Gesellschaft

FRANKREICH: DAS GELOBTE LAND der TUNESISCHEn ELITE

Artikel veröffentlicht am 3. Juni 2014
Artikel veröffentlicht am 3. Juni 2014

Die An­zahl an hoch qua­li­fi­zier­ten Men­schen, die Tu­ne­si­en ver­las­sen, ist in den letz­ten Jah­ren immer mehr ge­stie­gen und viele In­ge­nieu­re, Dok­to­ran­den oder Hoch­schul­mit­ar­bei­ter ent­schei­den sich für eine Fort­füh­rung ihrer Kar­rie­re in Frank­reich. Um ihre Be­weg­grün­de zu ver­ste­hen, haben wir ei­ni­ge von ihnen in Paris ge­trof­fen.

Auf der Ter­ras­se eines Cafés in der Nähe des Parc de la Vil­let­te (19. Be­zirk in Paris) spre­che ich mit Amine, einem 30-jäh­ri­gen In­ge­nieur für In­dus­triein­for­ma­tik und Au­to­ma­ti­sie­rung. Amine ist nach 2 Jah­ren Tä­tig­keit für eine nam­haf­te Ge­sell­schaft in Tu­ne­si­en nach Frank­reich ge­kom­men. Sein Job war gut be­zahlt, aber mo­no­ton und mit wenig Ver­ant­wor­tung ver­bun­den: „Man ar­bei­tet wie eine Ma­schi­ne an einem Pro­jekt ohne recht zu wis­sen, was man ei­gent­lich tut. Ich hätte gern einen Über­blick ge­habt und ge­wusst, was auf der nächst hö­he­ren Ebene vor sich geht.“ So kam er auf die Idee, sich bei der fran­zö­si­schen Lie­fer­fir­ma sei­nes tu­ne­si­schen Un­ter­neh­mens zu be­wer­ben. „Was ich ge­sucht habe, habe ich be­kom­men. Ich ar­bei­te wirk­lich als In­ge­nieur und kann mich ent­fal­ten“sagt er.

4 MO­NA­TE IN FRANK­REICH MEHR WERT ALS 24 JAHRE IN TU­NE­SI­EN

Der­ar­ti­ge Ge­füh­le der Sta­gna­ti­on und der feh­len­den Ent­wick­lung sind bei gut aus­ge­bil­de­ten jun­gen Men­schen in Tu­ne­si­en häu­fig, in pri­va­ten wie in staat­li­chen Un­ter­neh­men. Dies be­stä­tigt auch Helmi, 34 Jahre alt, Be­ra­ter im Be­reich IT-Si­cher­heit. Nach 5 Jah­ren bei der Agence Na­tio­na­le de la Sécurité In­for­ma­tique hat er sich für eine Über­sied­lung nach Frank­reich ent­schie­den, denn „junge Men­schen kön­nen sich in der tu­ne­si­schen Ver­wal­tung nicht wei­ter­ent­wi­ckeln und viele Ex­per­ten ‚ster­ben‘ dort in­ner­lich.“ Mhen­ni ist ein jun­ger In­ge­nieur und Fa­mi­li­en­va­ter, der sein Stu­di­en­pro­jekt bin­nen 4 Mo­na­ten in Frank­reich ab­ge­schlos­sen hat und der Mei­nung ist, dass diese Zeit ihm mehr ge­bracht hat, als 24 Jahre in Tu­ne­si­en. Ein Satz, der auf­rüt­telt und das Pro­blem der „Flucht" der tu­ne­si­schen Elite nach Frank­reich ver­deut­licht. Er be­rich­tet, dass er sich in Frank­reich nicht nur tech­nisch ver­bes­sern, son­dern auch in einer herz­li­chen At­mo­sphä­re ar­bei­ten konn­te, in der mensch­li­che Werte hoch ge­ach­tet und die Mit­ar­bei­ter wie Men­schen und nicht wie Ma­schi­nen be­han­delt wer­den. Die tu­ne­si­sche Men­ta­li­tät emp­fin­det er als voll­kom­men an­ders; dort sind die Chefs allzu läs­sig, Rück­sichts­lo­sig­kei­ten All­tag und die Or­ga­ni­sa­ti­on ent­setz­lich schlecht.

