Gesellschaft

Frankreich: Bitterer Kampf ums Bleiberecht

Artikel veröffentlicht am 5. September 2006
Artikel veröffentlicht am 5. September 2006
Der französische Innenminister Nicolas Sarkozy hat angekündigt, bis Ende des Jahres 25 000 illegale Einwanderer abzuschieben, darunter auch viele Schüler. Ein Lehrerbündnis setzt sich zur Wehr.

„Wenn Sie dieses Dossier so präsentieren, sitzen sie im nächsten Flugzeug nach China“ sagt Christine, eine etwas sturköpfige feministische Lehrerin, und schaut das chinesische Ehepaar dabei über den Rand ihrer Brille an. „Sie wissen nicht, wo Sie arbeiten, Sie sprechen kein Französisch und Sie machen keine Angaben zu Ihren Einkünften – so werden Sie direkt nach China zurückgeschickt. Verstehen Sie?“ Die junge Frau blickt auf, nickt und lächelt. Sie versteht nicht.

Lehrer gegen Innenminister

Christine flitzt schnell ins Nebenzimmer und unterbricht ihre Kollegen. „Sie weiß nicht, in welcher Gefahr sie sich befindet“ platzt es wutentbrannt aus ihr raus. Seit ein paar Monaten hausen die Aktivisten von Réseau Education Sans Frontières „Bildung ohne Grenzen“) in den leeren Büros des Stadtrats. Die Nichtregierungsorganisation, die auf das Kürzel RESF hört, setzt sich für die Rechte ausländischer Schüler in Frankreich ein. Hier, im 13. Arrondissement von Paris, helfen sie Schülern aus der chinesischen Gemeinde dabei, in Frankreich bleiben zu können. Die Lehrer, Meister in der Bewältigung von Bürokratie und Papierkram, helfen den Familien der Schüler dabei, ihre Anträge und Akten zusammen zu stellen – Akten, die sie vor der Abschiebung retten könnten.

Die Gefahr, abgeschoben zu werden, ist für illegale Einwanderer in Frankreich groß. Der Innenminister Nicolas Sarkozy hat angekündigt, die Zahl der Abschiebungen in diesem Jahr auf 25 000 anzuheben. Familien, die die Aufenthaltskriterien nicht erfüllen, wurde eine Gnadenfrist bis zum Ende des Schuljahrs am 4. Juli eingeräumt. Seitdem leben viele Familien mit der Angst, von der Polizei verhaftet zu werden. Es bestand und besteht die Möglichkeit, dass mehrere hundert Kinder abgeschoben werden. Dies hat RESF dazu veranlasst, Demonstrationen zu organisieren und Familien in Sachen Bürokratie zu helfen.

Drohungen übersetzen

His Wang Mu und Chen kamen vor drei Jahren von der Provinz Wenzhou, die südlich von Shanghai liegt, nach Frankreich. Beide arbeiten als Schneider im Pariser Immigranten-Viertel Belleville. Christine kramt lustlos in ihren Papieren: „Ah, das sind Ihre Reisepässe“. Sie betrachtet die gefleckten Photokopien. „Wir brauchen Kopien von jeder Seite, um zu beweisen, dass Sie Frankreich nie verlassen haben“. Die junge Frau nickt und fügt, mit den Händen gestikulierend, hinzu: „Wir haben unsere Pässe nicht mehr – das Baby“. Catherine schaut auf und lächelt abrupt. Den Rest der Geschichte kann sie sich denken: „Ah, das Baby hat die Pässe zerrissen.“ Jean-Jacques, ein Aktivist mit überwucherndem Haarschopf und runder Brille erklärt, dass „viele der neuen Einwanderer unter der Fuchtel eines chinesischen Anführers in sehr kleinen Gemeinschaften leben. Sie sprechen nur sehr selten Französisch.“

„Wir brauchen einen Dolmetscher“ seufzt Catherine und lässt ihre Brille auf den Tisch fallen. Im Raum wird es still und in der unerträglichen Sommerhitze ist das Einzige, was zu hören ist, das langsame Summen eines Ventilators der in der Ecke des Büros steht. Ihre Kollegin Annita, deren Enthusiasmus nicht zu bremsen ist, meint aufmunternd: „Wartet, ich gehe Hun holen“. Sie geht ins Nebenzimmer, wo eine weitere Familie ihre Arbeitsgenehmigung vorbereitet. Die Papiere, offizielle Unterlagen und Photokopien, häufen sich unter dem strengem Blick der Lehrerin Annie auf dem Schreibtisch.

Annita kommt mit Hun zurück, einem zwölfjährigen Jungen in einem roten T-Shirt und einer weißen Schlabberhose. Er kratzt sich am Vorderarm, während Annita ihn an den Schultern hält. „Erkläre ihnen, dass wenn sie diese Akte den Behörden so präsentieren, werden sie sie zurück nach China schicken“, sagt Catherine. Der zwölfjährige dolmetscht mit großer Ruhe und Konzentration. Das Ehepaar nickt und unterhält sich kurz.

