Gesellschaft

Flüchtlingshilfe: Integration auf elf Hektar Land

Artikel veröffentlicht am 25. September 2015
Artikel veröffentlicht am 25. September 2015

Piemont in Italien, es ist sechs Uhr morgens. Am Horizont geht die Sonne auf. Sechs Männer sind mit ihrem Fahrrad auf den engen Wegen der Weinberge unterwegs. Sie haben ihr Ziel fast erreicht: Ein elf Hektar großes Anbaugebiet für Wein, Gemüse und Getreide. Sie stammen allesamt aus Afrika. Vor zwei Jahren sind sie nach Europa gekommen. Sie haben in der Landwirtschaft eine Perspektive gefunden.

Es ist der Verein „Crescere insieme“ (Zusammenwachsen), der es den Männern ermöglicht, zu arbeiten. Er hat seinen Sitz in Acqui Terme bei Alessandria und setzt sich für Minderheiten ein: Senioren, Behinderte, Menschen in Problemsituationen, aber auch Flüchtlinge. Das Landwirtschaftprojekt ist Teil der Flüchtlingsförderung des Vereins. Der 42-jährige Davide Colleoni betreut die Initiative: „Seit anderthalb Jahren arbeite ich für den sozialen Verein“, erzählt er, „Vorher habe ich eine ganz andere Arbeit gemacht.“ Vor acht Monaten bekam Colleoni das Angebot, ein Landwirtschaftsprojekt mit Flüchtlingen aufzubauen. „Ich habe Landwirtschaft studiert, aber danach nie etwas in dem Bereich gemacht“, verrät er. Dennoch nahm er die Herausforderung an, holte seine alten Bücher wieder heraus und frischte sein Wissen auf. Das Projekt soll Flüchtlingen bei der Integration helfen, nicht nur um die Sprache zu lernen, sondern auch um Arbeit zu finden.

In Zusammenarbeit mit dem SPRAR, der italienischen Asyl- und Flüchtlingsorganisation, begann das Projekt im Dezember vergangenen Jahres. Colleoni erinnert sich: „SPRAR war sehr daran interessiert und unterstützte uns finanziell.“ Elf Hektar Land stehen dem Verein zur Verfügung. Anwohner haben ihre ungenutzten Felder umsonst freigegeben. „Wir haben mit ihnen gesprochen und das Projekt vorgestellt. Sie waren alle begeistert und meinten, dass sie uns ihre Felder gerne für ein soziales Projekt geben“, erzählt der Projektleiter. Die Felder lagen größtenteils brach. Die Bauern sind mittlerweile zu alt, um sie zu bepflanzen. Die Region leidet unter der Abwanderung der jungen Leute. Niemand übernimmt die Felder der Familie. Die Fläche umfasst fünf Hektar mit Weinstöcken und zwei Hektar, um Gemüse anzubauen. Des Weiteren gibt es Nussbäume und Getreidefelder. „Alles hier ist biologisch angebaut“, betont Colleoni.

Zuerst die Sprache, dann die Arbeit

Die Eigentümer haben ihre Felder kostenlos für etwa zehn Jahre zur Verfügung gestellt. Dennoch fielen zu Beginn des Projekts vor acht Monaten Kosten an. „Der Verein hat natürlich ein bisschen Geld gegeben“, erklärt der ausgebildete Landwirt, „Aber wir haben auch Unterstützung von anderer Seite bekommen.“ Eine Stiftung, der Verband der biologischen Landwirtschaft und eine Bank haben ebenfalls Geld beigesteuert. Zunächst schaffte der Verein die nötigen Werkzeuge und Maschinen an, darunter ein Traktor und ein Mähdrescher. Anschließend suchten sie Flüchtlinge, die gerne in der Landwirtschaft arbeiten. Der Verein kümmert sich um etwa 100 Personen. „Sechs von ihnen waren wirklich interessiert“, sagt Colleoni. Sie hatten in ihrer Heimat bereits mit ihren Eltern auf den Feldern gearbeitet. Sie kommen aus Mali, Gambia, Eritrea, dem Senegal und der Elfenbeinküste. Der Jüngste ist 17 Jahre alt, der Älteste 30.

