Gesellschaft

Frankreich diskutiert: Wann ist ein Mann ein Mann?

Artikel veröffentlicht am 19. Februar 2010
Artikel veröffentlicht am 19. Februar 2010
Mit dem Erscheinen der Doku La domination masculine (""Die Herrschaft der Männer) im November 2009 in Frankreich wurde die Diskussion über die Krise der Männlichkeit wieder angefacht. Man ist aber noch weit von nordamerikanischen 'maskulinistischen' Thesen entfernt.

John M’Bumba ist doppelter französischer Boxchampion in der Kategorie unter 91 Kilogramm und hat in der Weltmeisterschaft die Bronzemedaille gewonnen. Ein Muskelprotz, ein harter Mann - der immer mit Frauen trainiert: „Alter und Geschlecht sind egal. Ich trainiere lieber mit Sarah (Weltmeisterin Sarah Ourahmoune, A.d.R.) als mit Typen, die sich groß aufspielen, Sprücheklopfern eben. Es geht mehr um den Charakter als um das Geschlecht.“ Geschlecht und Charakter gehören für diesen Mann nicht zusammen, der eine der männlichsten Sportarten überhaupt ausübt, in der sich Frauen dennoch eine Nische geschaffen haben.

Macho Macho Man Zemmour

Im Gegensatz zu Boxer John verurteilen viele Männer jene Frauen, die alles haben wollen - zum Leidwesen der Männlichkeit. Für den französischen Medienliebling und konservativen Journalisten Eric Zemmour, dessen verbale Entgleisungen die Einschaltquoten der Late Night Unterhaltungssendung On n’est pas couché in die Höhe treiben, tragen viele schwache Männer zum moralischen Verfall bei. Hier ein Auszug aus seinem Buch Le premier sexe ('Das erste Geschlecht'), welches von Patric Jean, dem belgischen Regisseur der Doku La domination masculine, auf seinem Blog zitiert wurde: „Das subtile Gleichgewicht zwischen Männern und Frauen, zwischen dominanter Männlichkeit und einflussreicher Weiblichkeit, wurde durch die Abdankung der weißen Männer des 20. Jahrhunderts zerstört, die ihr patriarchalisches Zepter niedergelegt haben.“ Ist es aufrichtig oder nur provokant, wenn Zemmour weiter behauptet: „Die Prostitution ist ein Mittel, welches die Männer gefunden haben, um ihre Überlegenheit - und auch ihr Begehren - in einer Gesellschaft des Respekts und der Gleichberechtigung zurückzugewinnen.“

France 2-Reportage nach Erscheinen des BuchesFür Thomas Lancelot, den Mitbegründer von Mix-Cité, einem feministischen Verein für die Gleichstellung beider Geschlechter, ist eine Sache klar: Einstellungen wie die von Zemmour werden sich nicht durchsetzen. „Man kann nicht sagen, dass es in Frankreich ein „maskulinistisches“ Denken gäbe wie in den USA oder in Kanada. Es gibt zwar Initiativen wie SOS Papa und die einfach chauvinistische Sichtweise von Eric Zemmour, doch daraus entstehen keine maskulinistischen Thesen“, bestätigt er, um hinzuzufügen: „Man sollte lieber wie Patric Jean in seiner Doku darüber lachen.“

Frankreich nicht wie Quebec und USA

Ein Film von Patric JeanGlück gehabt! Denn wenn man von den maskulinistischen Theorien aus Quebec und den Vereinigten Staaten hört, die in diesem Film beschrieben werden, ist Vorsicht besser als Nachsicht. Verherrlichung des Inzests, Abstreiten von ehelicher Gewalt ... Die Antifeministen haben sich schon etwas einfallen lassen, um die weibliche Machtübernahme ihrer guten alten patriarchalischen Gesellschaft zu verhetzen. Patric Jean beobachtet jedoch das Aufkommen dieser Ideologie in mehreren europäischen Ländern. Laut dem Regisseur handelt es sich dabei um „Vätergruppen“, die den „Alimenteskandal“ als „Vorwand“ nutzen.

Der Leiter von SOS Papa, der bekanntesten Vätergruppe Frankreichs, weist diese Interpretation vollkommen zurück. „Keine andere als die legendäre Feministin Evelyne Sollerot ist Partnerin unserer Organisation“, verteidigt sich Alain Cazenave. Er gibt an, dass seinem Kampf für die Gleichstellung beider Elternteile die gleichen egalitaristischen Motive zugrunde liegen wie den Feministinnen der 1970er Jahre. Und dann noch dieser versteckte Vorwurf: „Es kommt häufig vor, dass eine sexistische Justiz einem Vater sein Kind wegnimmt.“ Thomas Lancelot fügt noch hinzu: „Der Fall von SOS Papa spricht Bände. Hier stehen keine Theorien dahinter, es geht mehr um emotionale Wunden.“

Männliche Gleichberechtigung?

Kultivierte Frauen gehen mir auf die Nerven

Es scheint lange her zu sein, dass Léo Ferré, ein französischer Musiker und Poet, sagte, was er dachte: „les femmes cultivées, ça m’emmerde“ (kultivierte Frauen gehen mir auf die Nerven). Die Debatte über die Krise der Männlichkeit erscheint hin und wieder auf der Bildfläche und ist unweigerlich mit der Normalisierung der kultivierten, sportlichen, aufstrebenden, geschiedenen, ledigen Frau verbunden, die den Männern ebenbürtig ist. Diese Gleichheit kann allerdings wiederum den Männern zugutekommen, was die Aktivisten von Mix-Cité erkannt haben: „Die stereotypen Frauenrollen sind einschränkend, genauso wie die Vorgaben an Männer: Arbeitstier, sexuell leistungsfähig, übermännlich - so wie man sie uns in den Männerzeitschriften verkauft. Das kann natürlich ein Problem für jene darstellen, die sich nicht in der Rolle des Superman wiederfinden“, gibt Thomas Lancelot zu.

Anscheinend gibt es viele Männer, die sich nicht „kastriert“ fühlen, vor allem da die Männer bei Trennungen selten zu bemitleiden sind: „Bei einer Scheidung steigt das Einkommen des Mannes um ein Viertel, während die Frauen in 90% der Fälle verarmen. Sie haben also alles zu verlieren“, erklärt der Aktivist. Sind die Franzosen nun eher Maskulinisten oder Feministen? Ganz sicher sind sie Optimisten.

Fotos: ©Fonzie´s cousin´s/flickr