Gesellschaft

Generation Mauerfall: Europäer ohne Euphorie

Artikel veröffentlicht am 31. Oktober 2014
Artikel veröffentlicht am 31. Oktober 2014

Sie ist längst im neuen Europa angekommen – die Generation, die so alt ist wie die politische Wende in Osteuropa. Sie schätzt ihre Freiheit, doch die Euphorie ihrer Eltern teilt sie kaum noch. Dazu ist der Alltag in Polen, Lettland oder Rumänien zu hart. Viele junge Leute denken ans Auswandern.

Sie sind so alt wie die politische Wende in Osteuropa – aber was bedeutet den heute 25-Jährigen der Fall des Eisernen Vorhangs? Fakt ist: Ihr Alltag ist einerseits stark durch die Eurokrise geprägt. 57 Prozent der Europäer zwischen 16 und 30 Jahren haben laut der Eurobarometer-Umfrage „European Youth in 2014“ das Gefühl, dass sie durch die Krise vom wirtschaftlichen und sozialen Leben ausgeschlossen sind. Andererseits betrachten knapp drei Viertel von ihnen die Zugehörigkeit ihres Landes zur Europäischen Union in einer globalisierten Welt als Stärke.

Das trifft auch auf drei junge Menschen aus Polen, Lettland und Rumänien zu, die sich ihr Leben nur in einem freien Europa vorstellen können. Zugleich fragen sie sich, warum ihre Generation 25 Jahre nach der Revolution kaum noch Vertrauen in die Politiker hat, von denen so viele den Umbruch mitgestaltet haben. „Ich finde es schade, dass sich die großen Werte, die 1989 eine Rolle spielten – Solidarität, Gleichheit, Mitarbeiterrechte – überlebt haben“, sagt der Pole Patryk Zalsinski, der Soziologie und Polonistik studiert und als freier Journalist arbeitet.

Prekariat statt Euphorie

Patryk kennt nur prekäre Arbeitsverhältnisse, ohne feste Anstellung, ohne Sozialversicherung. Er kann sich nicht vorstellen, wie er später einmal als Rentner leben soll, und er fürchtet, dass er das kaum beeinflussen kann. „Diese Euphorie, die man auf den Bildern von 1989 sieht, gibt es in meiner Generation gar nicht mehr“, sagt er resigniert. Dennoch hat er sich intensiver mit den Ereignissen von damals beschäftigt als viele seiner Altersgenossen, liest Bücher, schaut Fernsehdokumentationen und befragt seine Eltern. 

Auch Liviu Tanase aus Rumänien ist frustriert, wenn er sich mit der Zeit seit 1989 beschäftigt, denn er hat begriffen, dass viele ehemalige Parteikader nicht einfach verschwanden, sondern nach wie vor eine Rolle im öffentlichen Leben spielen. „Die Transformation war nicht wirklich durchdacht“, glaubt Tanase. „Unser Bildungssystem funktioniert zum Beispiel immer noch nicht richtig.“ Überhaupt fehle Rumänien ein klarer Plan, eine kohärente Zukunftsvision, sagt der junge Mann, der als Physiker in der Nähe von Bukarest arbeitet.

Die EU-Mitgliedschaft sei sehr hilfreich, weil viele Reformen nur auf Druck aus Brüssel durchgesetzt werden konnten. Wie aber sollen sich gerade die jungen EU-Mitgliedsländer Osteuropas weiterentwickeln, welche Fehler wurden in den vergangenen 25 Jahren gemacht? Patryk schaltet sich zwar nicht gern in die Auseinandersetzungen darüber ein, was man seit 1989 hätte anders machen sollen, aber den 25. Jahrestag der ersten freien Wahlen in Polen im Juni hat er mitgefeiert. „Wenn ich mir überlege, dass ich damals in einer Schlange vor dem Laden hätte stehen müssen, wenn es gerade Toilettenpapier gab, dann hätte mich das sehr bedrückt“, sagt Patryk.

Wir können gehen, unsere Eltern mussten bleiben

Was er sich heute überhaupt nicht mehr vorstellen kann, sind die Grenzen. „Dass man einfach reisen und seine Freunde und Bekannten in ganz Europa ohne Visum und Pass spontan besuchen kann, das war für meine Eltern, als sie in meinem Alter waren, gar nicht vorstellbar.“ Die Freiheit ist auch das, was Liviu Tanase am meisten an seinem Leben in einem neuen Europa schätzt. Allerdings ist es bei ihm die Freiheit, das machen zu dürfen, war er mag – nämlich zu forschen. In das Institut für Materialphysik in Magurele, sechs Kilometer südlich von Bukarest, wurde in den vergangenen Jahren viel investiert. Mehrere Forschungsteams nehmen regelmäßig an den Ausschreibungen für EU-finanzierte Projekte teil, und so konnten sie sich „eine Ausrüstung kaufen, die internationalen wissenschaftlichen Standards entspricht“, erklärt Liviu Tanase nicht ohne Stolz. 