„Als sie vor zwei Jahren in Italien ankamen, haben sie unsere Sprache noch nicht gesprochen“, blickt Colleoni zurück. Die Männer machten Sprachkurse, denn ihnen wurde klar, dass die Sprache wichtig ist, um Arbeit zu finden. „Am Anfang wollten sie nur so schnell wie möglich arbeiten.“ Colleoni verständigte sich mit ihnen auf Englisch, Französisch oder mit Händen und Füßen. „Jetzt spreche ich nur noch Italienisch mit ihnen“, sagt er stolz, über den schnellen Fortschritt der Jungs. Auch nach acht Monaten gehen sie noch zur Schule, doch zwei haben bereits den Hauptschulabschluss erreicht, sie lernen jetzt für ihre Führerscheinprüfung. Neben der Sprache erhielten die Flüchtlinge auch eine Einführung in die Grundlagen der Landwirtschaft. Universitätsprofessoren hielten insgesamt 320 Stunden Unterricht in biologischer Landwirtschaft ab. Im Winter begann der theoretische Teil, seit Februar arbeiten die Männer auch in den Weinbergen und lernen die praktischen Handgriffe. „Sie haben alles schnell verstanden. Die Jungs sind wirklich begabt“, freut sich Colleoni für seine Schützlinge, „Sie sind genial, ich mag sie.“

Mit Schauspiel zur Integration

Nebenbei haben die sechs zukünftigen Landwirte auch eine Theaterausbildung absolviert. „Das Ziel war, sie in Kontakt mit Menschen aus der Region zu bringen“, erklärt Colleoni. Er fügt hinzu, dass die Männer zunächst eingeschüchtert waren: „Da sie alle dunkelhäutig sind, haben sie immer im Kopf, dass sie schlechter sind, als die Italiener in ihrem Umfeld.“ Der Projektleiter macht ihnen klar, dass sie wegen ihrer Hautfarbe nicht weniger wert sind: „Du bist wie ich, hier gibt es keinen Überlegenen, wir machen ein Projekt gemeinsam“, erklärte Colleoni ihnen immer wieder. Ihre Angst habe die Flüchtlinge daran gehindert, sich in der Gesellschaft zu integrieren. Abhilfe schaffte die Commedia dell’arte, ein Improvisationstheater bei der die Akteure Masken tragen. „Das hat sie offener gemacht“, ist sich Colleoni sicher.

Nach allen anfänglichen Vorbereitungen und Ausbildungen hat nun der normale Arbeitsalltag begonnen. Die Männer arbeiten 30 Stunden pro Woche, also sechs Stunden am Tag. Colleoni erklärt: „Im Sommer beginnen wir früh am Morgen, um sechs Uhr, weil es tagsüber einfach zu heiß wird.“ Mit Mittagspause arbeiten sie also bis zum frühen Nachmittag. „Morgens kommen sie mit dem Fahrrad. Wenn es regnet, hole ich sie ab.“ Zurzeit steht die Traubenlese an, außerdem wird das Gemüse angepflanzt. An manchen Tagen gehen die Flüchtlinge am Abend noch zum Unterricht. Auch am Wochenende ruht die Arbeit nicht. „Wir verkaufen unsere Produkte samstags auf einem lokalen Markt. Wir fangen an, uns eine Kundschaft aufzubauen.“ Auf diese Weise lernen die Männer auch zu verkaufen, Rechnungen zu schreiben und zu wirtschaften. „Es ist aber nicht der Verkauf, der uns interessiert. Wir wollen viel mehr mit den Menschen über das Projekt sprechen“, klärt Colleoni auf. Die Italiener sollen für Migration sensibilisiert werden. Colleoni fügt hinzu: „Die Flüchtlinge sind nicht hier, um uns die Arbeitsplätze wegzunehmen. Die Welt verändert sich gerade und wir müssen das gemeinsam angehen.“

Ein Projekt, das wachsen kann

Bisher ist das Landwirtschaftsprojekt ein voller Erfolg für Colleoni: „Es zeigt, dass sich etwas bewegt. Ungenutzte Flächen bekommen wieder einen Wert und wir tun Gutes für Menschen, die Hilfe brauchen.“ Auch die Dachorganisationen sind zufrieden. Sie sind sich sicher, dass es ein Projekt ist, das wachsen kann und nicht nach einem Jahr beendet ist. Doch „das kommt von allein“, meint Colleoni. Bereits jetzt wollen immer mehr Anwohner ihre Felder für das Projekt zur Verfügung stellen. „Wenn wir irgendwann mehr Geld haben, könnten wir auch Flüchtlinge in Vollzeit beschäftigen“, beschreibt Colleoni seine Visionen, „Aber es sind erst acht Monate vergangen. Wir generieren ein bisschen Geld, aber noch sind wir nicht im Plus.“ Er kann sich ebenfalls vorstellen, dass die Flüchtlinge das Projekt eines Tages eigenständig leiten.

Das Projekt kommt an, auch außerhalb des Piemonts. „Viele Leute kontaktieren uns und fragen, wie wir das gemacht haben.“ Colleoni hält eine solche Idee auch im Ausland für umsetzbar: „Man braucht natürlich ein Startkapital, aber Personen, die es machen wollen, gibt es überall.“ Das Schwierigste sei, den Bürgern das Projekt zu erklären, damit sie den Flüchtlingen offen und ohne Vorurteile begegnen. Doch das italienische Projekt zeigt, dass das nicht unmöglich ist.