Die Mühen mit dem Papierkram, die langweilige Verwaltungsarbeit stehen in Kontrast zum Ernst der Lage. Das Risiko der Abschiebung ist real, trotz der Geduld und Leichtigkeit, die die chinesischen Familien an den Tag legen. Fengxue Cai und Zhiyian Ni, beide Schüler am Lycée Technique du Bois in Paris, wurden bereits von der Polizei verhaftet und stehen jetzt unter Hausarrest. Sie warten darauf, nach Schanghai abgeschoben zu werden. „Ausländer die nach China abgeschoben werden, landen sofort in einem Arbeitslager“ sagt Ricard Moyan von der RESF. Deshalb sei es sehr schwierig, ihren Aufenthaltsort ausfindig zu machen.

Hun wartet noch eine Sekunde, bevor er ins andere Zimmer zurück geht. Dort kramt sich Annie durch die Unterlagen von Huns Tante Da-Xia. Deren Chancen, eine Aufenthaltserlaubnis zu bekommen, sind offenbar besser: Heiratsurkunde, Konto, gültiger Reisepass, Schulunterlagen, Steuererklärungen… Annie ist zuversichtlich.

“Hier gibt es Arbeit“

Da-Xia zeigt uns Fotos ihrer beiden Kinder, Marjorie und Remi. Auf einem blickt Marjorie vor Überraschung auf, ihr Mund ist leicht verschmiert. Remi schaut uns mit einem entschlossenen Blick an, und mit dem Ernst eines kleinen Buddhas. Anders als Hun wurden diese Kinder in Frankreich geboren. Da-Xia erklärt, dass sie aus wirtschaftlichen Gründen nach Frankreich gekommen ist: „In China gibt es kein Geld, hier gibt es Arbeit, all meine Cousinen und meine Familie leben hier.“

Wie ist sie hierher gekommen? Ihr Pass erzählt einen Teil ihrer Geschichte. Sie ist aus China geflohen, tauchte im Libanon unter und in Surinam wieder auf. Und dann? „Dann sind wir gefahren“ erklärt sie. Die Lehrer lachen, aber Di-Xia schüttelt nachdrücklich ihren Kopf – „ja, wir sind gefahren. Es war eine sehr lange Reise und dauerte fast zwei Monate.“ Wir schauen auf Hun und fragen uns, wie er wohl nach Frankreich gekommen ist. „Nahm deine Schwester dieselbe Strecke?“ fragen wir Da-Xia. „Nein, sie ist anders hierher gekommen“ antwortet sie. „Und wie?“ „Anderweitig“, wiederholt sie leise, und wendet ihren Blick ab.

Christine schaut zur Tür hinein, sie arbeitet immer noch an der Akte von Chen und Hsi Wang Mu. „Hun, wie sagt man ‚Gehaltsscheck’ auf Chinesisch? Sie meint, ich würde von ihrer Uniform sprechen.“ Während seine Hände ordentlich auf seinen Knien ruhen, überlegt Hun einen Moment und antwortet nicht. Mit zwölf Jahren ist ein Gehaltsscheck eher fremd.

Gefragt, ob er zurück nach China möchte, antwortet Hun entschlossen: „Ich wollte es mal, aber heute würde ich lieber mit meinen Freunden in Frankreich bleiben.“ Annie schaut auf – „wir sind bald fertig“ sagt sie mit einem Seufzer der Erleichterung. Nebenan gehen Chen und Hsi Wang Mu nach Hause. Sie werden gebeten, nächste Woche mit einem französisch sprechenden Freund zurück zu kommen. Annie listet ein paar weitere Unterlagen auf, die für ihre Akte benötigt werden. Sie lacht – der Tag ist bald zu Ende.

„Hier, wir sind fertig, kommen sie nächste Woche wieder und wir werden ihre Datei den Behörden präsentieren“. Hsi Wang Mu lächelt, dankt und zieht dann noch ein paar weitere Dokumente aus ihrer Tasche. „Und was soll ich damit machen?“

Annie nimmt den Stapel und sieht ihn durch: Ein abgelehnter Antrag für eine Aufenthaltsgenehmigung, eine Aufforderung zur Ausreise, ein Einspruch aus humanitären Gründen, eine erneute Aufforderung zur Ausreise... Annie fällt die Kinnlade herunter. „Warum haben Sie mir das nicht früher gesagt?“ Annie legt die Blätter, die für jede Familie das sichere Aus bedeuten, in den Scanner – wahrscheinlich wollte Hsi Wang Mu sie ihr nicht zeigen. „Sie haben fast keine Chance, eine Aufenthaltsgenehmigung zu bekommen“, schließt Annie. „Aber wir versuchen es trotzdem“.