Dass Liviu dort angekommen ist, wo er hinwollte, hat er im Wesentlichen seiner Mutter zu verdanken: „Meine Mutter, die als Krankenschwester arbeitet, war immer der Meinung, dass für mich das Studieren die oberste Priorität hat. Aber nur wenige Eltern begreifen das, und der Erfolg der Kinder bleibt Glückssache.“ Mit fast 1.000 Euro im Monat verdient der junge Physiker mehr als doppelt so viel wie der landesweite Durchschnitt. Da verwundert es fast kaum, dass Liviu anders als viele Kollegen in Rumänien bleiben möchte.

Gehen oder bleiben – diese Frage stellt sich angesichts der Euro-Krise vielen jungen Menschen in Europa. 43 Prozent von ihnen glauben der Studie „European Youth in 2014“ zufolge , dass ein Job oder eine Ausbildung im europäischen Ausland einen Ausweg aus beruflichen Schwierigkeiten im Heimatland bietet. In Rumänien glauben das sogar 60 Prozent, in Lettland immerhin 48 Prozent. 

Ich haue auf jeden Fall ab

Für Ildze Pravorne aus Lettland hat diese Frage indes keine wirtschaftliche, sondern eine politische Dimension. Russlands Druck auf die östliche Ukraine und die Annexion der Krim beunruhigen sie. Sie erinnert daran, dass im Zweiten Weltkrieg kein Völkerbund die Besetzung Lettlands verhindert habe. „Wir wissen nicht, was im Extremfall passiert. Ich haue auf jeden Fall ab. Ich will niemals unter russischer Vorherrschaft leben.“

Das hat die 26-Jährige mit ihren Eltern gemein, auch wenn sie sonst häufig anderer Meinung ist als die Generation, die unter den Sowjets groß geworden ist. Angst vor Russland und Wut auf die sowjetische Besatzung ihres Landes habe ihre Familie stets beherrscht, erinnert sich Ildze – weil ihr Großonkel im Zweiten Weltkrieg von einem Russen erschossen worden war. Doch dieses Gefühl der Angst kann Ildze Pravorne 25 Jahre nach Lettlands Unabhängigkeit nicht teilen.

Mehr noch: Sie ist enttäuscht, dass ihre Eltern sie in der Schule nicht Russisch lernen ließen. „Sie waren beseelt von ihrer staatlichen Unabhängigkeit und erinnerten sich deutlich daran, wie sie im Sozialismus gezwungen waren, Russisch zu lernen“, erklärt Ildze und fügt hinzu: „Heute sind die Russen meiner Generation besser dran und haben viel mehr Karrierechancen. Viele von ihnen besuchen lettische Schulen und sprechen fließend Russisch und Lettisch.“ 

Ildze hat vor einem Jahr das kleine Bistro „Trusis“ („Kaninchen“) in Riga aufgemacht. Ihre internationale Küche und die lettischen Birken-, Eichen- oder Rhabarberweine sind gerade bei der neuen Mittelschicht beliebt. Nicht nur bei den Letten, sondern auch bei den lettischen Russen. „Die jungen Russen denken doch wie wir Letten, ich habe unter ihnen viele Freunde. Sie genießen das Leben in der EU, wollen reisen und nicht wieder nach Russland zurück.“

Die Familie prägt auch bei Patryk Zalsinskis Meinung über die jüngste Geschichte. „Mein Vater sehnt sich nach der alten Zeit, weil er meint, dass das Leben im Kommunismus einfacher war“, erzählt er. „Meiner Mutter und ihrer Familie hat die Wende dagegen viel gebracht, sie haben eigene Firmen gegründet.“ Deshalb ist Patryk stets vorsichtig bei der Beurteilung der damaligen Gegner und Anhänger des kommunistischen Regimes. 

Dennoch freut er sich über das neue Polen, darüber, was 1989 passiert ist, sagt er. Es sei wichtig, dass man daran erinnert, auch wenn seine Generation die Euphorie von damals nicht mehr teilt. „Wir sind nicht zynisch, wir engagieren uns für den anderen, wir arbeiten oft ehrenamtlich“, erzählt er. „Aber von der Politik wollen wir uns fernhalten.“ Was bleibt, ist sein Wunsch, das, wofür die Leute damals auf die Straße gegangen sind, und ihre Euphorie auf den heutigen Alltag und die Zukunft zu übertragen.

Ein Feature von den n-ost-Korrespondenten Agnieszka Hreczuk, Birgit Johannsmeier und Silviu Mihai.

Dieser Artikel ist im Rahmen einer Medienpartnerschaft mit der Allianz Kulturstiftung und dem Osteuropamagazin ostpol für das Projekt 'Eastern Europe Outside/In entstanden.