Gesellschaft

Gehirnwäsche in Europas Waschsalons

Artikel veröffentlicht am 9. März 2010
Artikel veröffentlicht am 9. März 2010
Mit myspace, facebook und co hat eine ganze Generation jede Scham fallengelassen und angefangen, ihr Privatleben in Szene zu setzen. Der Trend zur Enthüllung lässt sich aber nicht nur an der digitalen, sondern auch an urbanen Landkarten ablesen.
In den Großstädten Europas finden sich immer mehr Räume, in denen Öffentliches und Privates vermischt wird: Eine Erkundung der Neigung junger Europäer, ihre schmutzige Wäsche öffentlich zu waschen.

Berlin, Prenzlauer Berg: Mangelwirtschaft heißt eines der trendigen Bar-Café-Hybride in Anspielung auf den Wäsche-Mangel in der ehemaligen DDR. "50% Bistro-Bar und 50% Waschsalon", sagt das Schild über der Tür. Die Bar bietet im vorderen Teil kuschelige, rotsamtige Gastronomie-Atmosphäre. Hinten ist ein Raum mit 12 Waschmaschinen angeschlossen. Der Gast kann, während er seine Wäsche wäscht, in Ruhe schaumigen Milchkaffee oder kulinarische Leckereien konsumieren, mit Freunden plaudern, dank W-Lan im Internet surfen oder lesen. Hin und wieder bietet die Mangelwirtschaftsogar kulturelles Rahmenprogramm: Die Örtlichkeit wird auch für Konzerte und Lesungen genutzt.Das Konzept des multifunktionalen, um ein Café erweiterten Waschsalons ist in Berlin schon fast ein Klassiker. Und es hat Schule gemacht: Ähnlich aufgemacht wie die Mangelwirtschaft ist zum Beispiel die Laundrette in Hamburg Altona: Die happy hour heißt hier „Schleudergang“, gerne wird die Location auch für Fußball-live-Übertragungen genutzt.

Die Mangelwirtschaft bietet auch direkt gegenüber eine Ferienwohnung an

Das Cleanicum in Köln ist ein Laden für Sportbekleidung, der im vorderen Teil 20 Waschmaschinen bereitstellt, daneben Sofas, die die ideale Betrachter-Position für die an die Wand gegenüber projizierten Snowboardfilme bieten und auf denen außerdem Kaffee oder Snacks aus dem Barbereich konsumiert werden können. Auch ins Internet kann der Kunde mit dem von zu Hause mitgebrachten Computer über W-Lan natürlich gehen. Oder aber er macht einen kleinen Bummel durch den angeschlossenen Concept-Store für, so das Cleanicum, "Street- und Boardwear".

Schmutzige Wäsche in Kopenhagen und Paris

Das Kopenhagener Laundromat, gleichzeitig stylisches Café, Waschsalon und Buchladen mit über 4000 internationalen Magazinen, ist mit seiner gemütlich-plüschigen Atmosphäre dagegen fast traditionell. Neben dem Klassiker Internet stehen hier auch Brettspiele zum Divertissement des Kunden bereit.

Magazine aus aller Welt

In Paris ist es die Washbar LG, die das Konzept auf die Spitze treibt: Waschmaschinenhersteller LG lässt zukünftige Kunden gratis die Ware testen. Ein House- und Electro-DJ sorgt neben den Retro-Design-Möbeln für das zeitgenössische Ambiente, an der Bar werden Drinks mit Namen wie "lingette" und "savonade" verkauft.Auch hier kann weiter hinten, in einer durch Raumteiler abgetrennten Zone, die "Büro" getauft wurde, im Internet gesurft werden oder aber in der "lounge" ein Film angesehen werden - auf LG Flachbildschirm-Fernsehern, versteht sich! Entspannen oder Shoppen während die Wäsche wäscht: Das Nützliche wird hier mit dem Angenehmen verbunden.