Dies alles hat auch Nadia, 28 Jahre alt, be­wo­gen, nach ihrem Ab­schluss am IHEC (In­sti­tut des Hau­tes Etu­des Com­mer­cia­les) in Kar­tha­go ein Mas­ter­stu­di­um in in­ter­na­tio­na­ler Wirt­schaft und Fi­nanz­we­sen an der Uni­ver­si­tät Paris 13 auf­zu­neh­men - in der Hoff­nung, spä­ter in Frank­reich ar­bei­ten zu kön­nen. „Die Er­war­tun­gen der Ge­sell­schaft sind nicht so hoch und der Bür­ger­sinn ist stär­ker aus­ge­prägt als in Tu­ne­si­en“, ver­traut sie uns an.

"IN­TEL­LEK­TU­EL­LE KO­LO­NI­SA­TI­ON"

Für Mona28 Jahre alt, Dok­to­ran­din in Mar­ke­ting und wis­sen­schaft­li­che Mit­ar­bei­te­rin an der Uni­ver­si­tät Pa­ris-Sud, ist die Fa­mi­lie ein Grund: „Ich möch­te mei­nen Kin­dern eine Zu­kunft si­chern und wäre ego­is­tisch, wenn ich sie nicht von den glei­chen be­ruf­li­chen Mög­lich­kei­ten pro­fi­tie­ren ließe"Au­ßer­dem kri­ti­siert auch sie genau wie Mhen­ni den Man­gel an Bür­ger­sinn. „Ich sehe mich nicht mehr in Tu­ne­si­en“, sagt sie trau­rig.

Dass Fran­zö­sisch in Tu­ne­si­en (nach 75 Jah­ren Ko­lo­ni­al­zeit) vor allem im wis­sen­schaft­li­chen Be­reich Un­ter­richts­spra­che ist, leis­tet der Aus­wan­de­rung der Elite Vor­schub. Laut Mehdi, 28 Jahre alt und In­ge­nieur bei einer gro­ßen fran­zö­si­schen Bank, „ist Tu­ne­si­en in in­tel­lek­tu­el­ler Hin­sicht noch immer eine fran­zö­si­sche Ko­lo­nie. Die beim Bac­ca­lauréat am bes­ten ab­schnei­den­den Schü­ler be­su­chen an­schlie­ßend fran­zö­si­sche Eli­te­hoch­schu­len und wer eine Vor­be­rei­tungs­klas­se be­sucht hat, stellt sich den fran­zö­si­schen Aus­wahl­ver­fah­ren.“ Die In­ge­nieu­re, die ihren Ab­schluss in Tu­ne­si­en ma­chen, wer­den, wie er es nennt, von Frank­reich ‚auf­ge­saugt‘, da die Nach­fra­ge dort so stark ist."

Die Ent­schei­dung für eine Rück­kehr fällt schwer, da Frank­reich viel mehr Mög­lich­kei­ten als das Hei­mat­land bie­tet. Heim­weh haben die Aus­ge­wan­der­ten den­noch und ver­su­chen es durch die Grün­dung einer ei­ge­nen Fa­mi­lie zu über­win­den. Mona ge­steht, dass sie aus die­sem Grund ge­hei­ra­tet hat, wäh­rend Amine die Mög­lich­keit der Fa­mi­li­en­zu­sam­men­füh­rung ge­nutzt hat, um seine Frau bei sich zu haben. Helmi kann sich  vor­stel­len, in sein Land zu­rück­zu­keh­ren. Frü­hes­tens je­doch in fünf Jah­ren, da seine Kin­der in Frank­reich zur Schu­le gehen. Amine würde gern heim­keh­ren und sich selbst­stän­dig ma­chen, so­bald er mehr Er­fah­rung hat. Sie alle gaben je­doch auf die Frage „Planst du, eines Tages wie­der in Tu­ne­si­en zu leben?" spon­tan die Ant­wort: Wenn Gott will!"

Die­ser Ar­ti­kel ist Teil einer Son­der­rei­he über Paris, die auf In­itia­ti­ve von Ca­fe­ba­bel in Zu­sam­men­ar­beit mit Se­arch for Com­mon Ground und der An­na-Lindh-Stif­tung im Rah­men des Pro­jekts "Eu­ro­med Re­por­ter" ver­öf­fent­licht wird. Wei­te­re Ar­ti­kel dem­nächst auf der Start­sei­te die­ses Ma­ga­zins.