Gesellschaft

Flüchtlingscamp: Brüssel hilft an allen Ecken und Enden

Artikel veröffentlicht am 16. September 2015
Artikel veröffentlicht am 16. September 2015

Das Leben im Flüchtlingscamp im Maximilianpark in Brüssel nimmt Formen an. Das Camp, das sich gegenüber der Ausländerbehörde befindet, nimmt eine große Zahl Migranten auf. Viele freiwillige Helfer sind im Einsatz. Cafébabel hat sich vor Ort ein Bild gemacht.

Die Organisation des Camps funktioniert nur dank der Hilfe der Brüsseler Einwohner, das ist mein erster Eindruck. Über die sozialen Netzwerke und Mundpropaganda hat sich ein Elan der Solidarität und Herzlichkeit entwickelt. Es erlaubt den Freiwilligen den Flüchtlingen einen relativen Komfort und eine gute Ankunft nach ihrer langen und anstrengenden Reise zu ermöglichen. Zelte, Kleider, Nahrung, medizinische Hilfe, Unterricht für Kinder und Erwachsene… Sie haben alles Nötige getan, um den Empfang der Flüchtlinge so angenehm wie möglich zu gestalten.

Als ich ankomme, fällt mir die Orientierung schwer. Ich als Brüsselerin fühle mich in meiner eigenen Stadt verloren. Kaum vorzustellen, wie es den Migranten gehen muss. Das Camp ist gleichsam sehr beeindruckend. Es ist immer in Bewegung: manche kochen, andere sortieren Kleider, weiter hinten baut jemand Möbelstücke zusammen, gleichzeitig wird Müll gesammelt. Es gibt immer etwas zu tun. Ich weiß nicht, wo ich meinen Rundgang beginne soll und folge daher unauffällig einem Rentnerpaar, das auf dem Weg in die "Schule" ist. Zum Glück, sonst hätte ich niemals den Weg dorthin gefunden. Das Camp ist viel größer, als ich dachte.

Der Schulbereich steckt voller Leben. Kinder und Freiwillige laufen geschäftig um die verschiedenen Zelte herum. Ein Mädchen malt unter der Aufsicht eines Helfers ein Bild. Andere sortieren das Spielzeug und die Plüschtiere und nehmen gleichzeitig neue Spenden entgegen. Eine Gruppe junger Frauen stellt gerade mehrere Säcke ab: „Wir sind auch alle Mütter und versetzen uns in die Frauen hinein, die hier mit ihren Kindern ankommen“, erklären sie mir, „Es ist ein besonderes Gefühl. Wir können ihnen nicht in ihrer Heimat helfen, also tun wir hier so viel wie möglich für sie.“ Sie packen Tüten mit Bonbons aus. Die Kinder werfen sich glücklich auf sie.

Schnelle spontane Hilfe

Ich erblicke eine Gruppe junger Mädchen und weiß nicht, was sie im Schilde führen. Sie spannen Seile zwischen Bäumen und hängen Laken und Decken auf. „Wir schaffen hier einen abgetrennten Bereich für Frauen“, sagt mir eine von ihnen, „Wir bieten ihnen an, hier einen Moment zu entspannen und mit anderen ins Gespräch zu kommen.“ Die Idee hört sich nett an. Die Laken lassen einen kleinen intimen Bereich entstehen, der es den Frauen erlaubt, einmal durchzuatmen. Ich frage die Mädchen, ob sie Teil einer Organisation sind. „Überhaupt nicht“, antwortet Noémie, die mir als erste antwortet, „Wir haben uns gestern hier getroffen. Ich hatte die Idee im Kopf und die anderen wollten mitmachen. Also haben wir entschieden es so umzusetzen und zu sehen, ob es ankommt.“

Spontane Ideen sind hier normal. Menschen kommen, um Spenden abzugeben und helfen wenig später dort, wo sie gebraucht werden. Oder die Helfer kommen, um eine bestimmte Arbeit zu erledigen und helfen auf einmal an vielen unterschiedlichen Stellen. Viele Freiwillige sagen, dass sie so Teil des Abenteuers wurden. Alle packen da an, wo gerade Not am Mann ist.

Noémies Initiative gefällt mir, dennoch zweifle ich noch leicht, ob sie Erfolg haben wird. Eine Stunde vorher habe ich mit Isabelle gesprochen, sie ist ebenfalls Freiwillige und kümmert sich unter anderem um das „Frauenzelt“. Es ist ein Ort, der nur für sie da ist, um zu beten, sich auszuruhen mit ihrem Baby oder um es zu wickeln. Die Helfer versuchen den Frauen so gut es geht zu helfen. Noch ist der Andrang aber gering. „Es wird langsam mehr werden“, ist Isabelle sich sicher, „Die Frauen beginnen, uns zu vertrauen. Ich glaube das war das größte Problem am Anfang. Sie haben sich abgeschottet und sind in ihren Zelten geblieben. Wir können es natürlich verstehen, das Umfeld ist trotz allem teilweise feindselig. Weniger als in ihrer Heimat, aus der sie geflüchtet sind, aber hier ist es ein wenig wie im Dschungel für sie. Aber so langsam kommen sie uns entgegen, erkennen unsere Gesichter. Es wird besser.“

Es steht als nicht schlecht um den Bereich für Frauen, den Noémie und ihre neuen Kollegen ins Leben gerufen haben - sofern sie sich die Zeit nehmen, Vertrauen zu den Frauen aufzubauen. Isabelles Aussagen machen mich nachdenklich. Sie brechen mit dem Bild des Flüchtlings, der nach Europa kommt, um vom System zu profitieren. Darüber unterhalte ich mich mit Amina, einer weiteren Helferin. Sie stellt ein paar Dinge klar, nachdem sie Kommentare im Internet gelesen hat, die sie sehr wütend machten: „Man muss den Menschen draußen sagen, dass die Leute hier keine Armen sind. Ja gut, sie sind es, wenn sie ankommen, aber die Mehrzahl von ihnen hat eine abgeschlossene Ausbildung. Bei sich hatten sie Arbeit und ein Haus. Aber sie hatten keine Wahl, sie waren gezwungen zu gehen. Also sollten wir aufhören zu sagen, dass sie nur von uns profitieren wollen.“

Diesen Appell äußerte auch Nabil, die beim Französischkurs für Erwachsene hilft. Sie zeigt mir zwei „Schüler“ und erklärt, dass der eine als Anwalt und der andere als Architekt gearbeitet hat. Ihnen fehlt, neben einer Aufenthaltserlaubnis, nur die Sprache, um arbeiten zu können.

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Die Fortsetzung des Rundgangs durch das Brüsseler Camp folgt in wenigen Tagen.