Besonders in gentrifizierten "In-Vierteln" wird man sie finden, die Waschsalon-Bars. Wir jungen, urban kultivierten Europäer sehen gerne gut aus während wir den Haushalt erledigen - und das darf und soll auch ruhig jeder sehen! Das öffentliche zur Schau stellen von Privatangelegenheiten, die Inszenierung des Intimen ist uns von der Handhabe unserer virtuellen sozialen Netzwerke her bekannt. Auf facebook posten wir Fotos, die uns, wie Eltern warnen, potentiell den Job kosten können, und twitter ist geradezu ein Marktplatz der Liebesgeständnisse. Da ist das Hantieren mit dreckigen Höschen in einer hippen Bar natürlich rein nichts dagegen. "Lohnt es sich zu leben, wenn niemand zuschaut?", titelte jüngst ein Journalist in der Montrealer Gazette und brachte damit die Philosophie einer ganzen Generation auf den Punkt.

Kommerzielle Wohnzimmer

Der öffentliche Raum ist vom privaten immer weniger zu unterscheiden, und das eben nicht nur im Cyberspace sondern auch im realen großstädtischen Straßen- und Sozialgefüge. Als "Third Place“ bezeichnete Stadt-Soziologe Ray Oldenburg solche Räume bereits 1990 in seinem Buch The Great Good Place. Er definiert sie als Zufluchtsorte, an denen der Mensch sich dem Einflussbereich von Familie und Firma entziehen kann.

Heute wird das Konzept unter dem Namen "being spaces" wiederaufgelegt: Catering und Entertainment sind nicht die Hauptattraktion, der Raum dient vielmehr dazu, sich wie zu Hause zu fühlen und zu benehmen: Tätigkeiten wie das Lesen eines Buches, das Surfen im Internet, die Tasse Kaffee oder das Essen mit Freunden und Familie, die Erholung auf dem Sofa, und eben auch das Wäschewaschen werden in für alle zugängliche Bars und Cafés verlegt. "Kommerzielle Wohnzimmer" nennt die Londoner Agentur Trendwatchingdiese Art von öffentlichen Privaträumen. Laut Agentur ist seit den Neunzigern ein wichtiges Element hinzugekommen: Das „Branding“. Der Elektronikkonzern LG nutzt seine Pariser „Waschbar“ unverhohlen als Instrument der Image-Pflege, und der Kölner Concept-Store Cleanicum zeigt Wintersportfilme aus Gründen der Absatzsteigerung. Die Bereitstellung der gemütlichen, stilvollen und praktischen Oasen im stressigen Alltag wird erkauft mit Sympathie für den Bereitsteller.

Der Trend der Gemütlichkeit fern unseres eigenen Wohnzimmers ist ein bewusst kreierter, der dennoch etwas über die Gesellschaft aussagt: Der moderne Großstädter scheint den parataktischen Schrägstrich zu lieben. Er will ihn ausstellen! Gerne geht der Künstler/Produktionsassistent/Barmann in das Buchladen/Café, und wenn die Cafe/Bar dann auch noch Konzert/Venue/Waschsalon in einem ist, fühlt er sich mit seiner multiplen, heterogenen und zutiefst toleranten hybrid-Identität erst richtig gut aufgehoben und in seinem Sein angemessen kontextualisiert. Europa ist kein politisches Konstrukt mehr, es ist in tiefschichtigeren Sphären als wir denken mögen Teil unserer Lebensrealität.

In der Gegend? MANGELWIRTSCHAFT: Paul-Robeson-Str. 42, 10439 Berlin

LAUNDRETTE: Ottenser Hauptstraße 56, 22765 Hamburg

CLEANICUM: Brüsseler Straße 74, 50672 Köln

THE LAUNDROMAT CAFE: Elmegade 15, 2200 Kopenhagen

WASHBAR by LG: 65 boulevard de la Villette, Paris

Fotos: ©fast eddie 42/flickr; ©2006-2010 mangelwirtschaft.com; ©The Laundromat Café/ Facebook