Gesellschaft

Flammen in der Nacht: Russlands vernachlässigte Krankenhäuser

Artikel veröffentlicht am 4. Juli 2013
Artikel veröffentlicht am 4. Juli 2013

Sie hatten keine Zeit. Am frühen Morgen des 26. April 2013 fiel eine psychiatrische Klinik in Moskau einem Großbrand zu Opfer und wurde innerhalb kurzer Zeit zu Asche - dies war nicht die erste Tragödie dieser Art. Dennoch bleiben die Versprechen der russischen Regierung, gegen mangelnde Infrastrukturen und marode Brandschutzmaßnahmen vorzugehen, leere Versprechen.

Am 26. April beendeten die Flammen das Leben von 38 der 41 Menschen, die nicht ahnen konnten, welch große Tragödie sich ereignen würde. Lediglich eine Krankenschwester und zwei Patienten konnten aus der psychatrischen Klinik der russischen Hauptstadt gerettet werden. Alarmiert von frühmorgendlichen Schreien eilten Nachbarn herbei, die jedoch taten- und machtlos zusehen mussten, wie sich das bestürzende Ereignis zutrug. Es heißt, der Geruch von brennendem Menschenfleisch würde einem das ganze Leben in Erinnerung bleiben. 

KrankenhausTragödie

Als eine Stunde später die Einsatzkräfte der Feuerwehr eintrafen, konnten diese nur bestätigen, dass es für die Todesopfer keine Überlebenschanche hätte geben können. Das gesamte Ausmaß der Katastrophe wurde erst mit dem Sonnenaufgang am nächsten Tag deutlich: Das Gebäude war zur Todesfalle geworden. Seine Konstruktion hatte niemanden entkommen lassen: Eisenbalken vor den Fenstern, verschlossene Türen und versiegelte Ausgänge. Anscheinend alles zur Sicherheit der Patienten der Klinik. Das Schlimmste: Die Patienten drängten sich in den Fluren, gingen im dichten Rauch und hysterischen Gewirr schier unter. Als sich die ersten Flammen entwickelten, wussten sie nicht, wohin sie fliehen und sich in Sicherheit bringen sollten. Die, die "Glück" hatten, harrten währenddessen in ihren Betten aus. Sie entschliefen benebelt vom Rauch und den Dämpfen des Feuers, wodurch sie nichts von den Flammen spürten, die sie letztendlich das Leben kosteten.  Die wohl warscheinlichste Erklärung für diese Tragödie ist, dass der Brand durch einen Fehler im Elektrosystem des Krankenhauses ausgelöst wurde. Experten zufolge käme auch Vorsatz als Brandursache in Frage. Die Behörden beteurn hingegen weiterhin, dass die Zugangspunkte zu der Zeit, als sich das Unglück ereignete, keinesfalls blockiert waren. 

Mehr als 200 Opfer in acht jahren

Solch ein bedauernswerter Vorfall verlangt nach Gegenmaßnahmen, die unternommen werden müssten, um derartige sich immer häufiger ereignende Tragödien zu verhindern. In diesem konkreten Fall beispielsweise befand sich die nächste Feuerwehrwache 50 Kilometer vom Unglücksort entfernt. Als die Feuerwehr endlich am Ort des Geschehens eintroffen war, stellte sich heraus, dass man für die Brandbekämpfung nicht ausreichend ausgerüstet war. Die verspätete Ankunft der Rettungskräfte wurde außerdem dadurch verschuldet, dass eine Straße aufgrund einer Überschwemmung eines nahegelegenen Flusses blockiert gewesen warFälle wie dieser entlarven immer zum wiederholten Male das Fehlen intakter Infrastrukturen in Russland sowie den verheerenden Zustand der russischen Gesundheitszentren. Die meisten stammen aus längst vergangenen Sowjet-Zeiten und weisen nahezu keinerlei Sicherheitsvorkehrungen auf. Deshalb ist es alles andere als überraschend, dass mindest ein derartig tragischer Vorfall pro Jahr zur ohnehin schon peinlichen Statistik hinzukommt. Seit 2005 wurden in Russland insgesamt 200 Opfer durch Brandunfälle in Krankenhäusern und Pflegeheimen registriert. 

Und das ist nur die Spitze des Eisbergs: In Russland sind Brandunglücke und Feuer weit verbreitet, wie zum Beispiel der Großbrand im März 2013, der Teile der Universität für Theaterkunst in Moskau zerstörte (obwohl sich hier die nächste Feuerwache nebenan befand). Ein weiterer Fall war das Unglück des Lame Horse Nightclub in Perm, welches 156 Todesopfer forderte und eine Party-Nacht am 5. Dezember 2009 in einer Brandkatastrophe enden ließ. Unvergessen sind auch die Bilder der hilflosen Menschen, die sich entschlossen, lieber selbst in den Tod zu springen, als den Flammen eines Bürobrandes in Vladivostok zum Opfer zu fallen, der im Januar 2006 9 Menschen das Leben kostete. Die New York Times berichtet derweil, dass seit 2008 die Zahl der Brände in Russland bei 8 pro 100.000 Einwohnern liege. Im Gegensatz dazu handele es sich in Griechenland, Dänemark, den Vereinigten Staaten Amerikas oder in Großbritannien um nur einen Großbrand pro 100.000 Einwohnern, argumentiert die New York Times weiter und beruft sich dabei auf den Report einer Genfer Gesellschaft, die sich auf die Analyse internationer Großbrandstatistiken spezialisiert hat. 

Mit jeder neuen Tragödie tauchen die immer gleichen Sätze auf: "Es hätte verhindert werden können", "Die notwendigen Maßnahmen werden getroffen, damit sich solch schreckliche Ereignisse nicht wiederholen". Dies sind nur zwei Beispiele der immer gleichen Phrasen. Die Zeit des Trauerns wird ausgenutzt, um uns zu versichern, dass wir uns nicht zu sorgen hätten. Es handelt sich jedoch um Phrasen ohne jegliche Konsequenz, um nichts als leere Versprechen seitens der Behörden. Das lehrt uns letzen Endes das Feuer.