Gesellschaft

Frankreichs "Eingliederungs-Siedlungen": ein Hafen der Roma?

Artikel veröffentlicht am 29. Juli 2010
Artikel veröffentlicht am 29. Juli 2010
Vier Jahre nach ihrer Gründung in Frankreich werden die sogenannten „Eingliederungs-Siedlungen“ heute als vorbildliches politisches Projekt dargestellt. Europäische Vereinigungen zum Schutz von Minderheiten sind jedoch skeptisch, was ihren wohltätigen Nutzen angeht – und fahren damit fort, die Sorgen und den Ärger der in Europa am meisten diskriminierten Gemeinschaft öffentlich zu machen.

Ein Zaun, Plattenbauten, Wachmänner und Kies. Das alles in der Gemeinde Aubervilliers, gelegen im Randgebiet des Departements (A.d.R. eine französische Verwaltungseinheit) Seine-Saint-Denis, in der Umgebung von Paris. Angesichts dieses Szenarios hat man umso mehr das Gefühl, dass hier ein Geheimnis gehütet wird. Ein Geheimnis, welches es 13 Familien erlaubt, seit vier Jahren in Drei-Raum-Wohnungen dahinzuvegetieren. Befreit von Wohnwagen und anderen Besitztümern gedeihen die Roma in einer „Eingliederungs-Siedlung“, ein Ort, der von einem Wachhund beschützt wird … Das Ganze finanziert und unterstützt von staatlichen Behörden. Ein gelungenes Integrations-Projekt oder ein politischer Traum?

Betreuung bis zum Erhalt des „magischen Scheins“

Das Problem: nur 13 Familien werden hier aufgenommen … eine Notlösung.

Alles beginnt im Dezember 2007: Als Folge eines Zwischenfalls, der eine bidonville (Blechhütten-Siedlung) in Aubervilliers verwüstet, errichtet die Pariser Präfektur eine „Eingliederungs-Siedlung“. Geleitet von den Vereinen Pactarim 93 und Association Logement Jeune 93 (ALJ, Vereinigung Unterkunft Jugendlicher 93) hat diese Einrichtung zum Ziel, Roma-Familien zu begleiten, besonders bei der Suche nach Jobs. Denn ein fester Arbeitsplatz ist unbedingt nötig, um den magischen Schein zu erhalten: die Aufenthaltserlaubnis. „Beim Bürgermeister und dem Unterpräfekten von Paris war der Wille da, ein Zentrum zu bauen, welches fähig ist, mehrere Roma-Familien in Richtung Legalisierung und Einschulung zu führen“, so Nabil Bendami, Beauftragter für wirtschaftliche Entwicklung innerhalb der Eingliederungs-Siedlungen und Mitglied der ALJ. Weit entfernt von den verwahrlosten bidonvilles, scheint Aubervilliers tatsächlich einen Hafen des Friedens und der Geborgenheit für die sich hier aufhaltenden Roma zu bedeuten.

Eine „Sozialdiagnose“, um die Anfragen zu filtern

Für sie bedeutet das eine Rückkehr in die bidonvilles. Eine riesige Kluft trennt die beiden Szenarien.Und die Roma, die nicht in den Eingliederungs-Siedlungen aufgenommen werden? Für sie bedeutet das eine Rückkehr in die bidonvilles. Die Kluft zwischen den beiden Szenarien ist riesig. Um vom relativen Komfort dieser Roma-Siedlung zu profitieren gilt es allerdings, sich an die von den öffentlichen Ämtern festgelegten sozialen Kriterien anzupassen. Dazu gehören eine obligatorische Einstellungsbestätigung sowie ein obligatorischer Schulbesuch der Kinder. Vereinigungen, mit einem Mandat der Präfektur versehen, müssen diese Punkte berücksichtigen, um die Integrationsfähigkeit einer jeden Familie zu beurteilen. Eine Art „soziale Diagnose“ also, die den Vorteil hat, die zahlreichen Anträge zu filtern. Mit dem Resultat, dass einige Glückliche in den Genuss eines ordentlichen Dachs über dem Kopf kommen – während die „ausgesonderten“ Familien gebeten werden, in ihr Land oder in die sozialschwachen bidonvilles am Pariser Stadtrand zurückzukehren.

