Gesellschaft

Französische Küche: Weltkulturerbe?

Artikel veröffentlicht am 30. April 2008
Artikel veröffentlicht am 30. April 2008
Die französischen Meisterköche würden die französische Küche gern international als Weltkulturerbe anerkennen lassen. Auf dem deutschen Multi-Kulti-Terrain hingegen köchelt diese Idee auf kleinerer Flamme.

Little Istanbul (Foto: Léa Chalmont)

Die Oranienstraße in Kreuzberg, mitten im Little Istanbul Berlins. Mit einem Döner in der Hand erholt man sich hier von einem anstrengenden Arbeitstag oder vom Stadtbummel. Die Küche made in Germany umfasst eine riesige Palette an Gerichten: deutsch oder türkisch, thailändisch oder italienisch, berlinerisch oder münchnerisch. Aber kann man das noch als Kochkunst im Sinne der Franzosen bezeichnen?

Am 23. Februar kündigte Nicolas Sarkozy sein Vorhaben an, die französische Küche zum UNESCO-Weltkulturerbe erklären zu lassen: "Wie jede Kunst sollte die Kochkunst sich eigentlich stetig weiterentwickeln. Daher bin ich eher skeptisch, was den Fortbestand und die Realisierbarkeit eines derartigen Titels angeht." Michael Hoffmann ist gebürtiger Frankfurter, hat einen Michelin-Stern und ist Chefkoch des Berliner Restaurants Margaux. Er nimmt kein Blatt vor den Mund: "Als ich ein Kind war, bestand eine Mahlzeit aus drei Gängen und man konnte sich bei Tisch miteinander unterhalten. Gemeinsame Mahlzeiten tragen erheblich zu einem besseren Verständnis der Menschen untereinander bei. Heute beschränkt sich die Mahlzeit auf einen Gang und wird möglichst schnell erledigt. Wie sollten wir uns also an diesem Wettbewerb um das UNESCO-Weltkulturerbe beteiligen?"

Die Küche: vom Zweckdienlichen zur Kunst

Das deutsche Wort Esskultur wird auf Französisch mit gastronomie wiedergegeben, müsste aber eigentlich mit culture alimentaire übersetzt werden. Diese leichte Sinnverschiebung ist ein anschauliches Beispiel für das unterschiedliche Verhältnis der Deutschen und Franzosen zum Essen. In Deutschland hat man die Ernährung lange Zeit eher als Notwendigkeit denn als ‘Vergnügen‚ betrachtet. Das Wort Gastronomie, elegant auf Französisch ausgesprochen, macht das Kochen definitiv zur Kunst. Was halten nun aber die Deutschen vom ehrgeizigen Plan des französischen Päsidenten?

Auch wenn man sich von den Küchen Michael Hoffmans entfernt, bleibt der Ton der gleiche. Jean Klein, Sprachwissenschaftler und Autor eines deutsch-französischen Kochglossars, in dem die kulturellen Besonderheiten auf beiden Seiten des Rheins beschrieben und verglichen werden, ist über diese Bewerbung ebenfalls verärgert: "Die Bezeichnung 'Meisterwerke des mündlichen und immateriellen Erbes der Menschheit', muss sich auf Traditionen beschränken, die sich aus langjährigen Sitten und Bräuchen ergeben haben. Wo wird die französische Küche in 100 Jahren stehen? Das weiß niemand."

Gemäß der UNESCO-Konvention betrifft das 'immaterielle' Erbe 'gesellschaftliche Praktiken, Rituale und Feste, Wissen und Praktiken im Umgang mit der Natur sowie Fachwissen über traditionelle Handwerkstechniken'. Erfüllt die Gastronomie als lebendige Tradition die Kriterien dieser neuen Klassifizierung? Ja und nein, meint Michael Hoffmann: "Wir müssen aufpassen. Während der Wert eines historischen Denkmals beständig ist, entspricht die Kochkunst vielmehr einem Know-How, das weitergegeben wird."

So viele Esskulturen wie Gegenden

Die französische Küche ist in der ganzen Welt bekannt, aber sollte man das institutionalisieren? Und wird die Tatsache, dass sie als UNESCO-Weltkulturerbe anerkannt ist, irgendetwas an ihrer Bekanntheit ändern? Die Berliner Starköchin und Quotenkönigin Sarah Wiener meint dazu: "Die Initiative, die Gastronomie zum Weltkulturerbe erklären zu lassen, mag sinnvoll sein. Aber inwiefern sollte die französische Kochkunst der Küche anderer Länder überlegen sein?" Als gebürtige Österreicherin kann die Feinschmeckerin nicht umhin zu präzisieren, "dass die französische Küche, ebenso wie die österreichische, so viele unterschiedliche Gegenden umfasst, dass man sie erst einmal definieren müsste, bevor man sie solchermaßen auszeichnet".

Während im deutschen Sprachraum philosophiert wird, protestiert man in Italien. Die Europäische Union erkennt nämlich 166 italienische Spezialitäten an, jedoch nur 156 französische. Monica Tenderini ist die italienische Köchin des Café Marx in Berlin-Kreuzberg. Sie äußert sich verhaltener und begreift nicht ganz den Zweck eines solchen Unternehmens. "Die Küche ist in erster Linie eine Kultur und kein Wettbewerb! Außerdem ist es riskant, zu versuchen, das nicht Materialisierbare, das Ungreifbare zu materialisieren." Vor allem wenn die Gastronomie auch Teile der Geschichte aufwirft.

Für Michael Hoffman hat Deutschland eine gesonderte Rolle, was seine Geschmacks- und Esskultur betrifft: "Der Zweite Weltkrieg hat alles zerstört. Nicht nur unsere Sitten und Gebräuche, sondern auch unsere Esskultur! Die Deutschen kultivieren eine mangelnde kulinarische Sicherheit, die in einem mangelnden Selbstvertrauen begründet liegt. Die deutsche Kultur tritt gegenüber den Kulturen seiner Besatzer in den Hintergrund. Damit der französischen Küche diese Ehre zuteil wird, gilt es also bis 2009 aufzuzeigen, dass die Kochkunst von Generation zu Generation überliefert wird und mit Natur und Geschichte in Wechselwirkung steht. Bis dahin, auf geht’s, ihr Meisterköche und dass 'die schlechte Zeit vergehe, die gute kehre wieder, derweil wir über dem Schinken trinken', wie Rabelais zu sagen pflegte.