Gesellschaft

Geheimtipp Lettland: Deutsche Medizinstudenten gehen nach Riga

Article published on 16. Januar 2012
Article published on 16. Januar 2012
Wer in Deutschland vergeblich auf einen Studienplatz wartet, kann in der lettischen Hauptstadt mit dem Studium beginnen und darauf hoffen, nach dem Physikum zurückzukehren. An der Stradina Universität in Riga kommt fast jeder zweite der 500 ausländischen Medizinstudenten aus Deutschland. Allerdings muss sich der internationale Ärztenachwuchs das Auslandsstudium einiges kosten lassen.

Bereits am frühen Morgen geht es im Foyer der Stradina Universtität in Riga zu wie im Taubenschlag. Einige Studierende sind bereits im weißen Arztkittel zum Seminar unterwegs, während die letzten noch eilig ihre Mäntel an der Garderobe abgeben. Auffällig ist das Sprachgewirr an der medizinischen Fakultät: Hier wird Lettisch gesprochen, dort Schwedisch, andere beraten sich auf Norwegisch oder Englisch. Eine größere Gruppe ereifert sich soeben auf Deutsch, bevor sie den Hörsaal betritt. Einer von ihnen ist Toni aus Halle an der Saale. „Mit einem Notendurchschnitt von 1,6 habe ich zu Hause keinen Studienplatz bekommen“, erzählt er. „Ich will meine Wartezeit nicht mit unnötigen Praktika verbringen, deshalb bin ich nach Lettland gegangen.“

Im zweiten Semester wollen 85 Studierende aus Deutschland, Schweden und Norwegen Ärzte werden. Zuhause haben sie wegen des hohen Numerus Clausus (NC), der bei 1,3 liegt, keinen Studienplatz erhalten. An der Stradina Universität in Riga wurden sie ohne bürokratische Hürden für den englischsprachigen Medizin-Studiengang aufgenommen. Die meisten allerdings gehen nach dem Physikum wieder zurück nach Deutschland. Grund sind die hohen Gebühren. Zwar verlangen auch viele deutsche Unis bis zu 500 Euro pro Semester, einzelne Bundesländer haben die Studiengebühren aber wieder abgeschafft. In Lettland dagegen kostet ein Medizinstudium 7.000 Euro im ersten Studienjahr und wird anschließend teurer.

Einmal Medizin-Highway Rumänien Frankreich und zurück

Wer Ausbildungsförderung erhält, hat Glück, denn die Kosten werden vom Auslandsbafög nahezu gedeckt. Andere, wie Johanna aus Schleswig Holstein, werden von den Eltern unterstützt. „Ich bin so dankbar, dass ich die Möglichkeit habe, hier zu studieren. Und ich bleibe auch hier, wenn ich nach dem Physikum im vierten Semester zu Hause noch immer keinen Platz bekomme.“

Lukratives Geschäft für Lettland

Liga Aberberga ist Professorin an der medizinischen Fakultät in Riga. Seit Lettlands Unabhängigkeit vor 21 Jahren hat sie am Aufbau des englischsprachigen Studiengangs mitgewirkt und bereits viele hundert Ärzte ausgebildet. Die Uni hoffte auf ein lukratives Geschäft: „Früher hatten wir Studenten aus Sri Lanka, Pakistan und Israel, plötzlich haben wir Deutsche. In der ersten Gruppe waren drei Studierende, im nächsten Jahr waren es doppelt so viele und heute gibt es sogar rein deutsche Gruppen.“

Mehr als 500 angehende Mediziner aus dem Ausland werden an der Stradina Universität in Riga derzeit ausgebildet, allein 206 kommen aus Deutschland. Für die Dekanin Smuidra Zermanos ist das ein großer Erfolg. Seit Jahren wirbt sie auf Bildungsmessen für das lettische Medizinstudium. Heute kann die Hochschule von den Studiengebühren ihr gesamtes Lehrpersonal finanzieren. „Wir spüren einen großen Wettbewerb“, sagt sie. „Allein in Osteuropa werden jährlich zwanzig neue Medizinstudiengänge aufgemacht. In Lettland hat keine Uni so viele Studierende aus dem Ausland wie wir.“ Außerdem hilft der Studiengang mit, die Bologna-Reform zu erfüllen. Denn bis zum Jahr 2015 sollte jeder zehnte Hochschüler in den Ländern der Europäischen Union ein Ausländer sein.

Julia Schümann ist eine der ersten Deutschen, die nach dem Physikum in Lettland geblieben sind und einen Studienplatz in Deutschland ausgeschlagen haben. Sie setzt auf das lettische Studieren in der Zweiergruppe, was ein intensives Lernen ermöglicht. „Das ist beinahe Privatunterricht. Mal werde ich in den OP mitgenommen, mal darf ich assistieren oder mir sehr schwierige Fälle anschauen“, sagt sie und betont: „In Deutschland wäre das unmöglich.“

Die Autorin dieses Artikels, Birgit Johannsmeier, ist Mitglied des Korrespondenten-Netzwerks für Osteuropa n-ost.

Illustrationen: Homepage (cc)chantel beam photography/flickr; Im Text: (cc)ahd photography/flickr