Gesellschaft

Für kreative Unternehmer bedeutet Krise nicht nur Katastrophe

Artikel veröffentlicht am 3. Juli 2013
Artikel veröffentlicht am 3. Juli 2013

Die meisten Europäer um die Zwanzig hangeln sich von Praktikum zu Praktikum, um irgendwann die erste Vollzeitbeschäftigung mit festem Arbeitsvertrag zu ergattern. In Vilnius haben ein paar ihrer Gleichaltrigen genug von solchen Stellen und versuchen, sich als Jungunternehmer zu verwirklichen. Drei außergewöhnliche Lebenswege.

Während ihre gleichaltrigen Kollegen aus Litauen Selbstverwirklichung und Glück im Ausland suchen, sind die Jungunternehmer Gintaras GimžauskasDovilė Rinkūnaitė und Paulius Ambrazevičius der Meinung, dass sie denselben Lebensstil auch in Litauen genießen können. Sie schlossen das Gymnasium in den Jahren 2003 oder 2004 ab - der Anfang ihres Erwachsenendaseins fiel also genau mit dem Beitritt Litauens zur EU zusammen, welcher den jungen Menschen mit einem Schlag neue berufliche Perspektiven eröffnete. Trotzdem, meinen die drei, haben sie immer versucht, ihren Lebensweg auf ungewöhnliche Weise zu meistern. Nach Studium und Traumjobs (würden manche sagen) erhielten alle drei Stellen im PR- oder Marketing-Bereich. Der Büroroutine schnell überdrüssig, entschieden sie sich dennoch, ihr Glück woanders zu suchen. Auch wenn ihre Angehörigen diese Entscheidung exotisch finden, festigt deren Unverständnis laut Dovilé die Entschlossenheit der Jungunternehmer.

Gintaras Gimžauskas: Freelance Journalist und Autor

Gintaras Gimžauskas träumte mehrere Jahre von seinem eigenen Unternehmen, aber die Umstände passten nicht und zu jener Zeit konnte er keine geeigneten Leute für sein Vorhaben finden. Sein Entschluss, seine Vollzeitbeschäftigung im November 2011 an den Nagel zu hängen, war der erste Schritt: seitdem ist er Freelance-Journalist und Autor. „Nach einem ersten Vorgeschmack als Selbstständiger wollte ich mich nicht mehr in das feste Arbeitsschema einer bezahlten Stelle quetschen lassen“. Diese Ausgangslage veranlasste ihn, alte Kontakte wieder aufzunehmen. Darunter auch sein aktueller Geschäftspartner: Die Unterhaltung über ein gemeinsames Unternehmen nahm schnell konkrete Formen an. Jetzt arbeiten drei Leute dort.

He has fluctuated between PR and journalism throughout his career„Manchmal frage ich mich, wie meine Lebensweg verlaufen wäre, wenn ich heute, im Zeitalter von Blogs und sozialen Netzwerken, jung wäre“, meint Gintaras, der in einem Vorort von Ignalina, im östlichen Teil Litauens, aufwuchs. „Damals besaß ich keinen Computer. Ich schrieb meine Artikel von Hand und tippte sie im Redaktionsbüro der lokalen Zeitung ab. Sonst hätte mich wohl schon früher dem Journalismus gewidmet.“ Gintaras machte die Erfahrung, dass Karrieremöglichkeiten für Journalisten sehr limitiert sind. Er versuchte sich in PR und stellte fest, dass eine Beziehung zwischen finanzieller und inhaltlicher Unabhängigkeit besteht – er verfasst immer noch Artikel, genießt es jedoch, nicht unter finanziellem Druck arbeiten zu müssen.

‚Ältere Menschen, die sich noch sehr gut an die Sowjet-Zeiten erinnern, können Business nichts Positives abgewinnen‘.

„Ich habe immer geglaubt, dass jedem das zusteht, was er geschaffen oder erreicht hat“, so Gintaras. „Die veränderte Einstellung zum Unternehmertum muss sich ändern - ältere Menschen, die noch stark mit der Sowjet-Zeit verwurzelt sind, können Business nichts Positives abgewinnen. Ich hoffe jedoch, dass meine Artikel über Business dazu beitragn werden, dass sich wenigstens eine Person in diesem Bereich etablieren kann. Ich habe immer an die Prinzipien „Sei der Wandel, den du in der Welt sehen möchtest“ und „Bereue lieber was du getan hast, als das, was du nicht getan hast“.

