Gesellschaft

Geht doch wieder nach Hause

Article published on 3. Juli 2007
Article published on 3. Juli 2007
Im Mai 2007 wurde das französische Ministerium für Immigration und nationale Identität gegründet. Dieser Tage überlegt die Institution die neu ankommenden Immigranten zu bezahlen, damit sie in ihre Heimat zurückkehren. Multikultitraum ade?

Dem letzten EU-Bericht über Migration und Asyl in Europa (2003) zufolge haben 11,75 Prozent der Immigationsbevölkerung der Welt – Asylsuchende, Flüchtlinge und alle, die ein besseres Leben anstreben – an Europas Türen geklopft. Erst kürzlich wurde die Verantwortung für Immigrationsgesetze von den Mitgliedsstaaten auf die Europäischen Institutionen übertragen. Nun stellt sich der EU unweigerlich die Frage, wie sie dazu beitragen kann, dass sich die 25 Millionen Nicht-EU-Bürger innerhalb der EU heimisch fühlen.

Paradebeispiel Großbritannien?

Aufgrund ihrer großen und stets anwachsenden Immigrationsbevölkerung müssen sich Länder wie Belgien, Deutschland, Italien, die Niederlande, Spanien und Österreich immer häufiger mit Integrationsproblemen und interkulturellen Spannungen auseinandersetzen. Besonders seit den Terrorattacken im Jahr 2005 hat sich die Immigration in Großbritannien zu einer Bedrohung für die innere Sicherheit und politische Stabilität entwickelt. Die Bombenattentate vom 7. Juli zeigten, dass selbst in einem Land, das stolz auf Integrationserfolge verweisen kann, 25 Prozent der eingewanderten Muslime die Anschlagmotive für gerechtfertigt halten.

Vor unlanger Zeit galt das britische Immigrationsmodell noch als Paradebeispiel. Die Bemühungen, Ausländer gezielt zu integrieren, waren aus dem Zielgedanken hervorgegangen, das Land in ein multikulturelles Mosaik zu verwandeln. Kulturelle sowie religiöse Gruppierungen dürfen ihre Traditionen beibehalten und zugleich am bürgerlichen, sozialen und wirtschaftlichen Leben ihres Gastgeberlandes teilnehmen. Die kulturelle Anpassung bleibt jedoch eine freiwillige Entscheidung.

Trotz seiner Stärken ist das Britische Modell bei weitem keine Musteranleitung für die multikulturelle Integration. Kritiker, wie der Britische Journalist Martin Wolf, betonen, dass Multikulturalismus gefährlich ist, "weil er eine bestehende politische Gemeinschaft zerstört". Nach Wolf "ist der Multikulturalismus erniedrigend, da er das Prinzip der Staatsbürgerschaft abwertet." Weder werde das Gemeinschaftsgefühl ausreichend bestärkt, noch die gemeinsame nationale Identität gepflegt.

Immigration à la française

Mit 7 Millionen Menschen außereuropäischer Herkunft (davon 5 Millionen muslimischer Abstammung), ist die nationale Identität zum Herzstück des französischen Modells für die landesweite Integration geworden. Anders als in Großbritannien wird von den Einwanderern in Frankreich erwartet, dass sie ihre kulturellen Überzeugungen den Grundwerten der Sechsten Republik anpassen: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit.

Dennoch sind die Einwanderer selten bereit auf persönliche, religiöse und kulturelle Wertvorstellungen zu verzichten. Dies machte die hitzige Kopftuch-Debatte im Februar 2004 mehr als deutlich. Auch eine solide Ausbildung und gute Französischkenntnisse können das Risiko der gesellschaftlichen oder beruflichen Ausgrenzung kaum entschärfen. Aufstände und Proteste gegen soziale Ungleichheit brechen in Frankreich häufig in den ärmeren Stadtausläufern der französischen Großstädte aus, die vor allem von Immigranten und nachfolgenden Generationen bewohnt werden. Als Hauptursache für die Aufstandswelle in Frankreich (im Herbst 2005) wurden von allen wichtigen Berichterstattern die entwürdigenden sozialen und wirtschaftlichen Lebensbedingungen der ausländischen Bevölkerung in den Armutsvierteln genannt. Außerdem wird die Rassendiskriminierung in Frankreich unzureichend dokumentiert.

Europa braucht Immigranten!

Es wäre ein Widerspruch die Immigration und den daraus resultierenden Multikulturalismus als Bedrohung anzusehen. Europas stagnierende Geburtenrate macht den Zustrom von Einwanderern zum Ausgleich erforderlich: die Immigranten sind für eine stabile Wirtschaftslage und die Erhaltung des Rentensystems notwendig! Eine Studie der Vereinten Nationen aus dem Jahr 2000 zeigt deutlich, dass es in Europa an Arbeitskräften mangeln wird, falls sich nicht 35 Millionen arbeitsfähige Immigranten bis zum Jahr 2025 innerhalb der Union etablieren.

Währenddessen wird mit dem Feindbild des Arbeiterimmigranten, der den Europäern die Jobs stielt, der Fremdenhass geschürt. Tatsächlich verrichten aber Ausländer all jene Arbeiten, die von den meisten Europäern abgelehnt werden. Sie gründen zudem Firmen oder öffnen Geschäfte und verleihen der jeweiligen nationalen Wirtschaft somit neuen Elan. Letztlich sollte nicht in Vergessenheit geraten, dass kulturelle Vielfalt die beste Voraussetzung für die wirtschaftliche Kreativität eines Landes darstellt.

Das Dubliner Abkommen hat bereits 1990 die maßgeblichen Prinzipien des Europäischen Plans für eine gemeinsame EU-Flüchtlings- und Asylpolitik festgelegt. Dennoch räumt die Europäische Kommission ein, dass es bei der Datensammlung und der Interpretation von Migrationstrends erhebliche Schwierigkeiten gibt. Zwar hat sie einen allgemeinen Überblick über das Ausmaß der Probleme - immerhin führen alle nationalen Institutionen und Statistikbüros Erhebungen durch. Doch die schwierigste Aufgabe bleibt noch zu bewältigen: eine gemeinsame Verwaltung der verschiedenen Migrationsbestimmungen auf gesamteuropäischer Ebene.