Gesellschaft

Frisch geschieden: Europa feiert anstatt zu trauern

Artikel veröffentlicht am 20. Oktober 2011
Artikel veröffentlicht am 20. Oktober 2011
Die Papiere sind unterschrieben, die Ringe abgenommen, die Sektkorken können knallen: Willkommen in der Welt der Scheidungspartys, ein Trend, der aus den USA mittlerweile auch nach Europa geschwappt ist. Ob in Frankreich, Großbritannien oder Deutschland: Das Ende einer Ehe oder Beziehung kann nun genauso gefeiert werden, wie der Anfang.

Es scheint nicht verwunderlich, dass Scheidungspartys ihren Ursprung in den USA haben. Christine Gallagher, Autorin der Bücher The woman’s book of divorce (2001) [auf Deutsch in etwa: Das Scheidungsbuch für Frauen] und The Divorce Party Planner: How to Throw a Divorce Or BreakupParty (2006) [auf Deutsch in etwa: Der Scheidungsparty-Planer: Wie man eine Scheidungs- oder Trennungsparty veranstaltet] beansprucht für sich das Konzept 2003 entworfen zu haben, um „ein Ritual, dass wir Menschen brauchen, um mit schwierigen Übergängen in unserem Leben zurechtzukommen“ bereitzustellen. Gallagher glaubt, „dass Rituale Trost und Gemeinschaft bieten“.

Scheidungsraten in Europa

Und sie scheint in der Tat den Nerv der Zeit getroffen zu haben. Der Nischenmarkt hat den Atlantik überquert und breitet sich in Europa aus. Es gibt nur einige mehr oder weniger bedeutende Unterschiede: Hochzeitstorten mit einem enthaupteten Bräutigam oder Banner, auf denen „frisch geschieden“ steht — und natürlich die Tatsache, dass das Paar ab jetzt kein Paar mehr ist. Ironischerweise kamen Scheidungspartys sehr früh in das Land der „amour“. Frankreich hat schon früh bei dem Trend mitgemacht. Mit dem Unternehmen „The wedding out factory“ wurde schon 2006 ein Scheidungsparty-Unternehmen gegründet. Vielleicht war es aber auch vorauszusehen, denn Gallagher meint, dass wir von den Franzosen lernen könnten, die „super cool mit Herzensangelegenheiten umgehen.“

EU: Bis dass der Tod uns scheidet

Die größten Unternehmen sind aber im Vereinigten Königreich, in Österreich und Deutschland, wo unzählige Firmen die lukrative Marktlücke aufgreifen. Eventhelden.de, eine deutsche Website, die Preise für die Organisation von Veranstaltungen vergleicht, hat einen Anstieg an Personen festgestellt, die Dienstleistungen in Anspruch nehmen, um eine Scheidungs- oder Trennungsparty zu organisieren. Bei der Zunahme der Scheidungszahlen in Deutschland rechnen sie mit einem weiteren Anstieg in den kommenden Jahren. Scheidungsparty-Anbieter sorgen dafür, dass sie ihren Teil vom Kuchen oder besser gesagt Trennungskuchen abbekommen. Deutsche und österreichische Firmen bewerben ihr Unternehmen sogar auf Scheidungsmessen, also speziellen Messen, auf denen man sich sowohl über den Scheidungsprozess informieren kann als auch über Scheidungsanwälte, Sorgerechtsfragen und (natürlich) über Anbieter von Scheidungspartys.

Die israelische Kampagne der Linkspartei Meretz aus dem Jahre 2006, welcher auch den Frieden mit Palästina möchte. Natürlich haben sie die Wahlen verloren.

Scheidung als Wende

Auch wenn die meisten Menschen eher skeptisch sein dürften, haben diese Firmen den frischen Singles einen echten Service zu bieten. Die US-amerikanische Firma „Divorce Party Planner“ meint, dass „die Party für frisch Geschiedene eine großartige Art sein kann, um den Menschen zu danken, die sie während der Strapazen der Trennung unterstützt haben“. Ebenso sagt „Divorce party UK“ ihren Kunden, dass sie „wenn das Scheidungsurteil einmal unterschrieben ist, verdienen, diesen Wendepunkt in ihrem Leben zu feiern“.

Während diese Partys mit der Zeit üblicher und akzeptierter werden, so verschwindet das Tabu einer Scheidung. Trotzdem bleibt der Reiz dieser Partys erstaunlich. Es stellt sich die Frage, wieso man das Ende einer Beziehung und allen Hoffnungen, die damit verbunden waren, feiern sollte. Minnie aus Frankreich erklärt, dass das Überstehen der Qualen einer Trennung oder Scheidung oftmals etwas sei, was es verdiene, gefeiert zu werden. Sie glaubt, dass man sich „nach zwei Jahren voller Rechtsstreitigkeiten oder anderer Schwierigkeiten bereit fühlt, ein ganz neues Leben zu beginnen. Wieso sollte man diesen Meilenstein nicht feiern?“

Serviette als Erinnerungsstück eines Flickr Nutzers

Die Idee zu Scheidungspartys kam ursprünglich von einer Frau. Handelt es sich daher um eine hauptsächlich weibliche Angelegenheit? Immerhin wurde über das Phänomen überwiegend in Frauenzeitschriften berichtet und es fällt auf, dass die Vermarktung von Scheidungspartys vor allem auf Frauen abzielt. Allerdings veranstalteten der White Stripes Sänger Jack White und seine Frau Karen Elson im Juni dieses Jahres eine Party, um ihre Scheidung zu feiern. Sie gaben folgendes bekannt: „Wir bleiben teure und aufrichtige Freunde und Eltern unserer wundervollen Kinder Scarlett und Henry Lee. Wir schätzen uns glücklich über die Zeit, die wir zusammen verbracht haben und wir werden auch weiterhin, unseren Kindern gemeinsam und getrennt beim Aufwachsen zusehen.“ Scheidungs- oder Trennungspartys sind somit nicht auf Frauen beschränkt. Zudem muss es nicht eine Party für nur einen der Partner sein. Eine Scheidungs- oder Trennungsparty gemeinsam zu veranstalten, kann das Ende einer gemeinsamen Ära in einer sehr freundschaftlichen und respektvollen Art und Weise ankündigen, wie es die Absicht von Jack White und Karen Elson war.

Was auch immer die Motivation sein mag, die hinter einer Scheidungsparty steckt, solche Partys sind auf alle Fälle auf dem Vormarsch. Also, denkt das nächste Mal, wenn ihr ein Hochzeitsgeschenk kauft daran, dass ihr vielleicht bald schon das passende Scheidungsgeschenk finden müsst.

Laut der neuesten Eurostat-Studie aus dem Jahr 2011, haben sich die Scheidungsquoten in Europa von 1970 (1,0 auf 1000 Einwohner) bis 2008 (2,0 auf 1000 Einwohner) verdoppelt. 2010 zählten Litauen (3,0) und Belgien (3,0) die höchsten Scheidungsraten; die wenigsten Scheidungen werden in Irland (0,7), Italien (0,9), Slowenien und Griechenland (jeweils 1,2) durchgeführt. 13% der Scheidungen in Europa 2007 betrafen laut der britischen Tageszeitung The Independent multikulturelle Paare.

Illustrationen: Homepage (cc)kk+/flickr/staticphotography.com; Israelische Werbekampagne (cc)Hadar/flickr; Scheidungsparty-Serviette (cc)chiaraogan/flickr/chachiincharge.com/