„Eingliederungs-Siedlungen“: ein Synonym für „Ghettos“?

Die Einrichtungen, von denen es mittlerweile fünf im Großraum Paris gibt (Montreuil, St. Ouen, Aubervilliers, Bagnolet und St. Denis), mögen kein Allheilmittel sein, aber sie „erlauben es, die Roma auf andere Weise anzuerkennen, als durch die Zerrbilder, die die Gesellschaft vermittelt“, meint Nabil Bendami. Die Klischees: sie sind genau das Problem. Im kollektiven Bewusstsein ist ein Roma ein unzivilisiertes und in die Gesellschaft nicht integrierbares Individuum: „Ein Roma stinkt. Ein Roma kann nicht lesen. Ein Roma klaut.“ Laut Ivan Ivanov, Generaldirektor der europäischen Organisation European Roma Information (ERIO) „kennen die Leute die Roma nicht. Und unglücklicherweise haben sie automatisch Angst vor dem, was sie nicht kennen. Wenn sie sich nicht mit anderen mischen, werden die Roma systematisch diskriminiert werden.“

So viel ist für ihn sicher, die französische Politik liegt mit ihrem Ansatz völlig daneben. Das „Abstellen“ von Familien in vorgebauten Behausungen, abgeschnitten von jeglichem sozialem Leben und beschützt von Wachposten, entspricht in keinster Weise der Devise einer sozialen Durchmischung. Tatsächlich seien „Eingliederungs-Siedlungen“ gleichbedeutend mit „Ghettos“, findet Ivanov: „Diese Sorte von Einrichtungen blüht besonders in Frankreich auf, in der Slowakai und in Tschechien. Die Projekte sind nicht an die Integration der Roma angepasst. Sie schaffen soziale Absonderung. Mit dem Ziel, ein paar Familien in die vorgebauten Siedlungen einzufügen, löst man nicht das Problem. Man entfernt die Personen aus der Gesellschaft indem man versucht, ihnen ein Modell aufzudrängen. Für mich ist es also vor allem eine soziale Herausforderung.“

Die am meisten diskriminierte Gemeinschaft Europas

Ivan Ivanov vom ERIO ist dieser MeinungNach vagen Schätzungen, die ERIO sich beschafft hat, leben heute zwischen 10 und 12 Millionen Roma in Europa. Nach Angaben der Organisation handelt es sich immer noch um die am meisten diskriminierte Gemeinschaft des Kontinents. Schuld sind nach Meinung von Ivan Ivanov die europäischen Staaten. Diese sträuben sich, eine Bevölkerung aufzunehmen, die seit der Erweiterung der Europäischen Union (EU) auf 27 Mitglieder immer weiter wächst. Aufgrund von sozialen Barrieren ist es für eine Einzelperson quasi unmöglich, sich in einem Gastland niederzulassen – was die Mehrheit der Roma dazu zwingt, unablässig von Ort zu Ort zu ziehen.

Regelmäßig weisen europäische Vereinigungen zum Schutz von Minderheiten deswegen darauf hin, dass die Situation der Roma untersucht werden muss. Die Mitgliedstaaten der EU haben das Problem bereits auf zwei europäischen Gipfeltreffen, welche der Integration der Roma gewidmet waren, thematisiert. Ohne zu handeln. Ivan Ivanov: „Es wird immer schlimmer. Im Parlament spricht alle Welt über die Roma. Man zeigt sich aufmerksam. Aber nie werden konkrete Entscheidungen getroffen. Die EU 2020-Strategie muss einen neuen Text beinhalten, der sich speziell mit der Situation der Roma beschäftigt. Ehrlich gesagt, es ist dringend.“

Zwischen politischen Träumereien und harter sozialer Realität befinden sich die Roma in einem konstanten Halb-Schlaf. Und dem Urteil ihrer Stellvertreter nach könnte dieser noch gut zehn Jahre andauern.

Fotos: Artikellogo ©hidden side/flickr; Roma-Siedlung ©“Sunil”/flickr; Roma-Puppen ©—Sam—/flickr; ©Chris Devers/flickr