowjetische Russland.

Seit der Kultroman Generation P1999 erschien, warten Kritiker und Filmfans auf eine Verfilmung. Der russisch-amerikanische Regisseur Viktor Ginzburg nahm sich 2006 dieser Aufgabe an. Im vergangenen Jahr wurde der Film endlich in den russischen Kinos gezeigt. Herausgekommen ist eine zeitlose Fabel voller Anspielungen und Metaphern: auf die russische Pop-Kultur, Oligarchen und den Konsum exotischer Drogen. Schon in der Romanvorlage nahm Victor Pelewin die Realität auseinander, um sie neu zusammenzusetzen. Das ist großartig, wenn man ein Philosophiestudent mit Sinn für Humor ist (und davon hat Generation P genug: wer das Buch liest, kommt aus dem Lachen nicht mehr heraus). Nicht so großartig ist das für jene, die sich einen ruhigen Arthaus-Film (ähnlich des 2001 erschienen Russian Arc) erhofft hatten. Doch wer sich auf den Mix aus psychodelischen Ché Guevaras und Rolex-Uhren einlässt, kann aus diesem Sturm- und Drang-Film einiges über das moderne Russland lernen.

Russland in den 1990ern: Zwanzigjährige auf Helium

Wenn man verstehen will, warum der russische Präsident Wladimir Putin in seinem Land derart beliebt ist, lohnt sich ein Exkurs in die 1990er Jahre. Der Kalte Krieg war beendet, das Land hatte sich der Welt geöffnet. Pelewin beschreibt diese Zeit als ein verrücktes Jahrzehnt, voller Verschwörungen, Betrug und Drogenmissbrauch. Swingende Zwanzigjährige auf Helium, in der Hand backsteingroße Telefone – so etwa muss es damals in Russland ausgesehen haben. Die Schilderungen in Generation P scheinen übertrieben, doch tatsächlich bewegt sich der Roman nicht weit von der Wirklichkeit. Jobs verschwanden, die staatlichen Zuschüsse ebenso. Die Misere erlebt Babylon (Vladimir Epifancev), Protagonist des Films, am eigenen Leib. Die Regierung unter Boris Jelzin war eine demokratisch gewählte, doch die Fäden hielten andere in der Hand.

Das weiß auch die Generation P: Eine Vision des Films zeigt die Führer des Landes als Schauspieler und Maschinen. Man konnte reich werden oder völlig verarmen – alles war eine Frage des Glücks und der Dreistigkeit. Welchen Schluss zogen die Russen aus dieser Zeit? 1. Demokratie bedeutet Chaos. 2. Putins “gelenkte Demokratie” bedeutet Stabilität. Zu Beginn des Romans ist Babylon ein verträumter Dichter, Fan von Boris Pasternak [dem Autor des Romans Doktor Schiwago; A.d.R.] und sardinenförmigen Wolken. Als die Sowjetunion zusammenbricht, wird die Poesie in seinen Augen plötzlich wertlos. Also gibt er sie auf. Stattdessen nutzt er sein Sprachtalent als Werbetexter für westliche Konsumgüter, die das Land plötzlich überschwemmen.

Auch diese Geschichte hat einen wahren Kern. Denn die russische Intelligentia galt zu Zeiten der Sowjetunion als moralische Instanz. Ganz verlor sie ihre Rolle auch nach dem Kollaps nicht – das gibt selbst Pelewin zu. Doch der Systemwechsel veränderte ihre Bedeutung für die Gesellschaft. Plötzlich war Kommerz wichtiger als Kunst. Pelewin bringt es auf den Punkt; ironisch, aber nicht ohne Bitterkeit: "Früher hatten wir die große russische Seele. Jetzt haben wir McDonalds und Coca Cola. "

Generation P feierte auf europäischen Filmfestivals in der Tschechischen Republik (5. Juli 2011; Karlovy Vary Film Festival) und Polen (23. November 2011; Sputnik Russian Film Festival) Premiere.

Illustrationen: (cc)Generation P imdb Profil und offizielle facebook Seite/ flickr; Video (cc)tempaccount90291/YouTube