Gesellschaft

Flüchtlingscamp: Solidarität und harte Realität in Brüssel

Artikel veröffentlicht am 18. September 2015
Artikel veröffentlicht am 18. September 2015

Zurück im Flüchtlingscamp im Maximilianpark in Brüssel, wo Solidarität und gegenseitige Hilfe ein halbwegs angenehmes Leben ermöglichen.

Es ist 13 Uhr und ein appetitlicher Geruch breitet sich vom Küchenbereich her aus. Reis, Hühnchen, Couscous, Curry, Safran… Eine gewisse orientalische Würze macht sich im Park breit. Ich entscheide mich dazu, mir die Essensausgabe anzusehen. Als ich ankomme, kann ich meinen Augen nicht trauen. Die Menschenmenge ist immens, eine unendliche Schlange bildet sich am Eingang zum Camp. 900 Personen (Schätzung) zu versorgen, verlangt eine gute Organisation. Ich frage mich, wie die Freiwilligen das schaffen, ohne dass Chaos entsteht.

Es geht ganz einfach, wie ich feststelle. Etwa 20 von ihnen halten sich an den Händen und bilden eine Art Gang vor der Essensausgabe. So vermeiden sie, dass zu viele Personen auf einmal kommen. Im Gänsemarsch holt jeder sein Essen ab, alles läuft geordnet ab. Es sieht blöd aus, doch es war wichtig, an den Ablauf zu denken.

Nach dem Essen erwacht das Camp zum Leben. Gegen 15 Uhr sind immer mehr Menschen auf den Wegen unterwegs. An einer Stelle wird ein Fußballspiel organisiert, viele Kinder kommen zu den Spiel- und Schulzelten, und es kommen weitere freiwillige Helfer an.

Plötzlich, ein besonderer Moment. Es ist Musik zu hören und der Funke springt über. Unerwartet und überwältigend. Ein junger Flüchtling hat sich ein Djembé besorgt und beginnt mit seiner Trommel zu improvisieren. Seine Freunde stehen um ihn herum und aus der Menge sind Gesänge zu hören, Jubelschreie und eine Lebensfreude, die all den Horror der letzten Monate vergessen lässt. In diesem Moment finden sie zurück zu ihren Wurzeln, sie sind zuhause. Geschmeidige Hüftbewegungen, die Hände in der Luft, zufriedenes Lächeln und Feuer in den Augen… Sie sind lebendig, jetzt und hier. Was vorher war und danach sein wird, ist unwichtig… In diesem Moment feiern sie das Leben.

Ich schaue mir an, wie es im Frauenbereich läuft, der am Morgen entstanden ist. Ich treffe Julie, eine der vier Mädchen, die den Bereich zusammen aufgebaut haben. Doch niemand ist da. „Ein paar Personen sind gekommen“, erklärt sie mir, „Es war toll. Besonders eine Frau konnte hier sehr gut entspannen. Zum Glück war eine Übersetzerin da, sonst hätte sie sich nie so sehr fallen lassen können. Sie hat ihre Geschichte erzählt und hat sogar angefangen zu weinen. Für sie war es höchste Zeit ihre Sorgen von der Seele zu reden. Ich glaube die Frauen haben kein Problem damit ihre Geschichte zu erzählen, die Sprachbarriere hindert sie lediglich daran.“ Die Mädchen planen zurückzukommen und vielleicht andere Aktivitäten anzubieten. Sie sind zufrieden mit ihrer ersten Kontaktaufnahme.

Als ich ihren Bereich nach hinten verlasse, befinde ich mich auf einem etwas höheren Punkt. Ich bemerke das Panorama, das vor und unter mir liegt. Ich sehe die hunderten Zelte der Flüchtlinge überall verteilt. Im Hintergrund Bürogebäude aus Fenstern und Stahl. Ein unglaublicher Kontrast, der mich schmunzeln lässt, aus Wehrmut.

Herzlichkeit und Realität

Nachdem ich etwas Zeit mit jungen Irakern verbracht habe, mache ich mich auf den Weg in Richtung Ausgang. Ich halte bei einer Gruppe Freiwilliger, die dabei sind etwas zusammenzubauen. „Wir bauen eine Küche“, erklärt mir Daniel, „Die Idee geht von der Gruppe Collectactif aus, die von Anfang an mit anpackt. Morgen wird das ein Essenraum sein. Mit Holz, Paletten und unserer Handarbeit versuchen wir nach und nach nützliche Dinge aufzubauen.“

Die Vorstellungskraft und Kreativität der Freiwilligen erstaunt mich immer wieder. Bevor ich gehe, nehme ich mir einen letzten Moment, um die Atmosphäre wahrzunehmen. Und da wird mir klar: Ich möchte gar nicht gehen. Was hier in diesem Camp passiert ist erstaunlich, es nimmt mich mit und macht mir Lust mitzuhelfen. Es gibt keine offizielle Ordnung, keine Hierarchie (außer einem kleinen Kern an Verantwortlichen und Koordinatoren); trotzdem herrscht hier keine Anarchie. Die Menschen sind offen und kommen einander entgegen, sie sind solidarisch und großzügig. Es herrscht eine entspannte Stimmung, viele sagen, dass sie sich fühlen wie auf einem Festival oder im Urlaub auf einem Campingplatz. Das stimmt, und auch wenn es das Schöne an dieser Bürgerbewegung ausmacht, ist es auch ein zweischneidiges Schwert. Schnell wird der Grund vergessen, warum wir dieses Camp gebraucht haben.

Auch ich hatte es heute Nachmittag kurzzeitig verdrängt, bei dieser mitreißenden Atmosphäre. Darum müssen wir uns ständig wieder vor Augen führen, was hier passiert. Eine Bewegung der Herzlichkeit, selbstlos helfende Freiwillige, die Hoffnung der Flüchtlinge, das alles lässt fast ein idyllisches Bild entstehen. Aber wir sollten nicht vergessen, warum die Menschen heute alle hier sind, weshalb sie geflohen sind, was sie hinter sich gelassen haben. Die meisten beginnen ein neues Leben, ohne ihre Familie. Sie sind in einer unvorteilhafteren Gesellschaft geboren, und sie hatten keine andere Wahl. Nicht zu schweigen von der Gefahr, der sie ausgesetzt waren, um bei uns anzukommen. Der Glanz der Solidarität darf nicht den Horror der Realität verdecken.