Gesellschaft

Gediminias Urbonas: „Die meisten von uns waren Kommunisten, um Litauen zu helfen“

Artikel veröffentlicht am 10. Juni 2007
Artikel veröffentlicht am 10. Juni 2007
Der 40-jährige Bildhauer und ehemalige Sowjet-Soldat aus Litauen will dem Westen mit seinen Skulpturen einen Denkanstoß geben und die zunehmende Privatisierung in seinem Land bekämpfen.

Gediminas Urbonas sitzt in einem Café-Bookshop in Vilnius, nicht weit vom litauischen Parlament entfernt. Er ist in seinen Papierkram vertieft und seine unauffällige Kleidung erinnert an die Tarnkleidung eines Soldaten. Der Absolvent der Kunstakademie Vilnius konnte erst 1994, zehn Jahre nach Studienbeginn, seinen Abschluss machen. Während seiner Studienzeit war Urbonas zum Militär einberufen worden.

Mit der Unabhängigkeit Litauens von der Sowjetunion im Jahr 1991 und dem damit einhergehenden gesellschaftlichen Wandel, etablierte sich Urbonas als der führende Bildhauer seines Landes. Nach seiner Rückkehr baute der ehemalige Soldat ein weltweites Künstlernetzwerk auf. Kurz nach dem Fall der Mauer begann er an der Seite seiner Frau Nomeda den Wandel der litauischen Gesellschaft nach dem Zusammenbruch der UdSSR in seinen Werken zu verarbeiten. Seit über einem Jahrzehnt lebt Urbonas in der litauischen Hauptstadt Vilnius. Seine eklektischen Werke zeitgenössischer Kunst werden in ganz Europa ausgestellt und erfreuen sich internationaler Anerkennung.

Künstler an der Front

"Mein Bewusstsein als Bürger und Künstler hat immer mit den politischen Umwälzungen übereingestimmt", erklärt Urbonas, während er seinen Papierkram auf die abgewetzte Lederjacke neben ihm schiebt. "Meine Kunst ist unabdingbar mit politischen Inhalten verknüpft", setzt er fort. "Die Perestroika (ein von Gorbatschow eingeleiteter Prozess zur Umgestaltung des russischen Wirtschaftssystems) frustrierte die Behörden. Bis zur Unabhängigkeit der Republik 1991 fürchtete sich jeder Bürger davor, in die Fänge des KGB zu geraten (Sowjetischer Geheimdienst von 1954 bis 1991)."

"Währenddessen rief ich Kunstorganisationen und andere öffentliche Plattformen ins Leben - das war unter dem damaligen Regime problemlos möglich!" Mit erhobener Stimme setzt Urbonas fort: "Niemand konnte zu diesem Zeitpunkt ahnen, dass das "System" eigentlich schon sehr instabil war. Tatsächlich gibt es heutzutage mehr Einschränkungen und Hindernisse für die Errichtung künstlerischer Plattformen."

Harte und sanfte Kunstformen

Urbonas musste weiterhin sehr schnell feststellen, dass seine "Hardware-Kunst", ein Konzept, in dessen Rahmen er mit Gebäuden arbeitet, um gegen Litauens mehr und mehr privatisierte wirtschaftliche Entwicklung vorzugehen, nicht unbedingt auf Gegenliebe bei Behörden und Wirtschaftsgrößen stieß. "Sie haben sich kaum für die "Inhalte" der Neubauten interessiert", wendet der Künstler ein. Im Frühjahr 2005 lehnte die Stadtverwaltung von Vilnius endgültig die Einrichtung eines Kunstraumes, des so genannten "Pro-test Labs" ab.

Die gleichnamige Aktion fand in einem privatisierten Kino namens Lietuva statt. Urbonas nutzte das "Pro-test Lab" als öffentliches Forum und ermutigte 7000 Bürger, eine Petition zum Erhalt des letzten Independent-Kinos zu unterschreiben. "Für mich war es die beste Möglichkeit, die Interessen der Kinoliebhaber von Vilnius zu vertreten. Die Verwaltung nahm die Leute jedoch nicht ernst und beschuldigte mich, das öffentliche Interesse nur zu simulieren, um das Gebäude vor dem Abriss zu bewahren." 1995 schuf der Bildhauer noch einen weiteren alternativen Treffpunkt für junge Leute: Geležinis Kablys (Eiserner Haken). Mittlerweile hat sich der litausische Künstler eher auf "Software-Objekte" spezialisiert. "Die Inhalte öffentlicher Räume und die Überschneidung verschiedener Interessen ist letztendlich wichtiger geworden als die Arbeit an den Gebäuden selbst", so Urbonas.

Litauische Tauben

Gediminas Urbonas war nie das zeitgenössische Genie, das sich zu Hause verbarrikadiert und fleißig an Dingen arbeitet, die der Öffentlichkeit nie zugänglich gemacht werden. "Ich bin sehr froh darüber, dass ich mich sowohl in meiner Rolle als Bürger als auch als Bildhauer weiterhin Herausforderungen stellen kann", so der Künstler. "Außerdem habe ich immer im Team gearbeitet." Momentan organisiert das Ehepaar Urbonas in Teamarbeit das International Pigeon Race, in dessen Rahmen weiße Tauben von Venedig nach Rom fliegen sollen. "Wir wollen mit dieser Aktion den Westen sensibilisieren, seine Sichtweise auf den Kommunismus in den postsowjetischen Staaten zu überdenken."

"Wir haben den Kommunismus zu unseren Zwecken verformt, um Macht, Geld und Infrastruktur zu sichern. Die meisten von uns waren Kommunisten, um Litauen zu helfen. Wir sind an die Biennale, die Internationale Kunstausstellung von Venedig, mit der friedlichen Bitte herangetreten, die "Villa Lituania" an seinen eigentlichen Besitzer zurückzugeben (das ehemalige Botschaftsgebäude Litauens in Rom wurde während des Krieges von der Sowjetunion besetzt und befindet sich immer noch in russischer Hand). Außerdem werden wir der Welt verkünden, dass es kein wirklich kommunistisches Gedankengut in Litauen während der sowjetischen Besatzungszeit gegeben hat. Ich zweifle an der inhaltlichen Wichtigkeit dieses Gebäudes: seit 1940 haben dort keine aktiven litauischen Kommunisten mehr gewohnt."

Bereits im Aufbruch begriffen fügt Urbonas hinzu: "Unser Projekt soll die westliche Einstellung gegenüber postsowjetischer Kultur ändern. Die Litauer können Europa insbesondere über ihre Kulturszene erreichen, um zu einer anderen Meinungsbildung hinsichtlich unserer Geschichte beizutragen." Urbonas lädt mich ein, ihn in Rom zu treffen, um dort auf die Ankunft der Tauben zu warten. Ohne die Antwort abzuwarten, verschwindet der Künstler. In den Straßen der Kunst und des Protests.