Gesellschaft

Französische Vorstädte: Einführung für Europäer

Artikel veröffentlicht am 29. März 2011
Artikel veröffentlicht am 29. März 2011
Was versteht man unter "Banlieue"? In Deutschland wird dieser Begriff seit 2005 fälschlicherweise fast ausschließlich mit den Unruhen in den Pariser Vorstädten assoziiert. In Frankreich trifft man auf sehr gegensätzliche Ansichten über die Banlieues, je nachdem ob man den Massenmedien Glauben schenkt oder sich direkt mit den Bewohnern unterhält.
Letztere haben nun ihrerseits Medien ins Leben gerufen, um sich gegen die "Klischeefabriken" der Massenmedien zur Wehr zu setzen. So oder so dient die Banlieue als medialer Schaukasten für den nicht enden wollenden Streit über die kollektive Identität Frankreichs. Ein Thema, das ganz Europa angeht.

"So etwas habe ich noch nie erlebt. Wir wurden Zeugen des Einzugs der Banlieue-Kultur in den politischen Diskurs: Jeder Tiefschlag ist erlaubt." So offenbarte Arlette Chabot, die Moderatorin des Polit-Talks A vous de juger ("Urteilen sie selbst"), den französischen Fernsehzuschauern ihr Bild von der Banlieue, am Tag nach dem heftigen verbalen Schlagabtausch zwischen François Bayrou (Vorsitzender der Zentrumspartei Modem) und Daniel Cohn-Bendit (Europaabgeordneter von Europe Ecologie, den französischen Grünen) in ihrer Sendung.

Vorurteile überwinden

Innerhalb von 15 Jahren ist die französische Banlieue von einem polizeilich-gerichtlichen Niemandsland zu einem Perspektivenmix aus vielseitigen Problemen, wie Geschlechter- oder Solidaritätsfragen übergegangen"Sie bestätigt einmal mehr das Mehrheitsdenken in Frankreich", analysiert Erwan Ruty, Gründer der Presseagentur Ressources Urbaines und des offiziellen Vorstadtmagazins Presse et Cité. So setzt sich der generelle Eindruck von der Banlieue als einer rechtsfreien Zone, wo es von bis zu den Zähnen bewaffneten Drogendealern, polygamen Immigrantenfamilien und Jugendlichen ohne Ausbildung wimmelt, in den Köpfen fest: Die Banlieue als Ort ohne Zukunft.

Wir befinden uns im Comptoir Général, einem Veranstaltungsort in einem bourgeoisen Viertel von Paris, der solidarische und umweltfreundliche Initiativen empfängt. Die Teilnehmer der von Respect Mag organisierten Podiumsdiskussion zum Thema "Die Banlieue-Kultur in den Medien, eine Klischeefabrik?" versuchen, die sozialen Prozesse und medialen Klischees zu entlarven, die zu dieser Denkweise in Frankreich führen. Und fragen sich, wie diese überwunden werden kann. Für die Europäer stellt diese Debatte von vornherein ein großes Rätsel dar. Über die Banlieue reden heißt über Frankreich reden: "Reihenweise Wolkenkratzer zu errichten, in denen sich alle denkbaren sozialen Probleme konzentrieren, von isoliert in Armut lebenden Frauen über Immigrationsprobleme bis hin zu Jugendarbeitslosigkeit, das ist eine französische Besonderheit, die in anderen europäischen Ländern Kopfschütteln auslösen mag," bestätigt Jean Hurstel, Gründer und Vorsitzender der Organisation Banlieues d'Europe, die sich der Förderung soziokultureller Initiativen in den Europäischen Vorstädten verschrieben hat.

Die zwei Gesichter der Banlieue

Man beginnt im Laufe der Diskussion zu verstehen, dass hier zwei grundsätzlich verschiedene Vorstellungen von der "Banlieue-Kultur" aufeinandertreffen, ohne füreinander Verständnis aufbringen zu können. Die Vorstellung von Arlette Chabot sei typisch für die Massenmedien, deren "Redaktionen völlig von der Realität in den Vorstädten abgeschnitten sind. In der Welt der Medien herrscht diesbezüglich eine hohe Homogenität", wie Marc Cheb Sun, Redaktionsleiter von Respect Mag, konstatiert.

Ein Film, der humorvoll festgefahrene Klischees in den Banlieues auf den Kopf stelltDie mediale Berichterstattung über die Vorstädte lässt sich in "zwei Klischees" zusammenfassen: "Auf der einen Seite die von Gewalt und Verbrechen bestimmte Banlieue. Auf der anderen Seite die Journalisten, die angeblich ein wahnsinnig positives Bild liefern wollen", resümiert der Schriftsteller Mabrouk Rachedi, der sich unermüdlich dagegen wehrt, als "Schriftsteller aus der Banlieue" abgestempelt zu werden. Ein Etikett, von dem er sich in Frankreich selbst jedoch kaum befreien kann... ganz im Gegensatz zu seiner Rezeption im Ausland. Es scheint so, als schlummere hinter dem "Problem der Banlieues" ein allgemeines nationales Unwohlsein: "Warum assoziiert man die Banlieue immer mit dem Fremden? Das hat mit einem kollektiven Identitätsproblem Frankreichs zu tun", analysiert François Durpaire, Historiker und Gründer der Bürgerbewegung pluricitoyen. Der Geschichtsprofessor setzt sich dafür ein, die Rassismuskomponente im Diskurs über die Diskriminierung der Banlieues stärker zu berücksichtigen, um endlich mit den Tabus der angeblichen republikanischen Gleichheit aufzuräumen. Aber nicht irgendwie, denn "man gehört einer Rasse nicht von Geburt an, sondern wird ihr durch soziale Prozesse zugeordnet." Es genüge daher nicht, einige Schwarze und Araber im Fernsehen unterzubringen, um so die Problematik der "unsichtbaren Minderheiten" zu lösen: "Entscheidend ist nicht die Person, die den Text vom Teleprompter abliest, sondern diejenige, die ihn schreibt", betont Durpaire.

