Gesellschaft

Flüchtlinge in Griechenland: In der Warteschleife

Artikel veröffentlicht am 19. September 2017
Artikel veröffentlicht am 19. September 2017

Schon eine kleine Geste kann Gold wert sein. Dies gilt auf jeden Fall für das Mobile-Info-Team in Griechenland, zwölf Freiwillige beraten Flüchtlinge in Bezug auf das Asylrecht und seine Verfahren. In einer Verwaltung, die für Betroffene oft ein Alptraum ist, arbeiten diese Helfer unablässlich daran Familien zusammenzubringen. Und das ist nicht immer einfach.

„Stirbt sie?”, fragt Jannika. Es ist einer heißer Nachmittag im griechischen Thessaloniki und in dem kleinen Büro im Zentrum, in dem das Mobile-Info-Team (MIT) täglich zusammen kommt, ist es besonders heiß. Auf die Frage folgt ein entnervtes Lachen der Gruppe. Aber es handelt sich um eines der wichtigsten Kriterien, um zu bestimmen, ob der Fall ernst genug ist, um das Familienzusammenführungsprogramm zu beschleunigen. In Wirklichkeit ist das die traurige Wahrheit: Ein Fall wird meistens nur dann beschleunigt, wenn eines der Familienmitglieder schwer krank ist oder eine medizinische Behandlung benötigt, die es in Griechenland nicht erhalten kann.

MIT ist ein buntgemischtes Team aus 12 Freiwilligen, die Flüchtlingen in Bezug auf Asylrecht und Verfahren beraten. Das Team sitzt in der Mitte des Raumes im Kreis, einige auf Stühlen vom Sperrmüll, einige auf Bänken, die aus wiedergewonnenem Holz gemacht sind. Andere sitzen ganz einfach im Schneidersitz auf dem Boden. Sie befinden sich mitten in einem Workshop und die heutige Diskussion über die Verfahrensbeschleunigung ist nichts Ungewöhnliches.

In der Warteschleife

MIT wurde 2016 gegründet, als Griechenlands Nachbarländer ihre Grenzen schlossen, so die Balkan-Route blockierten und Flüchtlingscamps in der Nähe von Mazedonien eröffneten. Ein Jahr später, im Mai 2017, sind noch immer 62.000 Asylsuchende in Griechenland gestrandet. MIT hilft den Asylsuchenden mehr Autonomie und Kontrolle über das oft verwirrende und unzulässige System zu bekommen.

Im März dieses Jahres hat Deutschlands Innenminister Thomas de Mazière eine Beschränkung der Familienzusammenführungen von Griechenland nach Deutschland gefordert. Vor April führte Deutschland jeden Monat mehr als 300 Menschen zusammen. Aber seit der Beschränkung kamen nur noch um die 100 Menschen aus Griechenland zu ihren Familien. 70 dieser Fälle wurden chronologisch von der Warteliste abgearbeitet, 30 sind aufgrund außergewöhnlicher Umstände beschleunigte Fälle, die oft wegen Krankheiten, fortgeschrittenen Schwangerschaften oder auch allein lebenden Minderjährigen in Griechenland gestattet werden.

Als die Beschränkung eingeführt wurde, startete das MIT eine Kampagne, um auf Ungerechtigkeiten aufmerksam zu machen und das Deutsche Innenministerium unter Druck zu setzten. Es gab zunächst eine Petition, um Unterstützung zu bekommen. Daraufhin begannen die Mitglieder Briefe von betroffenen Flüchtlingen zu sammeln und zu übersetzen. Die Briefe sind wie ein Fenster in die Seele der Asylsuchenden.

