Gesellschaft

Flüchtlingskrise: Der ewig gestrige Blick auf Deutschland

Artikel veröffentlicht am 3. September 2015
Artikel veröffentlicht am 3. September 2015

[Kommentar] Hört doch einfach mal auf, egal worum es geht, immer nur über Deutschland zu quatschen. Es gibt viel wichtigere Dinge. Europa zum Beispiel. Wo ist Europa in der Flüchtlingskrise?

Ich bin genervt, angewidert sogar. Der bekannte französische Journalist Jean Quatremer hat heute morgen auf Facebook Bilder des ertrunkenen syrischen Jungen Aylan und seiner Familie gepostet. Bei den Kommentaren, die man dort zu lesen bekommt, läuft es einem kalt den Rücken herunter. Benoit Leclef sagt unter dem Foto des toten Dreijährigen zum Beispiel: „Deutschland braucht Arbeitskräfte. Es handelt sich also nicht um eine selbstlosen Empfang." Oder an anderer Stelle George Miller: „Die Deutschen müssen ein schlechtes Gewissen haben oder haben etwas gut zu machen.“ 

Das könnte man jetzt einfach als platte, ewig gestrige Stammtischparolen abtun und sich wichtigeren Dingen zuwenden. Aber Moment mal. Warum eigentlich immer Deutschland? Das Foto des toten syrichen Kindes, das heute Aufmacher so gut wie jeder internationalen Tageszeitung ist und sicher als Sinnbild der Flüchtlingskrise in die Geschichte eingehen wird, stammt vom Strand im türkischen Bodrum, an dem gestern erneut 12 Leichen syrischer Flüchtlinge, darunter mehrere Kinder, angeschwemmt wurden. In Budapest demonstrierten gestern tausende Menschen für eine bessere Willkommenskultur im Land, das in den letzten Monaten einen Stacheldrahtzaun zur serbischen Grenze hin hochgezogen hat, um die Flüchtlingsströme einzudämmen. Und was sagt Ungarns Premier Viktor Orban? Die Flüchtlingskrise sei ein „deutsches Problem“.

In Schweden wird eine App für Flüchtlinge programmiert, damit sie auch in ihrer Muttersprache nach einem Job in Europa suchen können. Die frischgebackene Bürgermeisterin von Barcelona, Ada Calau, schlägt ein gesamteuropäisches Netzwerk so genannter „municipios refugio“ (Flüchtlingskommunen) vor. Das Engagement der Zivilgesellschaft in ganz Europa ist nicht zu bremsen. Die große Abwesende ist die Politik, die es nicht schafft, gemeinsam und in konkreten Maßnahmen gegen diese unmenschlichen Bilder vorzugehen.

„Er hatte einen Namen: Aylan Kurdi. Dringender Handlungsbedarf. Dringende europäische Mobilisierung (Il avait un nom: Aylan Kurdi Urgence d'agir Urgence d'une mobilisation européenne). So klingt der furchtbar dringend wirkende Action-Plan des französischen Premierministers Manuel Valls, reduziert auf 180 Zeiten in einem Tweet. So dringend, dass die Innenminister der EU-Staaten ihr „Notfall“-Meeting in Brüssel allen Ernstes für den 14. September festgesetzt haben. In knapp zwei Wochen. 

„Wenn tote Kinder an Stränden angespült werden, ist es Zeit zu reagieren“, zitiert die englische Tageszeitung The Independent Tim Farron, den Leader der Social Democrats, der mit diesem Satz die Flüchtlingskrise auf eine bloße Kritik an Camerons Einwanderungspolitik reduziert. Auch Madame Merkel hat längst wieder Grenzkontrollen angeordnet, weil Deutschland das Aussetzen der Dublin II Regel allein nicht stemmen kann. 

Kein Land in Europa vermag es, die Flüchtlingskrise allein in den Griff zu bekommen. Auch Deutschland nicht. „Refugees Welcome – woher stammt diese Welle deutscher Brüderlichkeit?“, fragt sich die französische Online-Zeitung Rue89 angesichts eines plötzlich ‚herzlichen‘ Deutschlandbildes, das Wochen vorher noch von rechtsradikalen Antiflüchtlingsprotesten und brennenden Asylunterkünften gezeichnet war. Die Frage ist doch aber viel mehr: Woher stammt eure Besessenheit, ständig nur über Deutschland quatschen zu müssen?“

Der konstante Blick auf Deutschland bringt niemandem etwas. Denn er verrät vor allem eins – die Immobilität und Unsicherheit angesichts der Trägheit im eigenen Lande. Die einzig richtige Antwort auf diese Debatte um das Deutschlandbild hat vielleicht der holländische Cartoonist Ruben L. Oppenheimer in seiner heutigen Zeichnung gegeben: Es ist die Antwort der ewig Gestrigen, die sich lieber in ihrem spekulativen Wortsalat verheddern als gemeinsam zu handeln, damit wir Aylan Kurdi zukünftig nicht leblos sondern spielend an europäischen Stränden sehen können.