Gesellschaft

Ganz Europa heiß auf kostenlose Mieträder

Artikel veröffentlicht am 20. November 2008
Artikel veröffentlicht am 20. November 2008
Angestachelt durch seinen Erfolg in Städten wie Paris und Marseille, will der französische Konzern JC Decaux den Leihfahrrad-Markt weiter ausbauen. Es geht um die wachsende Zahl von Verträgen für die Fahrradverleihsysteme in anderen europäischen Städten wie zum Beispiel London, wo bis 2010 6000 Fahrräder verfügbar sein sollen.

Velib, Sevici, bicloo, velov’, cyclocity, bicing - Viele Namen für das gleiche Prinzip: Mieträder, die gegen eine geringe Gebühr an automatischen Verleihstationen überall in der Stadt zugänglich sind. Diese Art von Transport ist in Städten wie Brüssel, Sevilla, Cordoba, Wien, Paris, Barcelona, Stockholm oder Oslo zu einem unübersehbaren Teil der Stadtkultur geworden. Doch hinter den Verleihstationen, die eine billige und einfache Fortbewegung ermöglichen, verstecken sich wirtschaftliche Interessen erheblichen Ausmaßes. Zum Teil führt dies zu handfesten Auseinandersetzungen, die mit juristischen Mitteln ausgefochten werden.

©carlos@ingolube/flickrHinter dem Wort „kostenlos“ verbergen sich häufig ertragreiche Geschäfte. Auf die Herausforderung durch ClearChannel, dem weltweit operierendem Anbieter von Werbeflächen im öffentlichen Raum, hat die französische Firma JC Decaux innovativ reagiert. Die französische Firma bietet die Einrichtung und Unterhaltung eines Fahrradverleihs mit Selbstbedienung an, um im Gegenzug das Recht zur Vermarktung der öffentlichen Werbeflächen zu erhalten. Und dies scheint den Stadtverwaltungen zu gefallen, wie man zum Beispiel in Paris deutlich sehen kann. Die Wochenzeitung Canard enchaîné veröffentlichte im Oktober 2007 die Zahlen die hinter dem 10-jährigen Vertrag zwischen der Stadt Paris und JC Decaux stecken. 20.6000 Fahrräder, 35.000 Stellplätze und 3,4 Millionen Euro Gebühr sind an die Stadt zu zahlen, um sich das Recht zu sichern, die 1628 Werbeflächen der Stadt bis 2017 zu vermarkten.

Juristische Auseinandersetzungen

©stijnh/flickrVon der Begeisterung für Nachhaltigkeit profitierend, hat JC Decaux die öffentliche Hand verführen können und gleichzeitig sich selbst eine wirtschaftliche Zukunft gesichert. Die Verleihstationen in Paris sind nämlich nicht kompatibel mit anderen Systemen. Das heißt, JC Decaux allein kann die bestehenden Stationen in Paris betreiben ebenso wie alle weiteren Stationen, die in den nahen Vororten installiert werden könnten, wenn diese mit dem System der Innenstadt verbunden sein sollten. Entgegen des europäischen Prinzips des freien Wettbewerbs können die umliegenden Kommunen somit nicht wirklich frei zwischen verschiedenen Anbietern wählen, sondern sind auf das bestehende System und den bestehenden Anbieter JC Decaux angewiesen.

ClearChannel hat dem entsprechend eine neue Ausschreibung seitens der Pariser Stadtverwaltung gefordert. Der Conseil d'État ist der Argumentation des Konkurrenten jedoch nicht gefolgt. Am 11. Juli 2008 hat das oberste französische Verwaltungsgericht die Ausweitung des vélib-Systems in einem Umkreis von 1,5 Kilometer über die Stadtgrenzen von Paris hinaus genehmigt. Diese Entscheidung widerruft somit das Urteil des Pariser Verwaltungsgerichts vom 2. Januar 2008.

Die Schwächen des Systems

©malias/flickrWenn das Mietradkonzept auch von Beginn an überzeugt, zeigen sich doch von Zeit zu Zeit seine Schwächen. Die meisten Radfahrer benutzen die gleichen Wege in der gleichen Richtung zur gleichen Zeit mit dem Resultat, dass morgens die Mietstationen in den Außenbezirken leer und in der Innenstadt voll sind. Dann wird es für Nachzügler schwierig, ein Fahrrad auszuleihen beziehungsweise abzustellen. Und abends dann das gleiche Spiel nur umgekehrt. Um diesen Effekt auszugleichen, befördern Angestellte des Betreibers Fahrräder zu unbeliebten Stationen wie zum Beispiel die auf der Anhöhe Fourvière in Lyon. Sonst würden sich alle velov’ (in Lyon) am Fuße des Hügels sammeln, da kaum jemand den Mut hat, die Steigung heraufzustrampeln.

In der französischen Tageszeitung Libération vom 8. Oktober 2007 schlug deshalb ein Forscher am CNRS, Pierre-Yves Geoffard, vor, die Nutzer, die gegen die Strömung fahren, mit einem Bonus zu belohnen. „Ein Fahrrad an einer vollen Station auszuleihen sollte billiger sein als an einer fast leeren. Ein Rad an einer fast vollen Station abzustellen sollte teurer sein als an einer leeren Station.“ Die Radler mit stählernen Waden wären beglückt.