„Die Situation ist schrecklich. Meine 16-jährige Tochter in Deutschland geht nicht regelmäßig zur Schule, weil sie traumatisiert ist. Ihre Schwester, 18 Jahre alt, kümmert sich um sie. Jedes Mal, wenn sie die Worte Vater und Mutter hört, weint sie.“ Mahmoud ist seit Februar 2016 mit seiner Ehefrau und vier seiner sechs Kinder in Griechenland. „Wir haben unsere zwei Töchter seit zwei Jahren nichtmehr gesehen und leiden sehr unter der Trennung. Bitte, Minister de Mazière“, fleht er, „heben Sie die aktuellen Beschränkungen auf Familienzusammenführungen nach Deutschland auf. Lassen Sie uns zu unseren Töchtern, damit wir sie unterstützen können, so wie es alle Eltern für ihre Kinder tun möchten. Lassen Sie unsere Kinder in Griechenland mit ihrer Familie in Sicherheit leben.“

Asylsuchende, die bereits von der Flucht erschöpft und von dem Krieg traumatisiert sind, leiden nun durch endlose Wartezeiten in griechischen Flüchtlingscamps. Darüber hinaus sind die Umstände, die für eine Beschläunigung des Verfahrens nötig sind, nicht nächer definiert, sodass die Freiwilligen so viele Informationen wie möglich sammeln müssen, um den deutschen und griechischen Behörden ein schlüssiges Dossier vorzulegen. Und dennoch gibt es keine Garantie, dass der Fall auch angenommen wird.

Oma nach Deutschland bringen

Im Juni wurde das MIT auf einen Fall aufmerkam, in dem der Enkelsohn einer Frau, die alle 'Oma' nannten, bei ihnen anrief. Er sollte im August mit dem Umsiedlungsprogramm nach Norwegen fliegen. Seine Großmutter, um die er sich in Griechenland alleine kümmerte, war aber in dem Familienzusammenführungsprogramm nach Deutschland gebracht worden. Aufgrund der Flugbeschränkungen wussten sie nicht, wann sie fliegen könnte. Der Enkelsohn wollte seine Oma auf keinen Fall alleine lassen, auch wenn das bedeuten würde, illegal in Griechenland zu bleiben.

Obwohl die Gründe für eine eine Beschleunigung wegen ihres Alters und gesundheitlicher Bedenken deutlich waren, gab es keine Garantie für den Transfer. Rosie, zu der Zeit neu im Team, nahm sich des Falls an und kontaktierte verschiedene Personen des MIT. Sie kontaktierte mehrfach das Transferbüro und erklärte dem Enkelsohn, wie er die nötigen medizinischen Dokumente für den Flug besorgen konnte. Sie hielt Oma und ihren Enkelsohn täglich auf dem Laufenden. Am Ende war die Geschichte eine der wenigen, aber ermutigenden Erfolge: Omas Flugzeug nach Deutschland hob im August ab.

Rosie organisierte den Transport von Omas Wohnwagen im Camp bis zum Flughafen. Es war alles zu schön um wahr zu sein, aber das Herz aller stoppte, als der Enkelsohn, der später am gleichen Tag fliegen sollte, seine Großmutter Stunden nachdem ihr Flug gehen sollte am Flughafen entdeckte. Nachdem das Team auf der Website der Fluggesellschaft suchte, erfuhr es, dass es sich nur um eine Verspätung handelte. Oma kam gut in Deutschland an, wo sie noch am gleichen Tag mit ihrer Familie vereint wurde. Unter den ganzen erfolglosen Fällen, die das MIT täglich betreut, ist Omas Geschichte ein ungewöhnlicher Fall eines Happy Endings. 

Catch-22

In Artikel 29 (1) der Dublin-Verordnung heißt es: „Die Überstellung des Antragstellers [...] aus dem ersuchenden Mitgliedsstaat in den zuständigen Mitgliedsstaat erfolgt [...], sobald diese praktisch möglich ist und spätestens innerhalb einer Frist von sechs Monaten nach der Annahme des Aufnahme- oder Wiederaufnahmegesuchs.“ Die Frist wurde gesetzt, um Antragsteller vor einer unbegrentzten Wartezeit zu bewahren. Aber als Deutschland die Beschränkung wahr gemacht hat, wurde die sechsmonatige Frist ohne jegliche Erklärung ungültig. Seit Juni 2017 wurde die Frist für mehr als 300 Fälle verlängert - und die Warteschleife wird immer länger.

