Gesellschaft

France 24: Konkurrenz für EuroNews

Artikel veröffentlicht am 5. Dezember 2006
Im Magazin veröffentlicht
Artikel veröffentlicht am 5. Dezember 2006
Mit der Einführung des Senders France 24 am 6. Dezember könnten für EuroNews schwierige Zeiten anbrechen.

Ein „französisches CNN“ aufzubauen – davon träumte Jacques Chirac schon lange. Zum Ende seiner zweiten Amtszeit als Premierminister wird das Projekt jetzt realisiert. Mit dem Sender France 24 erhofft sich die Regierung, „Frankreich noch präsenter in der weltweiten Bilderflut vertreten zu können“. Am 6. Dezember startet der Sender zunächst im Internet und wird 36 Stunden später über Kabel und Satellit ausgestrahlt.

Die Vorgeschichte: Mit Unterstützung aus Brüssel wurde 1992 EuroNews gegründet – ein europäischer Nachrichtensender unter der Aufsicht eines Konsortiums, bestehend aus elf öffentlich-rechtlichen Sendern Europas. Im Vergleich zur Gründung von CNN während des ersten Golfkriegs sollte EuroNews aus Europa einen dynamischen Akteur in Sachen Medien machen. England und Deutschland beteiligten sich damals nicht an der Gründung von EuroNews und bauten stattdessen eigene internationale Sender auf – 1992 ging Deutsche-Welle-TV auf Sendung, BBC World folgte 1995.

Heute gibt es rund zwanzig Sender, die etwa über den Konflikt im Irak berichten – darunter auch der Sender Al-Jazeera, der am 15. November mit der internationalen Ausgabe „Al-Jazeera English“ für ein englischsprachiges Publikum auf Sendung ging. In Europa haben sich die Zuschauerzahlen seit dem Beginn des Krieges verdoppelt – in Deutschland sind es sogar 3,5 Mal so viele Zuschauer – während sich die Einschaltquoten in Polen verdreifacht, und in der Schweiz, in Spanien und in Russland verdoppelt haben.

EuroNews: Marktführer in Europa

EuroNews ist derzeit der wichtigste europäische Nachrichtensender: 185 Millionen Haushalte empfangen den Sender. Lange Zeit als Amateursender verspottet und für mäßige Aktualität kritisiert, wurde der Sender 1999 mit Hilfe finanzieller Unterstützung durch den britischen Konzert ITN weitestgehend professionalisiert.

Seit der Umwandlung zum Digitalkanal überzeugt EuroNews mit einer guten Übertragungsqualität seiner Bilder und bietet den Zuschauern eine europäische Perspektive auf die Nachrichten der Welt.

Nach einer Studie des Instituts EMS aus dem Winter 2005 übersteigen die durchschnittlichen Zuschauerzahlen in den fünf europäischen Kernländern (Deutschland, Frankreich, Italien, England und Spanien) bereits die von CNN International. Der mehrsprachige Sender überzeugt mehr und mehr die europäischen Meinungsführer. Zudem expandiert EuroNews bereits in Osteuropa – wo der Sender oft der einzige zu empfangende Sender ist, der auch in deutsch und russisch überträgt.

In England wird der Sender jedoch nur selten eingeschaltet. In Frankreich dagegen nimmt EuroNews nach einer Untersuchung von MédiaCabsatTélévision mit 0.2 Prozent Zuschaueranteil den zweiten Platz hinter dem nationalen Informationskanal LCI (0.8 Prozent) ein. Die Einführung von France 24 könnte nun – trotz konstanter Progression – an den Einschaltquoten von EuroNews kratzen.

Finanzielle Grenzen

Mit einem jährlichen Budget von 30 Millionen Euro „hat EuroNews keine Möglichkeiten, eigene Bilder zu produzieren“, sagte Hervé Bourges, ehemaliger President von France Télévisions und TF1, im Jahr 2004. Zum Vergleich: CNN verfügt über ein Jahresbudget von 1,6 Milliarden Dollar, BBC World über 300 Millionen Euro und DW TV immerhin über 121,5 Millionen Euro.

Daher verwendet der Sender Bilder von nationalen Sendern oder internationalen Agenturen wie Reuters oder APTN. „Es gibt daher keine Debatten und keine Hintergrundsendungen, EuroNews schickt keine Reporter ins Ausland, um über aktuelle Krisen zu berichten, die das Zeitgeschehen der Welt erschüttern. Auch mit brandaktuellen Enthüllungen kann der Sender nicht dienen – die Sensationsnachrichten von EuroNews sind notwendigerweise die aufbereiteten Sensationsnachrichten der anderen Sender“, erklärt Bourges.

Anspruch und Wirklichkeit

France 24 und EuroNews haben den gleichen Aktionär – France Télévisions – der sich die Anteile an France 24 mit dem französischen Privatsender TF1 teilt und mit 22 Prozent an EuroNews beteiligt ist. Frankreich unterstreicht damit seine Position – sowohl als Nation, als auch als Mitgliedsstaat der Europäischen Union.

France 24 soll „einen französischen Blickwinkel im internationalen Geschehen einnehmen“, indem es fast ein Drittel seiner Bilder selbst produziert – so wie CNN oder BBC World – deren Stärke vor allem in der Produktion eigener Beiträge liegt. Auch wenn jeder Kommentar auf die aktuellen Entwicklungen angewiesen ist, eröffnen die Bilder bereits einen Blickwinkel auf das Geschehen. France 24 wird u.a. auch Hintergrundsendungen und Talk-Shows mit bekannten Moderatoren produzieren.

Trotz allem besteht für France 24 die Gefahr – bei einem Jahresetat von 80 Millionen Euro - hinter den eigenen Ansprüchen zurückzubleiben. Ein Jahr nach dem Beginn des Irakkriegs hatte CNN fast 100 Millionen Euro nur für dieses Themas ausgegeben. Wenn France 24 nicht mit ausreichenden finanziellen Mitteln ausgestattet wird, riskiert der Sender, als einer von vielen auf einem bereits übersättigten Markt zu enden. Damit wären 80 Millionen Euro in den Wind geschossen – Geld, das dann besser dafür eingesetzt worden wäre, die französische Nachrichtenagentur AFP zu unterstützen, oder eben – EuroNews.