Eine andere Berichterstattung über die Banlieues

Vielleicht beginnen die Europäer von diesem Moment an ein wenig von jener seltsam anmutenden Debatte zu verstehen, die eng mit der auf Paris fixierten Denkweise Frankreichs verbunden ist. Eine Denkweise, in der die Seit 2 Jahren bereits existiert die von der Ecole Supérieure de Journalisme in Lille und Bondy Blog lancierte Initiative «Nouveaux médias, nouveaux usages » (« Neue Medien, neue Verwendungsformen »), um den Zugang zu den renommierten Eliteschulen zu demokratisierenFranzosen aus der Provinz genauso abschätzig betrachtet werden wie die Einwohner der Banlieues, wie François Durpaire gerne hervorhebt. Denn hinter dem Begriff "Banlieue" verstecken sich sowohl negative Assoziationen wie "städtische Gewalt", "Präkarisierung", "Identitätsfragen" als auch positive wie "kulturelle Kreativität", "assoziative Vielfalt", "Begegnung und Vermischung von Kulturen". Themen also, die ganz Europa zu eigen sind. Daher könnten auch die Berichterstattung und die Literatur über die Banlieues endlich das Dreieck "Immigration-Verbrechen-Sicherheit" hinter sich lassen, um eine größere Vielfalt an Themen zu behandeln, die dem tatsächlichen Leben der Bewohner näherkommen. Diesbezüglich erkennt Erwan Ruty schon erste Fortschritte: "In den letzten 13 Jahren können wir eine Entwicklung weg von den immergleichen Polizei- und Justizgeschichten und hin zu stärker diversifizierten Themen feststellen: Verhältnis von Männern und Frauen, Islam, Gruppenvergewaltigungen, Gewalt gegen Frauen. Das Problem besteht aber weiterhin in der Art, wie diese Themen behandelt werden." Denn die Banlieue, wie sie von ihren Bewohnern im täglichen Leben erfahren wird, entspricht nicht immer dem wohlfeilen Gerede von außen." Die Banlieue ist der Schmelztiegel, in dem Frankreichs Zukunft entsteht", fasst Jean Hurstel zusammen und betont damit auch die Kraft der kulturellen Vermischung, die typisch ist für die Banlieues. Von Bondy Blog in Frankreich bis zu ZaLab TV in Italien und Spanien entstehen jedoch in den betroffenen Vierteln immer mehr Medien, denen es gelingt, die Barriere zwischen öffentlicher Wahrnehmung und alltäglicher Realität zu überwinden, indem sie die tatsächlich Betroffenen "den Text für den Teleprompter selbst schreiben lassen."

Dennoch bleibt das Problem bestehen, dass der Kampf zwischen der "Banlieue der Phantasie" und der "Banlieue des Alltags" sich in der öffentlichen Wahrnehmung meist zu Gunsten der ersteren entscheidet. Insbesondere im Vorfeld wichtiger Wahlen tritt ein ums andere Mal die "Angst vor der Banlieue" zutage, was Erwan Ruty dazu bringt, vor einer "LePenisierung" der Medien (in Anspielung auf den Populismus der ausländerfeindlichen Front National; A.d.R.) zu warnen, von der aus es nicht mehr weit sei zum "Zemmour-Effekt" (der Schriftsteller und Journalist Éric Zemmour hatte im März 2010 durch seine Erklärung, dass Immigranten deswegen schärfer von der Polizei kontrolliert würden als andere Franzosen, weil die meisten Drogendealer Schwarze und Araber seien, eine heftige Debatte ausgelöst).

Auch dieses Phänomen ist kein spezifisch Französisches. In ganz Europa ist der Multikulturalismus auf dem Rückzug, ebenso wie die Akzeptanz für die kulturelle Vielfalt der Vorstädte: "Die Rückschritte und die Abnahme der Toleranz in der Gesellschaft sind offensichtlich. Das gilt für Schweden genau so wie für Ungarn, Österreich oder Frankreich, wo die Popularität ausländerfeindlicher Parteien ebenso auf dem Vormarsch ist wie die gesellschaftliche Ausgrenzung. Man muss sich nur anschauen, wie in Frankreich mitten auf dem Höhepunkt der Wirtschaftskrise aus dem Nichts heraus eine Islam-Debatte angezettelt wurde. Wie sollen die Menschen das verstehen, wenn nicht als zusätzliche Ausgrenzung?"

Illustrationen: Homepage ©Tian; La Haine (cc)paintnothing/flickr ; Prompter (cc)philcampbell/flickr; Video Lascars/Daily Motion