Laura, eine weitere MIT-Freiwillige, spricht mit jemandem beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF). Sie hat Probleme mit einem Fall, in dem zwei Großeltern, die beide gesundheitliche Probleme haben, in Griechenland festsitzen. Ihr Sohn Ahmed und seine Familie sollen für eine Familienzusammenführung mit Ahmeds Sohn, der seit mehr als einem Jahr ohne seine Familie lebt, nach Deutschland fliegen. Obwohl ihm zu Beginn etwas anderes gesagt wurde, heißt es nun, dass seine Frau und Kinder zuerst nach Deutschland fliegen müssen und dass die Großeltern erst dann eine Familienzusammenführung basierend auf der Abhängigkeit beantragen können. Nur Ehefrauen, Eltern und Minderjährige sind berechtigt eine Familienzusammenführung zu beantragen, es sei denn es besteht ein Fall von Abhängigkeit. 

Ahmed versucht die Situation seiner Eltern geltend zu machen. Sein Vater kann nicht alleine laufen oder auf die Toilette gehen. Er sitzt im Rollstuhl und benötigt dauernd Unterstützung. Seine Mutter hat Herz-, Blutdruck-, und Blutzuckerprobleme. Sie muss am Rücken operiert werden und kann nichts selbstständig machen. Für Ahmed ist die Pflege seiner Eltern ein Fulltime-Job und jedes der Familienmitglieder ist wichtig für ihr Wohlbefinden. 

Ahmed befindet sich in einer schwierigen Situation. Nach Deutschland zu fliegen würde es ihm erlauben, seinen Sohn wiederzusehen, der ihn braucht. Es könnte außerdem der einzige Weg sein, seine Eltern nach Deutschland zu bringen. Der Flug nach Deutschland bedeutet aber auch, dass seine Familie sich nicht um seine Eltern kümmern kann, während sie in Griechenland warten, gefangen in der Verworrenheit  des Systems. 

Die Dublin-Verordnung besagt, dass eine „zügige Bearbeitung der Anträge für internationalen Schutz“ nötig ist. Außerdem soll „die Achtung des Familienlebens eine vorrangige Erwägung der Mitgliedsstaaten sein“. MIT-Freiwillige müssen den Menschen immer wieder sagen, dass ihr Transfer nach Deutschland zwar akzeptiert wurde und sie tatsächlich nach Deutschland fliegen werden, es aber unmöglich ist zu sagen wann. Die lange Wartezeit und der Mangel an Informationen ist für die getrennten Familien nur schwer auszuhalten.

Ein Funken Hoffnung

Am 27. Juli startete die EU ein neues humanitäres Programm für die 'Integration und Unterbringung von Flüchtlingen in Griechenland'. 209 Millionen Euro sollen an Asylsuchende in Griechenland gehen. 93,5 Millionen davon werden für Mietwohnungen für 30.000 Flüchtlinge ausgegeben werden. 57,6 Millionen sind für eine monatliche Bargeldunterstüzung vorgesehen, die es den Flüchtlingen erlauben soll, „ihren Grundbedarf auf würdige Weise selbst zu decken“. Die übrigen Mittel werden für die weitere Finanzierung bestehender Projekte zur Deckung des dringenden humanitären Bedarfs in Griechenland NROs zur Verfügung gestellt.

Das MIT-Team hat Hoffnung, dass diese Hilfen eine Wende bringen. Aber die Anzahl der Flüchtlinge, die in Griechenland Asyl suchen, wächst stetig an. Jeder Flüchtling, der seit dem 20. März 2016 in Griechenland angekommen ist oder ankommen wird und nicht für das Familienzusammenführungsprogramm in Frage kommt, hat genau eine Wahl: das Asyl in Griechenland zu beantragen. Aber das Integrationsverfahren ist schwach, denn es gibt z.B. keine offiziellen Sprachkurse. Zuerst erhalten Flüchtlinge durch Wohnungen und Unterhalt Hilfe. Nach drei bis sechs Monaten endet dieser Unterhalt allerdings auch wenn der Flüchtling noch immer gefährdet ist. Viele Griechen sind arbeitslos. Es ist somit sehr schwierig als nicht griechisch sprechender Flüchtling Arbeit zu finden. 

Die Sitzung wird vertagt und die MIT-Freiwilligen gehen zurück an die Arbeit. Sie gehen ans Telefon, rufen Anwälte an, schreiben ihren Kunden und hoffen auf den Tag, an dem ihre Arbeit in Griechenland nicht länger gebraucht wird. 

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