Dovilė Rinkūnaitė: Dank Catering auf eigenen Beinen

Dovilė Rinkūnaitė, die aus Kaunas, der zweitgrößten Stadt Litauens, stammt, führt ihr Unternehmen, das im Jahr 2011 zu einem der besten Start-Ups Litauens gekürt wurde, mit Begeisterung. Sie fand es wichtig, es in ihrer Heimat zu gründen - ungeachtet der Ignoranz und Intoleranz vieler ihrer Landleute. „Wie wir unser Leben gestalten, liegt in unseren Händen. Ich verstehe nicht, warum wir ins Ausland flüchten müssen, um etwas zu suchen“. Dovilé war während ihrer Schulzeit vor allem an Philosophie und Ökologie interessiert. „Wir gründeten das Unternehmen zusammen mit Freunden aus der Gymnasialzeit. Dank von immer mehr Leuten, die sich für Essen und Catering interessieren und ihrem Job leidenschaftlich nachgehen, nimmt unsere Gruppe an Bedeutung zu. Unser Erfolgsgeheimnis liegt darin, dass ich einige echte Fachleute ausgewählt habe.“ Das Credo von Dovilé ist, ein anderes Bild der litauischen Küche zu vermitteln: weg von fettigen Kartoffeln hin zu etwas „Interessantem, Leichtem und Elegantem“.

Allen, die mit dem Gedanken spielen, den Weg eines Unternehmers einzuschlagen, sich jedoch noch nicht an einen Versuch heranwagen, empfiehlt Dovilé: „Versucht ein spartanisches Leben zu führen – wie ich es in einem Kloster im Nepal getan habe, wo ich höchstens 1,50€ pro Tag ausgab. Vermeidet alles Überflüssige im Leben, was euch nicht weiter bringt, wie beispielsweise in meinem Fall: in Bars herumhängen, unnötige Dinge einkaufen, unnütze Filme schauen oder Zeit auf Nachrichtenseiten im Internet vergeuden. Und meidet Leute, die euch unterdrücken. Bündele deine Leidenschaften und verfolge ein Ziel. Es lohnt sich jedoch nicht, wenn du nicht bereit bist, deine Persönlichkeit zu ändern; das ist schmerzhaft, macht sich aber bezahlt.“

Paulius Ambrazevičius: Leidenschaftlicher Comedian

„Im Jahr 2008 erzählte mir meine Mutter, dass meine Oma gefragt hatte: ‚Wann wird Paulius endlich eine normale Stelle finden?‘ Ältere Menschen haben Mühe, es zu verstehen, dass man keiner geregelten Arbeit nachgeht oder keinen festen Wohnort hat. Natürlich ist es nicht angenehm, wenn wichtige Projekte, wie Übersetzungen oder Veröffentlichungen der 'Two Pub Quiz' Bücher, nicht als eine normale Arbeit betrachtet werden“, meint Paulius Ambrazevičius, Stand-up Comedian, Übersetzer und Quizmaster, Mitglied des Humoro klubas, der „Gründerväter“ der Stand-up-Comedy von Litauen.

„Ich werde oft gefragt, wie ich es schaffe, mich zu Hause aufs Arbeiten konzentrieren zu können. Fristen inspirieren mich.“ Die neueste Leidenschaft von Paulius ist eine Show zum Thema Basketball, welche im März begann und ihre Tour durch verschiedene Städten Litauens startete. Paulius, der in einem Dorf namens Liepalotai, in Westlitauen aufwuchs, trifft gerne im Ausland lebende Litauer. Ich sitze nie gelangweilt herum – wenn es mir an Arbeit fehlt, werde ich etwas suchen, so war es immer.“ Sein Tipp: „Gibt es etwas, worin du so gut bist, um dir damit deinen Lebensunterhalt zu verdienen? Falls ja, dann spar ein bisschen Geld, den der Anfang ist immer schwierig - und dann fang einfach an.“

Videocredit: (cc) Edgaras Onyxz/YouTube


Übersetzung: Elvira Amstein