Gesellschaft

Flüchtlingsblockade in Italien: Loser statt Spartiaten 

Artikel veröffentlicht am 27. Oktober 2016
Artikel veröffentlicht am 27. Oktober 2016

[KOMMENTAR] Im kleinen 600-Seelen-Dorf Gorino haben 300 Menschen den Zugang für 20 Migranten zu ihrem Dorf versperrt. Eine Ansammlung moderner Spartiaten, die ihre Ehre zu Hause vergessen und dafür eine Menge Hass im Gepäck hatten. Schande, die gleiche Nationalität zu haben. 

Sie müssen das Gefühl gehabt haben, 300 Spartiaten gegenüber der mächtigen Armee von Xerxes gewesen zu sein. 300 Helden, die in ihren Augen da waren, um die heilige Erde vor 12 Frauen und 8 Kindern zu schützen. Genau diese 20 Personen nämlich hatte der Staatsanwalt des italienischen Städtchens Ferrara nach Gorino geschickt, ein kleines 600-Seelen-Dorf im Nebel der italienischen Region Venetien, nachdem keine andere Struktur sich ihrer annehmen wollte.

Es sind 300 Personen, die nur in ihren eigenen Augen Helden darstellen. Denn eigentlich handelt es sich um eine Handvoll Ignoranten, ohne einen Leonidas, der ihnen zuflüstert, dass man Frauen und Kinder aus diesem Zirkus aus Hass und Feigheit hätte ausschließen können.

Sieht man die Fotos dieser „Möchtegern-Resistenten“ im Nebel von Ferrara, verschlägt es einem schier die Sprache. Sie lachen, sind glücklich in ihren knallig bunten Sweats und Kapuzen, die prekäre Wirtschaftslage nicht noch weiter zu verschlimmern. So sieht man diese Meute nun also froh darüber, die natürliche Ordnung der Dinge wieder hergestellt zu haben. Sie sind stark und stolz, einen Sieg davongetragen zu haben, der eigentlich aber ein Stigma ist, das die italienische Gesellschaft noch jahrelang mit sich herumtragen muss.

Zufrieden waren sie, dass ihre Rufe „Wir wollen die hier nicht“ und „Italiener zuerst“ gehört wurden. Aber die Italiener zuerst vor wem? Es ist schwer zu glauben, dass die ‚Metropole‘ Gorino (von den 600 Anwohnern haben 300 gegen die Ankunft der 20 Flüchtlinge demonstriert und Barrikaden errichtet) Probleme haben soll, 8 Kinder und 12 Frauen zu beherbergen, von denen eine schwanger ist. Auch die fixe Idee, dass nun plötzlich Touristenhorden auf die Idee kommen könnten, im Herbst die schöne Po-Ebene zu besuchen, sind doch ziemlich abwegig.

In Realität liegen die Probleme ganz wo anders: Wir seien es, die es nicht verstanden haben, dass die Freiheit in Italien durch diese „Diktatur des Willkommenheißens“ aktuell in ständiger Gefahr sei – so hat es zumindest die rechte Partei Lega Nord formuliert. Und wir sollen es immer noch sein, die nicht verstanden hätten, dass diese 300 Kämpfer in Moncler-Jacken „neue Helden der Résistance“ seien (immer noch dieser gleichen Quelle zufolge), die Italien vor der Invasion schützten.

In Wahrheit sieht die Lage aber folgendermaßen aus: Nebel und Rassismus ist eine perfekte Mischung, die in den Köpfen der Menschen die Bilder unsere Vorfahren auslöscht, die vor achtzig Jahren auf der anderen Seite des Ozeans ein ganz ähnliches Schicksal erleiden mussten.

Italiener zuerst? Bleibt zu fragen, ob die Lage anders gewesen wäre, wenn es sich um 20 italienische Obdachlose gehandelt hätte. Wahrscheinlich nicht.